Geliebter Kummer

Kummer ist allumfassend. Kummer schließt die andere Welt aus, schließt die Tür ab und ist da. Er durchdringt jeden Atemzug, jeden Gedanken. Kummer ist die traurige Miene eines Menschen, dem nichts fehlt.

Ich umarme meinen Kummer, ich umarme ihn und halte ihn fest, wie ein sehr geliebtes Kuscheltier. Ich fühle mich unendlich traurig. Ich möchte mit niemandem reden, möchte nichts tun, als eingeschlossen da sitzen und mir leid tun und fragt mich jemand: wie geht es dir. Werde ich sagen: Gut. Ich lüge mit tränentrockenen Augen, damit er mich nicht tröstet. Mein Gegenüber merkt es, aber er nickt nur lächelnd, weil er feststellt, dass ich nicht darüber reden möchte. Vielleicht ist er auch froh, weil er nicht wüsste, wie er jemanden, der nicht getröstet werden will, aufmuntern soll.

Das ist Kummer.  Kummer macht mich blind. Mir geht es gut. Mein Leben zwickt nur leicht. Aber ich bade mich in diesem Pfuhl aus Selbstmitleid. Ich fühle mich tragisch. Ich fühle mich missverstanden. Ich hüte dieses kleine Pflänzchen des Kummers. Ich verrate niemanden, warum ich so unendlich traurig bin. Denn dann müsste ich mir und meinem Gegenüber eingestehen, dass alles in Ordnung ist. Nicht ganz grün, mehr gelb als grün,  aber weit davon entfernt, rot zu sein. Das Leben zwickt manchmal. Manchmal heftig. Aber viel von den Tagen, an denen wir herumlaufen, als seien wir tragische Helden, als hätten wir unendliches Leid gesehen und trügen einen tiefen Teich von Trauer in uns, sind Tage, an denen wir uns wünschen, das kleine Pflänzchen wäre ein Baum, der seine Wurzeln tief in die Seele gegraben hätte. Wir wünschen uns, wir wären tragisch missverstanden, wären vom Leben gebeutelt. Weil die Vorstellung allein, es wäre so, verhindert, dass wir uns bewegen müssen. Wir können sitzen und trauern und trauern, dass wir trauern. Wir klammern uns an den Kummer fest, umarmen den Wunsch, dass es nicht nur ein Pflänzchen, sondern ein Baum wäre, der uns von einem fröhlichen Tag trennt. Ein Baum, den mir niemals umreisen können. Weshalb wir hier sitzen bleiben müssen, abgeschottet von der Welt, ohne Telefon, trauernd, ohne so recht zu wissen worum.

Und selbst wenn der Teich etwas tiefer, die Trauer etwas echter wäre, können wir den Mut finden und schwimmen. Über das Leid, Mitleid und Selbstmitleid hinweg schwimmen zu einem Lächeln.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s