Ich bin die Andere…

Ich gebe Nachhilfe. Und als das Kind keine Lust hatte, Mathe zu machen, meinte es: „Ich habe heute jemanden geärgert.“

Ich fragte: „Warum?“

Sie schaute mich an und meinte dann: „Persönliche Gründe.“

Ich war überrascht. „Persönliche Gründe“, das klingt nach Erwachsen – Sein. Das klingt nach Eheproblemen,  Krankheit, Komplexen, das klingt nach Ernst und Abschottung. Das klingt nach der Angst eines Erwachsenen, jemand anderes könnte zu viel von einem wissen. Das klingt nicht nach einer sich auf dem Schulhof prügelnde Zehnjährigen. Und mein überraschtes Innehalten und mein fast spöttische Gedanke: „Was für ein ernsthaftes Geheimnis wirst du wohl haben?“, beschämte mich anschließend. Als hätten Kinder keine Sorgen. Als wären Kindersorgen so viel nichtiger als die der „Großen“. Aber dass wir das denken, liegt daran, dass wir die „Großen“ sind. Aber warum soll deshalb ein Kind weniger große Sorgen haben? Ist die Angst gehänselt zu werden, die Trauer um eine wegziehende Freundin, das Gefühl der Machtlosigkeit, weil man so klein ist, wirklich weniger wichtig, als die Sorge finanziell nicht über die Runden zu kommen, in Studium\ Beruf zu versagen, oder die Angst vor dem Tod? Oder erscheint es nur so, weil es unsere eigenen Sorgen sind? Und für uns bedeutet eine wegziehende Freundin keine Katastrophe, weil wir hinfahren können, telefonieren und weitaus unabhängiger von Freunden sind. Mit Abstand sagt man, gehänselt werden ist nicht so schlimm, das macht einen reifen Menschen aus dir, oder man sagt: dann wehre dich! Aber wir sind schon reife Menschen, wir sind in uns gefestigt und haben vergessen, welche Abhängigkeit man in diesem Alter von anderen Kindern hat, welche grausamen Methoden Kinder haben können, um einander zu hänseln. Unsere Machtlosigkeit bezieht sich auf das Geld, auf das Leben, viel größer also, denken wir. Aber für die Kinder ist die Welt kleiner und die Machtlosigkeit gegen Eltern, Mitschüler, Lehrer muss genauso groß sein, wie unsere Machtlosigkeit gegen den Tod.

Ich wage daher zu behaupten, dass Kindersorgen genauso groß sein können, wie Erwachsenensorgen, nur dass ihre Welt viel kleiner ist und ganz andere Regeln hat als unsere.

Und überrascht und schockiert stellte ich in diesem Zusammenhang fest, dass ich nun „Erwachsen“ bin. Ich gehöre in diese Gruppe, von der ich vor fünfzehn Jahren nur eine vage Vorstellung hatte. Diese Gruppe der „Erwachsenen“, die sagte, „das muss du tun“ oder „lass das“, die die Ansicht vertrat, man könne keine Schokolade frühstücken und müsse für die Schule lernen, die ihre Ruhe haben wollte, sich stundenlang unterhalten konnte, Tischmanieren schätze und den ganzen Tag etwas sinnvolles tat, niemals spielen ging. Erwachsene waren komisch, man konnte sie bewundern, lieb haben, aber sie hatten immer Recht, wussten immer alles besser, und belächelten so viel, was man tat.

Und jetzt stelle ich fest, ich habe nicht nur die Kindheit hinter mir gelassen, sondern auch meine Jugend. Diese rebellische Zeit, in der man grundsätzlich dagegen war, eigene Regeln aufstellte, utopische Zukunftswünsche hatte und viel zu viel Energien.

Jetzt bin ich erwachsen. Ich treffe Leute, um mich zu unterhalten und Tee zu trinken, ich halte Ordnung und Sauberkeit für erstrebenswert,  mag es, etwas für mich zu machen und leide kein Stück darunter, einkaufen zu gehen, aufzuräumen, zu lernen. Aber ich stelle fest, dass ich Kinder und ihre Ideen belächele, manchmal, ich der Meinung bin, dass Erwachsene mehr dürfen als Kinder (wie mich das früher aufgeregt hat), ich stelle fest, dass ich gemütlicher werde, Ruhe haben möchte und nicht mehr die ganze Welt umstülpen. Ich stelle fest, dass ich denke, das kannst du doch nicht machen, dazu bist du inzwischen zu alt. Und dieser Gedanke schockiert mich dann am meisten.

Es gab Zeiten, da war ich das Kind und mir gegenüber saß eine Erwachsene, die ich nicht ganz verstand, deren Welt mir fremd erschien, ihre Reaktionen rätselhaft, und das gesamte Leben, nur eine aus Beobachtungen und Aussagen konstruierte Ahnung meiner Zukunft. Und irgendetwas ist passiert. Jetzt bin ich die Andere und vor mir sitzt ein Kind, das von „persönlichen Gründen“ spricht, und ich registriere, dass ich ihre Welt nur noch aus Erinnerungen an meine Vergangenheit im Groben kenne.

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2 Gedanken zu “Ich bin die Andere…

  1. Hallo!
    was für ein schöner Artikel. Er hat mir echt aus der Seele gesprochen und in Worte gefasst, was ich vage empfunden habe. irgendwas ist mit mir passiert in den letzten Jahren, dass ich kein Kind mehr bin und Kinder anders anschaue… sehr klug und einfühlsam.
    cheers!
    fraulinde

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