Inflation der Kunst und Mitmenschen

Ich war bei einem Gartenkonzert. Das ist inzwischen solange her, dass es ein Wetter war, bei dem man noch gerne draußen saß. (Nicht so wie heute. Heute sitze ich mit Pulli drin, klammere mich an den warmen Tee und friere trotzdem. Man sollte halt nur gezielt lüften…) Also es war noch warm und ich war bei einem Gartenkonzert. Leute standen vorne und spielten, während die Zuhörer auf Bänken saßen und zuhören mussten. Es war ein so kleiner Rahmen, dass es aufgefallen wäre, wenn jemand sein Smartphone ausgepackt hätte, man konnte nicht rumlaufen oder tuscheln. Es gab noch nichts zu essen und der Sekt, der bereits ausgeschenkt worden war, war längst ausgetrunken. Man musste also wirklich sitzen und zuhören. Ich gehe nicht regelmäßig zu Konzerten, aber da ich eine sehr musikalische Familie habe, kam ich in den letzten Jahren und inzwischen Jahrzehnten nicht drumherum irgendwo zu sitzen und mir Musik anzuhören und da ging es stundenlang. Als der erste Teil dieses besagten Gartenkonzertes also nach 20 Minuten beendet wurde und der zweite Teil kein Stück länger ging,  dachte ich schon : „Hoppla. Das ist die Version für nicht routinierte Musikhörer.“

Andererseits fiel mir aber auch auf, wie anstregend es sein kann, nur zu sitzen und zuzuhören. Das tut man allgemein nämlich sehr selten. Wenn ich ansonsten Musik höre, räume ich die Küche auf oder schreibe Blog-Beiträge oder male oder arbeite. Aber nur sitzen und nur Musik hören, ganz ohne irgendetwas dabei zu tun, mache ich sehr selten. Für Hörbücher gilt das übrigens auch. Wobei das Problen dabei besteht, dass es schon vorkommt, dass ich nur zuhöre, aber dann schlafe ich ein. (Aber die Idee hinter dem Hörbuch ist es vermutlich ja auch, dass man noch etwas tun kann, daher der Werbespruch von audible „Audible. Clever lesen. Einfach zeit sparen.“ Ich halte den Spruch für ziemlich bescheuert, aber dazu später mehr…)

Lesen, was eine Tätigkeit ist, die sich selten mit etwas kombinieren lässt, wird dennoch kombiniert, indem womöglich Musik nebenher läuft.

Neuere Entwicklungen, die mit der Verbreitung der Smartphones einherging, man macht niemals etwas allein, man kombiniert es immer mit dem Smartphone. (Was allgemein sozial bedenkliches auslöst, beispielsweise: man trifft sich nicht nur mit Freunden, man chattet währenddessen mit Nicht-Anwesenden.) Aber auch Filmgucken, was im Gegensatz zur Musik ja eine Geschichte beinhaltet und Bilder und einen Spannungsbogen, ist für sich allein nicht mehr genug. Filme können mit Aufräumen kombiniert werden aber auch mit „auf dem Smartphone rumtippen.“

Dass man eine Sache macht, nur eine Sache, ohne Ablenkung, kommt immer seltener vor. Ich denke, das liegt daran, dass die Dinge wiederholt werden können. Als man Musik nur im Konzert haben konnte, nur für diesen einen Abend, da war einmal „Zauberflöte“ eine Sache, die man vollkommen genießen wollte, weil es sie nur für diesen einen Abend gab, nur an diesem Ort. Aber seit man Musik festhalten konnte und es immer einfacher wurde sie allerorts zu hören, ist sie nichts mehr wert. Für Schallplatten brauchte man einen Schallplattenspieler, den es vermutlich hauptsächlich im Wohnzimmer gab. Wenn man also Musik hören wollte, musste man im Wohnzimmer sein. Als Kind habe ich nur Schallplatte gehört. Ich lag auf dem Boden und hörte „Das kleine Gespenst“. Entweder weil ich Kind war, oder weil es nur die Möglichkeit gab das im Wohnzimmer zu hören. Kassetten dagegen ließ ich schon bei den Hausaufgaben laufen. Weil es im Kinderzimmer einen Kassettenrekorder gab. Und jetzt, wenn Musik per mp3-Player überall mithingenommen werden kann, ist die Inflation perfekt. Man kann alles, alles mit Musik unterlegen, ohne zuzuhören.

Was Filme angeht ist die selbe Entwicklung zu erkennen, je nachdem ist jeder tragbarer Rechner in der Lage Filme überall abzuspielen. Selbst Filme, die man nicht besitzt, gibt es in Online-Videotheken oder bei youtube. Wie Musik zuvor verlieren auch Filme an Aufmerksamkeit. Alles ist immer und überall abrufbar und dadurch schenkt man dem weniger Aufmerksamkeit.

Und ich finde den Spruch von audible grauenvoll, weil er zwar die Wahrheit anspricht, dass man nämlich nicht mehr Zeit investieren muss, um ein Buch zu lesen, sondern dabei die Wäsche aufhängen und den Boden wischen kann. Also Zeit spart, weil man zwei Dinge auf einmal macht. Aber er suggeriert, dass das eine gute Sache ist.

Ich finde es aber eher bedenklich, weil man so unter Reizüberflutung leidet, dass man sich auf nichts mehr vernünftig konzentrieren kann. Weil ich es für das Miteinander bedenklich halte, wenn immer weniger Menschen sich ausschließlich auf das Gespräch konzentrieren, ohne dass sie nebenher am Computer rumklicken, auf einen Fernseher starren oder eine Parrallelunterhaltung mit ihrem Handy führen. Und ich finde es bedenklich, was es für die Wertschätzung der Kunst bedeutet.

Einfach im Theater ein Stück anschauen, im Museum Bilder auf sich wirken lassen oder ein Buch ganz für sich allein genießen. Wenn man noch etwas wartet, wird es kaum noch Menschen geben, die dazu in der Lage sind.

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