John Irving

Ich sehe schon, wenn ich lange genug an diesem Blog schreibe, werden meine Lieblingsautoren alle eine Artikel bekommen haben. Das wird in erster Linie Selbsterkenntnis für mich bedeuten. Weil ich auf Anhieb nicht sagen könnte, welche mir die Liebsten sind.

John Irving zählt wohl dazu. Das überrascht in der Hinsicht nicht, dass ich mich seit Jahren systematisch und wiederholend durch seine Bücher arbeite. Ich schätze die Skurilität seiner Figuren, die hauchdünn überzeichnet, liebenswert und lebensnahe scheinen. In „Garp und wie er die Welt sah“ entscheidet sich Robert Muldoon, ein gefeierter Football-Spieler, bei einer Knieoperation zu einer Geschlechtsumwandlung. Das word in einem Halbsatz erwähnt. Dem Leser begenet in erste Linie Roberta Muldoon, eine Frau, die noch immer Footballspieler ist und irgendwie zwischen Frau und Mann steht. Sie ist nie ganz eindeutig, wie keine der Figuren bei Irving jemals ganz eindeutig ist. Das vermittelt das Gefühl, man hätte es mit echten Menschen zu tun. Die Figures sind skurill facettenreich. Ich mag Skurilles und liebe die Figuren in den Büchern.

Mich imponiert sein Mut über Tabus zu schreiben. Als ich „Garp“ das erste mal hörte (wunderbar gelesen von Rufus Beck) , war ich vielleicht vierzehn oder vielleicht etwas älter. Damals imponierte es mir auch. Aber gleichzeitig war ich sehr irritiert, wenn er über Penise und Sex redet, als sei nicht dabei. Sex ist ein enorm wichtiges Thema in den Büchern. Die Figures laufen ganz natürlich nackt durchs Bild. Momentan höre ich „Witwe für ein Jahr“. Es beginnt damit, dass die vierjährige Ruth den Sex von ihrer Mutter und deren Liebhabers stört. Ich mag den Einstieg. Er lässt keine Illusionen über das Buch. Es sagt gleich zu Beginn, dass nichts Unschuldiges zu erwarten ist.

Aber nur Sex wäre jetzt nicht  skandalös. Es geht um Sex zwischen Geschwistern („Hotel New Hampshire“), dem junge männliche Protagonisten und seiner älteren Geliebte („Garp und wie er die Welt sah“, „Hotel New Hampshire“, „Bis ich dich finde“), oder Prostituierten, die zu dem feste Repetoire der Geschichten gehören. Neuste Entdeckung in „Ein Jahr Witwe“: Sex zwischen Mutter und Sohn, zumindest indirekt. Das alles ist zwanglos und natürlich. Man könnte sich aufregen. Ich bewunderer den Mut. Es fühlt sich nicht nach Skandal an, wie bei „Feuchtgebiete.“

Mit den Figuren wird gnadenlos umgegangen. Neben dem Sex ist immer Tod ist ständiger Begleiter der Figuren. Sie sterben ohne Vorwarnung und werden betrauert. Als hätte das Leben die Geschichte geschrieben. Auch dazu gehört Mut.

Ich finde Ausdrucksformen schön, in denen etwas ungekünstelt dargestellt wird. Jemand Mut beweist und Dinge beim Namen nennt. Ich möchte keine Fäkalsprache. Aber Wahrheit. Schonungslos Dinge beschreiben, ohne vulgär zu werden. Das möchte ich auch gerne können.

Ich liebe Skurilles. Bei Irving fühlt es sich an, als könnten Dinge wahr und skurill sein. Das deckt sich mit meiner Auffassung von Leben.

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