Heute: Mein Traum von einer besseren Welt

Ich träume von einer Welt, in der Menschen leben. Keine Roboter, die nach Effizienz ein – und aussortiert werden. Ich träume von einer Welt, in der nicht, wie in der unsrigen, alles nach Leistungsdenken funktioniert. In der dieses Denken nicht ansteckend ist.

In der man es nicht überall findet und es manchmal den Gedanken nahelegt, dass Luft anhalten, über die Besinnungslosigkeit hinaus, das beste Mittel sein könnte, um keine Schuld auf sich zu laden.

IMG_5597

Ich werde diesen Gedanken ausführen. Zunächst : die Bildung. Es ist ein System, das unglaublichen Druck ausübt. Der Mensch wird messbar gemacht, in Noten gedrückt, sein Wert danach berechnet. Das ganze Gerede von „Persönlichkeit ist wichtiger als die Noten“ ist Schmarn. Mir zumindest hat noch nie jemand gesagt: „Deine Noten sind jetzt nicht so toll. Aber du besitzt eine wunderbare Persönlichkeit. Du bist eine große Bereicherung für uns.“

Ein Gymnasiast mit einem Einserschnitt scheint für die Gesellschaft von mehr Bedeutung zu sein, als ein Förderschüler. Gymnasiasten machen ihre Eltern stolz, von ihnen wird etwas Großes erwartet. Und jeder möchte sich nützlich fühlen, jeder möchte hören, dass er gebraucht wird. Also versucht jeder ein  Einser- Gymnasiasten zu sein. Die einen schaffen es, die anderen nicht. Viel besser kann man Scheitern und Nicht-Scheitern nicht zu Papier bringen.

Bähm: Leistungsdruck ohne Ende oder Resignation. Begabungen, die sich nicht mit Noten messen lassen –  gutes Zuhören, ruhiges ausgeglichenes Gemüt, Rücksicht –  werden nicht wahrgenommen.  Der Mensch ist, was er an Noten bringt. Sein Wert, sein Ansehen in der Gesellschaft lässt sich daran messen. Charaktereigenschaften bleiben außen vor.

Dazu kommt eine gewisse Verlogenheit, weil zu viel erwartete wird. Man soll dazu befähig werden, die Gesellschaft weiterbringen, Erfindungen zu machen, kreativ zu  denken, Probleme zu lösen, Wir alle sollen nützliche Mitglieder werden. Aber wenn gespart wird, dann an den Unis und den Schulen. Viel Leistung, wenig Geld. Auf Dauer wird das nicht gutgehen.

Und in diesem Denken bin ich noch Opfer. Bin die Generation, von der viel erwartet wird, in die aber wenig investiert wird.

Aber ich stelle fest: Der Anspruch, viel bekommen zu wollen ohne viel zahlen zu müssen, ist ansteckend und ich bin infiziert.

Ich möchte, dass meine Pakete möglichst schnell und möglichst billig von A nach B kommen. Ich weiß, dass das auf Kosten der Postboten geht, die schlecht bezahlt werden. Ich könnte Alternativen zu Hermes etc. suchen. Teurer und langsamer, aber fairer…

Amazon drückt die Preise. Eigentlich sollte man, um den Einzelhandel zu stärken, in kleinen Läden einkaufen. Aber das wäre teurer und käme nicht so bequem mit der Post nachhause…

Bei einem Großteil meines Essens kann ich davon ausgehen, dass irgendwer darunter leidet. Entweder die Tiere oder die Bauern. Ich kann auf verschiedenes achten, aber dennoch muss ich bei jedem Einkauf davon ausgehen, dass ich Schuld auf mich lade. Ich lebe damit. Ich rede mir ein, ich könnte es mir sonst nicht leisten…

Leben bedeutet Schuld auf sich laden. Zum Teil, weil ich sonst alles hinterfragen müsste , zum anderen, weil ich bequem bin.

