Individualität durchs Essen

Als ich aufhörte Fleisch zu essen war ich dreizehn oder vierzehn. Das Alter halt, in dem Mädchen das meistens tun. Anlass war, auch wenn ich das damals abgestritten hätte, das Lied von den Ärzten „Blumen“. Erst später unterfütterte ich meinen Verzicht mit Gedanken. Meine Mutter brachte mich drauf. „Wenn du keine Gründe hast, hältst du es nicht durch.“, sagte sie zu mir und ich ging auf die Suche nach der Frage, warum ich kein Fleisch esse. Das dauerte nicht so furchtbar lang. „Um die Massentierhaltung nicht zu unterstützen.“ Und dieser Gedanke hat dafür gesorgt, dass ich es durchgehalten habe, jetzt fast zehn Jahre.

Richtig Vegetarier bin ich nicht, weil ich es ja zur Nicht-Unterstützung von Massentierhaltung bin. Aber konsequent weitergedacht, ist das Fleisch aus nicht Massentierhaltung in Ordnung. Muss ja eigentlich sogar gefördert werden. Da ich auf einem mehr oder minder Bauernhof aufgewachsen bin, war das sehr gut möglich.

100_2593[1]Nun haben wir da dieses Vegan-Essen-Projekt. Eigentlich ist mir Veganismus zu radikal, wobei unser Projekt den Verzicht auf Konservierungsstoffe, helles Mehl und Zucker vorsieht. Aber mit dem Essen geht eine Einstellung einher, zum Essen, zum Einkaufen, zum Kochen, zu mir und meiner Stellung in der Welt. Und ich stellte, als ich – gestrandet an einem Bahnhof, eine Stunde wartend, dass der nächste Zug kommt – in einem Laden stand, hungrig und missmutig und mir im Regal etwas aussuchte, das den vielen Verzichtsregeln entsprach, fest, dass mir die Stellung als Veganer gefällt.

Letztendlich definieren wir uns selbst über unsere Essensgewohnheiten. Sage ich, ich esse kein Fleisch, definiere ich mich als Vegetarier und grenze mich ab von denen, die Fleisch essen. Und mit vierzehn hat man ein großes Bedürfnis, sich abzugrenzen, sich selbst zu definieren.

Aber auch heute definiere ich mich über meine Essensgewohnheiten.

Ich vertrage kein Soja- Lethitin, esse zumeist vegetarisch, mag keine Kaugummis, trinke wenig aber gerne Kaffee. Ich mag kein Sellerie, bin aber ansonsten experimentierfreudig, habe schon Schnecken gegessen und Meeresfrüchte. Ich liebe Schokolade, kann Gummibärchen und Chips nicht so viel abgewinnen. Ich mag kein Wasser, aber auch keine Cola, und bei Eistee sehe ich immer nur den Zucker, deshalb trinke ich viel Tee. Schwarzen Tee oder Kräutertee. Roten Tee mag ich nicht.  Ich kaufe oft Bioprodukte und gefalle mir als Bioproduktenkäufer. Wenn ich das Geld hätte, würde ich nur in Bioläden einkaufen. Ich trinke kaum Alkohol, mag aber die Vorstellung des Biertrinkens – greife daher auf Malzbier zurück. Ich mag weder Essig noch Senf in großen Mengen, dafür könnte ich in alles Curry machen. Ich liebe den Geruch davon. Gäbe es eine Curry-Duftkerze, würde ich sie mir vermutlich kaufen. Zitronenlimonade schmeckt nach Kindheit, aber schon damals habe ich die Kohlensäure rausgerührt.

Und im Moment gefalle ich mir als jemand, der vegan isst. Ich mag es, mich damit abzugrenzen, ich mag die Kontrolliertheit, die es bedarf, ich mag den „Bio“-Siegel auf dem Essen, ich mag den Besitz von Hafermilch und den Nicht-Besitz von Joghurt, Käse, Eiern.

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Viele Kleinigkeiten, mit denen wir uns definieren, abgrenzen von den anderen. Vegetarismus definiert. Kein Kaffeetrinkern oder viel Kaffeetrinkern definiert. Man gehört in eine Gruppe, oder eben nicht. Jede Essensgewohnheit ist ein Statement, ein „So bin ich“. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir es uns leisten können, uns darüber zu definieren. Und wir tun es. Mir fällt nur ein Mensch ein, der nicht bestimmte Dinge nicht isst, anders ausgedrückt, grundsätzlich alles isst.  Jeder andere hat eine persönliche Liste der Dinge, für die er lieber hungert. Von althergebrachten Abneigungen gegen Rosinen und Marzipan, über Zucker und Weißmehl,  bis hin zu Kartoffeln und Pilzen.

Wir feiern unsere Individualität in Essensgewohnheiten.

 

 

 

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