Hirntumor

Du unbarmherzige, du geliebte Kunst. Du nahmst mich in den Arm, als ich noch ein Kind war. Du lehrtest mich lachen, du lehrtest mich weinen. Du warst mir die beste Freundin. Ich ließ dich in mein Leben und jetzt sitzt du da, ein Krebsgeschwür in meinem Kopf und wächst und wächst, du drückst auf mein Leben, auf meine Persönlichkeit. Du bist da, du willst beachtet werden. Wortlosigkeit wird Schmerz. Wenn ich nicht schreiben kann, schreie ich. Du bist die Unruhe in mir. Die Hummeln in meinem Hintern. Du versprichst mir ein außergewöhnliches leben, du versprichst mir Augen, die anders sehen, eine Haut, die anders fühlt. Du sitzt in meinem Glückszentrum, du machst mich glücklich.

Aber manchmal, manchmal, wie jetzt, erkenne ich, dass  du egozentrisch bist, dass  du Wahnsinn bist. Du bist der Teufel. Du versprichst mir Liebe, versprichst mir Ruhm, versprichst mir alles, was ich möchte. Aber dafür möchtest du nichts Geringeres als mein Leben, meine Seele. Du willst, das ich bettele, dass ich dir alles, alles verspreche, was mir etwas bedeutet, alles und mit Blut unterschreibe. Und ich wünsche mir, wir wären einander nicht begegnet. Ich wünsche mir, du wärst noch immer die schöne Fremde am Arm eines Fremden.

Aber es ist zu spät. Wenn ich dich aus meinem Leben operieren wollte, müsste ich zu viel Gehirn, zu viel Leben, zu viel Persönlichkeit mit herausschneiden. Ich wäre nicht mehr ich. Nur ein Schatten.

Deshalb musst du bleiben. Eines Tages werde ich betteln, eines Tages mit Blut unterschreiben. Eines Tages wahnsinnig werden. Manche werden geheilt. Aber manchmal ist der Krebs zu weit fortgeschritten.

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