Komme auf die Welt, kleiner Embryo!

Kleiner Embryo, du bist fast fünfundzwanzig Jahre alt. Du musst geboren werden. Du musst hinaus in die Welt, musst Geld verdienen, dir eine Existenz aufbauen. Du hast dich lange genug versteckt, wurdest lange genug verhätschelt, ernährt. Du musst nun Mensch werden. Du musst die Glasglocke verlassen, in der du gelebt hast.

Du wusstest, dass dieser Moment kommt. Es muss dir klar gewesen sein, als du dein Abitur gemacht hast.

Du standst da, in der Hand das Zeugnis, passable Noten, du warst gebildet. Du vor der Schule und vor dir die Welt. Erwartungsvoll. Der Ort an dem man sich erst  Ausbildungsplätze, dann Arbeitsplätze sucht, Steuern bezahlt, Häuser baut und Karriere macht.  Das machte dir Angst. Du warst orientierungslos, fühltest dich hilflos. Das ist nicht nur deine Schuld. Man hat dich vollgepackt mit Wissen über Physik, Mathe, Biologie, Geschichte. Du kannst Goethe zitieren, Cicero übersetzen und in drei weiteren Sprachen fluchen. Du bist gebildet. Aber du weißt nichts über dich. Du weißt nichts über das Arbeiten gehen. Du kannst lernen,  kannst Spickzettel schreiben, hast vielleicht eine unheilbare Wissensbulimie. Aber du versteckst dich. Du versteckst dich hinter Wissen, spielst den Erwachsenen. Deine Arroganz des Abiturienten soll deine kindlich, ängstlichen Augen zu verbergen. Weil du nichts über die Welt da draußen, nichts über das Leben weißt. Die Glasglocke Gymnasium ist ein Uterus, der dich von alldem fernhält.

Ich erinnere mich, wie du vor der Schule standst, die dir Halt gab, die deinen Tag geordnet, dein Leben ein Rhythmus gegeben hat. Ich erinnere mich daran. Die Welt lag vor dir. Du aber drehtest dich leicht nach links und dort lag der nächste Uterus. Eine Glasglocke in der man deine Wissensbulimie willkommen heißt: die Uni. Und du gingst dorthin, ohne dich nochmals umzusehen. Fünf, sechs Jahre weiter geborgen im Mutterleib der humanistischen Bildung. Weiterhin umsorgt von klugen Leuten, weiterhin abseits von allem, was zum Leben gehört. Ein Glasglockenleben, in dem Bildung wichtiger ist als Welterfahrenheit. Eine kleine heile Welt. Aber jetzt bist du fünfundzwanzig. Du hast die Uni absolviert. Du stehst wieder da – kleiner Embryo. In der Hand ein Zeugnis und vor dir die Welt, die noch größer und fremder scheint.

Andere sind jünger als du und laufen dort umher, als sei es ganz einfach. Und du hast Angst. Ich sehe es deinen Augen an. Du siehst dich panisch um. Wo ist die nächste Glasglocke? Der nächste Mutterleib? Dort ist die Promotion. Aber wenn du dich dafür entscheidest, wirst du mit dreißig wieder hier stehen. Genau hier! Deine Angst vor der Welt wird kein Stück kleiner geworden sein. Du wirst hier stehen, bibbernd, ängstlich, ein Embryo von dreißig Jahren, der sich weigert, auf die Welt zu kommen.

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