Gedanken

Im Moment schwimme ich in Gedanken. aber keiner bleibt lange genug, dass ich ihn festhalten könnte, keiner ist mir teuer genug, dass es mir wichtig genug erscheint. Ich schreibe an meiner Masterarbeit und entwickle die typische Hass-Liebe dazu. Mein Thema: die Wahrnehmung als Kunstobjekt. Das Amüsante daran: ich kann mit Computerspielen überhaupt nichts anfangen. Aber ich mag Kunsttheorien. Ich lese Luhmann und Bourdieu und freue mich.

Ich denke über das Altwerden nach.  Manchmal frage ich mich, ob Altwerden und Sterben typische Themen sind, mit denen man sich mit Mitte 20 beschäftigt. In der Pubertät macht man sich glaube ich typischerweise Gedanken zum Sterben. Aber  sie haben alle etwas romantisches an sich.

Über das Jugendlich-Sein denke ich auch nach. Vermutlich weil ich registriere, dass ich es längst hinter mir gelassen habe. Man ist ein wenig wie Goethes Werther, überzeugt eine tragische Gestalt zu sein, unverstanden und ungeliebt, voller Selbstmitleid und radikalen Ansichten. Diese Phase, die im Nachhinein fast komisch anmutet, vermutlich ist man nie ferner von der Realität entfernt und dabei überzeugt sie vollständig zu erfassen, ist sehr wichtig. Man stellt in Frage, wer man ist, was die Gesellschaft ist. Nur so kann man in der Lage sein, als mündiger Mensch die Zukunft neu zu gestalten.

Aber mit zu dieser Stimmung des tragischen gehört das Sterben als romantisches Element. Ich stelle fest, dass ich viel der Romantik verloren habe – was vermutlich auch ganz normal und gesund ist. Sterben bedeutet Verlust. Ein Mensch ist da und dann ist er weg und kommt nicht wieder. Sterben ist nichts, was wir verstehen können. Das Gehirn kann sich Unendlichkeit nicht vorstellen. Damit auch nicht unendliche Abwesenheit. „Nie wieder“ ist keine Dimension, die wirklich verstanden werden kann. Das ist gut so. Trauer ist der Moment, das kommende Jahr, die kommenden zehn Jahre ohne die geliebte Person. Das ist schlimm genug. Unendlichkeit ist purer Schmerz. In meiner Trauer kam eine vage Vorstellung von unendlich selten vor. Gott sei Dank.

Sterben bedeutet Endlichkeit. Und Endlichkeit bedeutet Unendliches Nicht-Sein. Wenn ich das realisiere macht mir Sterben Angst. Weil es bedeutet, dass wir da sind und irgendwann nicht mehr. Irgendwann hört es einfach auf und die Unendlichkeit des Nicht-Seins hat begonnen.

Aber Beerdigungen sind nicht nur Trauer, sie sind Dankbarkeit und Liebe. Ich finde Lachen, zumindest leise für mich, gehört zur Beerdigung dazu.

Ich denke über das Alt-Werden nach und darüber, dass Altersheime eine völlig unnatürliche Erfindung sind. Im Kindergarten sind große Kinder und kleine Kinder und Erwachsene und die Kinder haben zuhause Eltern und Geschwister, Großeltern und Nachbarn. In der Schule, im Beruf, immer ist man umgeben von allen Altersgruppen. Das ist gut. Weil man sich selbst einordnet, Rollen und Identitäten ausprobieren kann. Als große Schwester ist man anders als als Tochter, als Freundin spricht man über anderes als als Enkelin. Warum also sperrt man alte Menschen zusammen? Man raubt ihnen die Würde, weil man sie nicht nur abschiebt, sie sind damit nicht nur nicht mehr nützlich, sie sind eine Last. Man beraubt aber auch sich und die Kinder. Großeltern haben eine unglaubliche Geduld zum Spielen, für die Hausaufgaben. Sie vertreten ein Weltbild, das anders ist als das der Eltern. Sie sind aufgewachsen ohne Smartphone und Computer. Es ist nicht verkehrt zu sehen, dass das Leben auch ohne solche Dinge geht. Ich finde auch, dass das Altwerden und Sterben ein Thema ist, dass man nicht wegsperren sollte.

