Ein Smalltalkgespräch über Kunst?

Die Ballerina Beatrice Cordua sagte in einem Inerview, Kunst müsse radikal, aufrichtig, wahrhaftig und schmerzhaft sein. Für den Künstler und den Zuschauer. Kompromisslos. Die Tänzerin sorgte 1972 mit ihrer Darbietung in „Le sacre du printemps“ für einen Skandal. Sie tanzte nackt und offensichtlich so inbrünstig, dass bei der Generalprobe jemand in Ohnmacht fiel.

Ich habe den Zeitungsartikel ausgeschnitten und an meine Wand gehängt. Weil mir ihre Formulierung gefallen hat, weil ich einen Teil meiner eigenen Auffassung darin wiedererkenne.

Was Kunst sein soll und sein kann, ist sicher ein gutes Thema um einen Streit vom Zaun zu brechen. Es gibt keine klaren Festlegungen, nur Theorien, denen man zustimmen kann, oder sie ablehnen. Kunstdefinitionen wandeln sich und werden immer wieder neu definiert. In einer Diskussion kann es also kein richtig und falsch geben. Nur Positionen, die übereinstimmen, oder eben nicht. Sie können dem allgeinen Konsens ähnlicher oder unähnlicher sein. Man kann sich wunderbar darüber streiten.

Das heißt natürlich, falls man jemanden findet, der eine Kunst-Auffassung hat. Das gehört nämlich nicht zum allgemeinen Repetoir der Selbstwahrnehmung, wie ich festgestellt habe. Die Meisten haben eine Meinung zu Kindern, zu Haustieren, zu Fußball, zu Fernseh-Serien und Filmen. Man kann nach der Meinung zum Wetter fragen, zu Musik im Allgemeinen und Besonderen, Mode und Filmpiraterie. Aber was Kunst sein sollte, gehört nicht dazu. Was ich höchst bedauerlich finde. Ich habe keine Meinung zu Fußball und Mode. Aber ich arbeite sehr ausgibig ab meinen Vorstellungen von Kunst und halte sie als Thema eines Smalltalkgesprächs bereit.

„Wie findest du das Wetter?“

„Ja. Verregnet.“

„Ja finde ich auch. Trist.“

„Ja.“

„Wie ist deine Auffassung von Kunst?“

Ich kann mit „schön“ nicht viel anfangen. (Außer wenn ich abends müde bin und einfach nur unterhalten werden möchte.) Wenn ich – zumindest momentan – Herzblut in ein Projekt stecke, dann möchte ich es gnadenlos. Gnadenlos heißt nicht, dass Gewalt vollständig gezeigt werden muss. Ich meide Filme, in denen es eklig wird. Ich brauche keine Bilder in meinem Kopf, wie jemand verbrennt oder die Kehle aufgeschnitten bekommt. Ich möchte ungeschönte Nähe. Wenn Menschen Sex haben, möchte ich keine weichgezeichneten Aufnahmen von seiner Hand an ihrem Bauch. (Was die amerikanische Variante ist. In einem französischen Film dagegen sah man ihn auf ihr liegen. Kein Porno, aber kein weichgekochtes Bild, nicht glattgebügelte Realität.) Ich möchte, dass der ganze Körper spielt. Ich möchte Emotionen aus tief innen. Ich möchte, dass der Schauspieler aufhört gut auszusehen. (Benedict Cumberbatch verzieht, wenn er wütend ist sein ganzes Gesicht. Fletscht die Zähne. Das mag ich.) Ich möchte, dass, wenn jemand wütend ist, Spucke von seinen Lippen tropft, obwohl das nicht ästhetisch ist, dass gegessen wird, ohne dass es nach Werbung aussieht. Mir imponiert, wenn Schauspieler sich völlig aufgeben für die Rolle. Wenn Gedanken an schön und ästhetisch verloren gehen. Wenn es keine Aneinanderreihung von Bildern der Romantik sind. Keine schönen Landschaftsaufnahmem. Ich mag Körper, die nicht Werbemaße haben.

Vielleicht möchte ich nur, dass Kunst nicht eine Fortsetzung der Fotoshop-Realität aus Werbeklips ist. Keine Welt in der alle schön und sauber und schlank und jung sind. In der alle lachen, alles sauber ist, alles rein, bis in die Poren der lächelnden Hausfrau, die nun das neue Zewa-Tuch für sich entdeckt hat.
Ich möchte überrascht werden von Darstellungen, von Schnitten (im Film) von Wortwendungen.

Bis hierhin hätte ich mich in Rage geredet. Ich würde mit meinen Händen fuchteln und Worte eindringlich betonen. Ich würde vermutlich klingen, als ginge es um Leben und Tod, um die Rettung oder Verderben. Ich würde klingen wie eine verzweifelte Liebende. Was vermutlich der Wahrheit am nächsten kommt. In diese eine von mir gefundene, und geliebte Facette im Kaleidoskop der Möglichkeiten, was Kunst sein könnte. Mit dem Wissen, dass sie weder ganz ausformuliert noch entgültig ist. Wer weiß, was ich in 10 Jahren dazu denke.

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