Ein Requiem

Ein Grab für unsere Träume, unsere Zukunftserwartungen. Eine Requiem für unser Interesse an der Welt. Es stirbt dahin. Noch spüren wir es nicht, noch seht ihr ihn nicht: unseren langsamen Verfall. Er wird euch nicht wehtun, weil neue Optimisten kommen werden. Ihr werdet aus unserem Dahinsiechen lernen. Die nächste Generation wird nicht verloren sein. Uns aber werdet ihr totschweigen.

Aber wer weiß, vielleicht schafft es der ein oder andere von uns. Vielleicht bleiben Träume bestehen, vielleicht überlebt das ein oder andere Interesse an der Welt. Vielleicht wächst in uns ein Überlebensinstinkt, vielleicht ist es noch nicht zu spät…

Wer sind wir? Wir sind die Bachelorstudenten, die Totgehetzten, die Scheuklappensprinter, die Hürdenläufer. Wir sind die Desinteressierten, die Seminarschwänzer, die Kulturignoranten. Wir sind die Zukunftslosen. Wir sind überall. Wir sind eine Masse, aber in der Masse sind wir viele einzelne Menschen, einzelne Kämpfer. Unter all jenen, bin ich.

Wer bin ich?

22 Jahre, Studentin, Bachelor of education.

Ich studiere an einer kleinen Uni, neun Gebäude, vier Fachbereiche, dreimal zu viele Studenten. Ich studiere in überfüllten Vorlesungen, mit möglichst wenig Sauerstoff, auf kleinem Raum – Verhältnisse, wie man sie aus Dokus über Massentierhaltung kennt. Ich bete zu Semesterbeginn nicht schon wieder aus Seminaren rausgeschmissen zu werden, weil der Platz fehlt. Ich lerne Pünktlichkeit, weil nur die Überpünktlichen in den vollen Vorlesungen Sitzplätze bekommen.

Die Uni ist zu klein für die vielen Studenten, die Dozenten zu wenig für das, was gelehrt werden könnte. Es fehlt am Geld, heißt es. Was, frage ich, ist wichtiger als wir?

Gegen die fehlenden Dozenten hilft nichts, gegen den Platzmangel: Auslagern. Man schafft Außenstellen. Ich fahre in die Stadt, um zum BAföG- oder zum Prüfungsamt zu gehen.

Jetzt gibt es ein neues Gebäude. Es ist noch nicht fertig. Aber schon als es nur ein tiefes Loch in der Erde war, dort, wo wir früher im Sommer auf dem Rasen gelegen haben, begann man zu hoffen, auf einen Seminarraum, auf einen Vorlesungssaal, ein Büro. So groß das Gebäude auch ist, für all die frohen Erwartungen, ist es zu klein. Die Uni gleicht einer zehnköpfigen Familie in einer Dreizimmerwohnung, überall ist schon jemand. Es fehlt am Platz.

Anderseits findet man Leere, wo man sie nicht erwartet. Der Mikadoplatz ist abends wie ausgestorben. Es gibt keine Studenten, die noch zusammensitzen. Als seien sie Ratten auf einem sinkenden Schiff, fliehen sie die Uni.

Mitten im Semester sind die Seminare fast leer. Zwei Monate vorher weiß man nicht, wohin mit den Armen, plötzlich hat man ganze Tische für sich allein. „Faule Studenten!“, steht auf der Stirn des Dozenten. „Es gibt wieder Anwesenheitslisten!“, sagt er. „Lest die Bücher!“, er knallt einen Stapel Bücher aufs Pult. Keiner wird sie lesen. „Es ist nicht mein Problem, wenn ihr bequem seid, aber es wird eures sein!“, droht er. Vermutlich aus Verzweiflung, weil ihn nur leere Gesichter ansehen. Alle ihre Zeit irgendwie absitzen, irgendwie…energielos. Aber wir sind nicht faul, wir lernen unsere Lektion. Wir lernen die Verhaltensweisen der Bachelorstudenten, wir lernen zu überleben.

Der Bachelor brachte einen Berg an Erwartungen mit sich: eine Menge Klausuren, Hausarbeiten und einige Anwesenheitslisten. Wer versucht, alle Erwartungen zu erfüllen, geht unter. Wer versucht, alle Bücher zu lesen, alle Prüfungen zu bestehen und noch etwas für das Unileben zu tun, was man ja irgendwie schon sollte, zerbricht daran. Das Studium in angemessener Zeit überstehen heißt, Dinge auszublenden. Das Studium selber wird zum Hürdenlauf. Statt sich in etwas reinzuknien, sich in den unendlichen Weiten des Wissens zu verlieren, statt sich mit etwas auseinander zu setzen, was uns interessiert, rennen wir mit einer Stoppuhr in der Hand. Gegen was? Wir wissen es nicht! Warum? Weil man es erwartet. Noch drei Semester und fünf Module. Noch zwei Semester und drei Module. Noch ein Semester: Endspurts drei Module: zwei Hausarbeiten, eine Klausur und die Bachelorarbeit. Aber das klappt, alles klappt. Drei Wochen für eine Hausarbeit, wenn ich fünfzehn Bücher überfliege, vielleicht spuckt auch Wikipedia etwas aus. Drei Wochen lang kaum Schlaf, viel Kaffee, keine Zeit für irgendetwas. Fünfzehn Seiten geschrieben. Rechtschreibung korrigiert. Das Thema wäre schon spannend, man könne noch ein Buch drüber lesen… Spinn nicht rum! Für so etwas reicht die Zeit nicht! Die nächste Hausarbeit muss abgearbeitete werden! Die fünfzehn Bücher zurück zur Bibliothek, die nächsten Fünfzehn in die kleine Wohnung. Nochmal los, neuen Kaffee kaufen. Noch zwei Wochen Zeit, dann muss auch die Hausarbeit fertig sein.