Mir macht die Vorstellung Angst eines Tages in einem Altersheim zu sein. Wieder in eine kleine Wohnung gesperrt mit billigem Essen und Gruppenräumen. Verhältnisse wie als Student. Verhältnisse denen ich, obwohl die meinen im Moment nur entfernt daran erinnern, endlich entkommen möchte.

Ich möchte später gerne eine Familie nach den alten Mustern. Drei Generationen unter einem Dach. Die Idee alte Menschen zu integrieren, indem man Adoptiv-Großeltern einrichtet hat meine volle Zustimmung.

Natürlich sind das Vorstellungen von jemandem, deren Eltern und Großeltern noch nicht gepflegt werden müssen. Aber es sind auch die Gedanken von jemandem, deren Großeltern immer da waren. Was sehr bereichernd war und ist.

Ich entwerfe meine Zukunft. Spätestens die Anmeldung der Masterarbeit wirft die Frage nach dem „Danach“ auf. Überrascht stelle ist fest, dass das eigene Geschlecht diese Pläne mitbeeinflusst. Als Frau plant man Schwangerschaften und Kinder ein, die Pläne schon während des Entwickelns hemmen. Ich denke, Männer können planen Wochenends-Papas zu sein. Ich glaube nicht, dass ich eine glückliche Wochenend-Mama sein könnte. Wenn ich also plane, was ich in meinem Leben machen möchte, sind da immer schon die Bedürfnisse meiner ungeborenen Kinder.

Anderseits denke ich, dass Frauen es in manchen Bereichen einfach schwerer haben. Sich als Frau hinzustellen und zu sagen: wir machen das jetzt!, ist sicherlich schwieriger, als wenn sich ein Mann hinstellt. Weil Männer andere Männer eher akzeptieren und Frauen flexibler sind. 😉 Das Gefühl, sich mehr anstrengen zu müssen, ist neu. Da ist kein Vorwurf, keine Traurigkeit, nur Überraschung, dass man sich von vielem lösten kann, aber man immer definiert ist als Frau oder Mann und das Konsequenzen fürs Leben hat.

Ich freue mich darüber, dass man zusammen leben kann. Es ist grundsätzlich immer ein leichter Kriegszustand. Jeder kämpft um die eigenen Rechte. Es geht darum, wer den Müll runterbringt, die Wäsche wäscht sich ums Auto kümmert. Alleine zu wohnen erspart Ärger und Kämpfe. Als ich das erste Mal allein wohnte fand ich es wundervoll, dass diese Kämpfe ausblieben. Keine Elzern, die mir sagten, dass ich sauber machen muss – außer die anerzogene Stimme in meinem Kopf selbstverständlich -, keine Geschwister die Dinge leihen und nicht wieder bringen oder Geschirr dreckig machen und nicht spülen. Aber es war einsam. Jetzt sind da wieder Kämpfe um den ewigen Kleinkram. Aber ich bin trotzdem glücklicher. Ich freue mich darüber wie erstaunlich das ist.

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2 Gedanken zu “Gedanken

  1. Du hast so viele Aspekte in diesen Text hineingebracht, dass ich gar nicht weiß, welchen Gedanken ich zuerst zu Ende denken soll. Ein Satz steht jedoch über allem: „Ich finde auch, dass das Altwerden und Sterben ein Thema ist, dass man nicht wegsperren sollte.“ – Da hast du verdammt recht. Wir sperren es weg, sperren es ein, in uns, vergraben es tief, in der Hoffnung, dass es sich nicht so bald wieder meldet. Wir gehen mit den Alten um wie mit unserer eigenen Angst, und das macht mir mehr Angst als alles andere. Und das macht mich traurig. Manchmal.
    Liebe Grüße!

  2. In deinem Text sind viele schöne Gedankengänge.
    Gerade Altwerden oder besser gesagt das „Alter“ an sich beschäftigt mich immer wieder. Ich weiß noch nicht welche Lösung ich am sinnvollsten finde, um das Alter möglichst schön und würdevoll zu gestalten. Deine Vorstellung von einem Mehrgenerationenhaus gefällt mir schon sehr gut. Allerdings ist auch da immer die Frage inwiefern die anderen Personen kompetent sind um erkrankende Menschen und vielleicht sogar irgendwann sterbende Menschen zu betreuen. Bis zu einem bestimmten Grad an Alter und Gebrechlichkeit ist das aber sicherlich eine der schönsten Lösungen. Liebe Grüße
    Viola

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