In meinem Denken hängt das alles miteinander zusammen. Alles muss schnell gehen, billig und trotzdem gut sein. Keiner hat mehr Luft zum Atmen. Keiner möchte Fragen stellen. Fragen stellen, bedeutet, sich seiner Schuld bewusst zu werden. Keiner möchte, dass Fragen gestellt werden. Wer Fragen stellt, könnte auf die Idee kommen zu protestieren, könnte sich verweigern. Verweigerung bedeutet weniger Geld, bedeutet Schwierigkeiten. Bedeutet langsames Funktionieren, bedeutet teuer und trotzdem nicht so gut. Bedeutet Reklamation und Schwierigkeiten.

Ich stelle fest, dass ich noch in Revolutionen denke. In Schwarz-Weiß. In Verweigerungen. Ich denke noch utopisch, träume von einer Welt, in der es Stellenanzeigen gibt, in denen etwa steht:

„Wir wollen Dich mit all deinen Begabungen und Schwächen.

Wir wollen Dich als Menschen mit Vergangenheit und Träumen.

Wir suchen genau Dich!“

Ich stelle mir vor, dass der Leistungsdruck und die Anpassung, die Resignation –irgendeinen Tod muss man sterben- nur ein böser Traum ist. Dass es eine Welt geben kann, ganz ohne diese Einsichten. Aber ich bin inzwischen alt genug, um zu verstehen, dass man sich anpasst. Dass ich eines Morgens aufwachen werde und die Welt so nehmen, wie sie ist. Ich werde nicht mehr von einer Welt träumen, in der es kein Leistungsdenken gibt, sondern es als gegeben hinnehmen. Und irgendwann werde ich vielleicht jemand sein, der sagt: „Das muss so sein, Das war früher auch so.“

Und ich werde meine utopischen Kinder in dieses Korsett zwängen, in das ich gezwängt wurde und vor mir meine Eltern, weil nur bestehen kann, wer geschnürt ist.

Advertisements

4 Gedanken zu “Heute: Mein Traum von einer besseren Welt

  1. Die Utopie scheitert an der Faulheit, die die größte Schwäche vieler ist, mich eingeschlossen. Wenn du mit all deinen Schwächen, also auch deiner Faulheit angenommen würdest, dann bräuchtest du nichts mehr zu tun. Dass du dann etwas tun würdest, was dir so sehr Spaß macht, dass du deine Faulheit besiegst, dass bräuchte ein Menge Charakterstärke und das Wissen, was einem denn Spaß macht – und um solche Menschen heranzuziehen, bräuchte es bereits die Utopie.
    Ich möchte nicht aufhören von einer solchen Welt zu träumen, auch wenn ich mich tagtäglich gegen sie wende mit meinem gedankenlosen, anerzogenen Tun. Sicherlich kann ich nicht in Utopia leben oder es im Alleingang heraufbeschwören, aber ich kann in kleinen, winzigen Schritten dorthin wandern. Und ich weiß, dass einige mitwandern.