Mails mit Angeboten des Unilebens? Gelöscht! Keine Zeit! Asta? Stupa? Unizeitung? Keine Zeit!

Irgendwann entwickelt man Scheuklappen. Man sieht nur noch die nächste Hürde, die genommen werden muss, überlegt, wie man das mit möglichst wenig Aufwand überstehen kann. Dass es an der Uni Kolloquien gibt, Filmeabende, dass es Bücher zu den Seminaren gibt, die man lesen könnte, dass es Kultur am Campus gibt… irgendwann hört man auf, das zu sehen, die Zeit reicht nicht. Geradeaus rennen, mit der Stoppuhr, keine Zeit rechts und links zu schauen und auch keine Kraft. So leeren sich Seminare, wenn es keine Anwesenheitsliste gibt, weil man nur noch das tut, was gemacht werden muss.

Der Bachelor lehrt, nicht mehr zu tun, als nötig. Wenn man nur zwei Atemzüge irgendwo innehalten, verliert man wichtige Zeit, die man für die nächste Prüfung braucht, die bestimmt kommt.

Wir werden zu Scheuklappensprintern herangezogen, zu Desinteresse, zu Menschen, die nur das tun, was man ihnen sagt, die nicht wissen, was sie wollen, weil sie sich keine Gedanken machen können. Wir sind die Stummen, weil wir keine Zeit haben, über den Tellerrand zu schauen, keine Zeit, keine Energie für Proteste. Wir sind der verlorene Jahrgang, wir hetzen durch das Studium und haben Burn-Out-Symptome, ehe wir die dreißig erreichen. Am Ende des Studiums wissen wir: Nichts. Neben dem Desinteresse und der Rastlosigkeit haben wir uns eine ernsthafte Wissensbulimie zugezogen. Wir bekommen Vieles schnell in den Kopf, behalten es aber nicht, sondern spucken es möglichst bald wieder aus, um Platz für Neues zu haben. Es ist keine Zeit zum Verdauen. So jemanden will man nicht einstellen. Wir werden die nervlich aufgeriebene Generation sein, die, die keine Arbeit findet, weil wir Nichts können, Nichts wissen, uns selbst nicht kennen.

Wir sind dem System ausgeliefert, es saugt uns aus. Es spielt seine Spielchen. Es untersucht, was wir schaffen, wie viel wir leisten können, ehe wir zusammenbrechen. Das Referendariat wurde runtergekürzt auf 1,5 Jahre, statt den zweien bisher. Warum? Wir haben ja jetzt Praktika. Ein Witz, ein schlechter! Die wenigen Wochen Praktikum können kein halbes Jahr Referendariat ersetzen. Jetzt kürzt man die Praktika. Wann, frage ich, sollen wir denn lernen zu unterrichten?

Aber wir haben nur kurz Zeit, uns darüber aufzuregen, dann rennen wir weiter, auf ein Ziel zu, von dem wir nicht wissen, ob wir hinwollen. Aber es bleibt keine Zeit innezuhalten und nachzudenken. Wir sind die Generation, die die Ruhe fürchtet. In der Stille warten Selbstzweifel. Schaffe ich das Studium? Was erwarte ich vom Leben? Will ich das überhaupt? Es wird zum Selbstläufer. Wir denken nicht darüber nach, was wir wollen, was wir können, was uns umgibt, weil wir rennen, um in sechs Semestern mit dem Bachelor fertig zu werden. Und dann rennen wir, weil all die verdrängten Fragen, all die Zweifel zu uns kommen, wenn wir kurz, nur kurz, Ruhe haben. So haben wir keine Zeit zu merken, was um uns vorgeht. Die Stupa-Sitzungen bleiben leer, Ideen zum Bessermachen bleiben aus. Jeder versucht zu überleben.

Man verspricht uns, wir werden leben, überleben. Man verspricht, eines Tages würden wir Lehrer sein. Aber wir werden nichts können, nichts wissen, leer sein. Keiner wird Mitleid mit uns haben. Man wird sagen: „Aber du hast doch studiert. Man hat doch versucht, dir etwas beizubringen. Warum jammerst du jetzt, dass du nichts weiß. Dass du Depressionen hast? Du musst etwas falsch gemacht haben!“  Man wird sagen, es ist unsere Schuld, was aus uns geworden ist. Niemand wird sich überlegen, dass wir nur in ein Getriebe geraten sind, in dem man nicht nachdenkt, nur viel fordert, wenig investiert. Niemand wird in Erwägung ziehen, dass wir die Opfer sind. Auch wir nicht.

Vielleicht ist das Requiem zu früh. Ich zu pessimistisch. Vielleicht werden wir aufwachen, ehe zu spät, ist. Und uns für uns einsetzen, weil es sonst keiner tun wird. Vielleicht werden wir uns dem Ganzen verweigern. Uns nicht durch das Studium hetzen lassen. Die Scheuklappen abstreifen. Noch ist nicht alles verloren. Lasst uns wach werden, lasst uns nicht der verlorene Jahrgang sein, sondern der, den Erwartungen trotzt und Wege abseits des Systems sucht.

Vielleicht ist das Requiem zu früh.

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