  2. Hm, du schreibst so viel, dass ich gar nicht weiß, auf welchen Teil ich reagieren soll.
    Zunächst mal: Ich finde Noten völlig okay. Sogar gut und wichtig. Sie geben Orientierung, wo man steht, auch Kindern sie dabei, zu entscheiden, ob sie da stehen wollen. Wenn nicht, was sie ändern können. Das Streben danach, etwas erreichen zu wollen, sich einzuordnen, seinen Platz zu finden, ist etwas zutiefst menschliches und in unserer Biologie verankert. Wir sind Gruppentiere und leben in Gruppenordnungen.
    Nicht okay finde ich, wenn Noten zum Wertmaßstab eines Menschen werden. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren unsere Gesellschaft negativ verändert. Noten gab es früher auch. Aber jemand mit Haupt- oder Realschulabschluss hatte deswegen keine Selbstwertprobleme. Dafür können die Noten auch nichts. Das ist die kapitalistische geiz-ist-geil und wir-wollen-alle-reich-und-schön-sein-Mentalität. Manchmal werten sich Menschen selber ab, manchmal werden sie von anderen abgewertet. Beides unnötig.
    Jeder Mensch hat unterschiedliche Talente, die sollte er nutzen. Und dann wird es gut. Es liegt an jedem einzelnen, die Welt in diese Richtung zu bewegen.
    Und damit komme ich zum zweiten Punkt: Du schreibst ja selbst, dass du an verschiedenen Stellen Dinge tust, die du eigentlich nicht okay findest. Wie wäre es, wenn du versuchst, Stück für Stück bewusster zu konsumieren. Das Buch etwa beim kleinen Buchhändler zu kaufen ist keineswegs teurer als bei Amazon, in Deutschland gibt es Buchpreisbindung (zum Glück). Du kannst beim Lebensmitteleinkauf darauf achten, dass die Produkte aus der Region kommen und nicht um die halbe Welt geschippert wurden, das ist nicht teurer, jedenfalls nicht bei gleicher Qualität. Gut, nachhaltig gefangener Fisch und Biofleisch, das ist teurer. Aber mir ist es das wert. Dann halt weniger, dafür besser.
    Wir können viel tun. Und jeder kann jetzt damit anfangen.
    Dann rückt die Welt deinem Traum vielleicht ein bisschen näher.

    1. Ich bin nicht direkt gegen Noten, eben weil sie bei der Selbsteinordnung helfen. Aber an vielen Stellen stehen Noten über dem Menschlichen. Ich vertrete die Ansicht, dass wer Lehrer werden möchte, mit Kindern\ Jugendlichen umgehen können muss, und den Stoff halbwegs beherrschen sollte. Und in der Theorie wird einem das auch gesagt. „Den Stoff können Sie lernen, aber die Persönlichkeit müssen Sie mitbringen.“ Aber ich habe das Gefühl, es werden einem erst einmal eine Reihe von Noten gegeben, die die Klugen von den weniger Klugen aussortieren. Das Auslesen in dem Lehramtsstudium erfolgt erstmals durch eine Reihe von Klausuren, die die schwierigsten des Studiums sind und nur sehr wenig mit dem zu tun haben, was man später braucht, dann erst durch Praktika und Kinder.
      Das mit dem Bessermachen durch gewissenhaften Einkauf stimmt schon und ich bin sehr bemüht. Aber auch da stößt man auf Grenzen finanzieller Natur. Beispiel: Biofleisch. Reicht „Aldi Bio“? Oder muss es „echt“- Bio sein. Und woher weiß ich, dass es echt Bio ist? Kaufe ich das Fleisch also beim Landwirt, bei dem ich weiß, dass die Tiere anständig gehalten wurden? Gut und schön, Wie ist es mit der Milch? Gehe ich zum Bauer, um dort Milch zu kaufen, weil ich „bio“- Zeichen nicht traue? Und dann Käse? Kaufe ich nur Bio Käse, Joghurt, Quark? Und Eier? Freilandeier, gut und schön. Glaube ich dem mal, was drauf steht. Aber Mayonnaise, Nudeln, Eis? Verzichte ich darauf? Mache ich es selber? Oder hört es da auf?
      Und das sind nur tierische Produkte.
      Das lässt sich über die Bauern, über die Transportkosten von Obst und Gemüse bis hin zu den Kleidern, Möbeln, Teppichen fortsetzen.
      Ich bilde mir ein, bewusst zu leben. Ich achte auf Bio, auf Fairtrade, kaufe nicht viele Klamotten und beginne Amazon zu hinterfragen. Aber ich lerne, dass es nötig ist, Kompromisse einzugehen und ich glaube, dass Kinder dazu viel weniger bereit sind. Es ist ein Verhalten, das man von außen anerzogen bekommt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s