… für dich habe ich leider heute kein Foto – über das Versagen

Der Leistungsdruck, der auf jedem lastet, ist unabstreitbar. Der Blick nach rechts und links, das Selbsteinschätzen, die Selbstzweifel, das Gefühl einfach nicht gut genug zu sein, ein Teil des Verhaltensrepetoir, das sich fast überall beobachten lässt. Dass man selbst ebenfalls Konkurrenz zu anderen darstellt, selbst Dinge besser kann, ist nicht so präsent, wie die scheinbar herausragenden Leistungen der Freunde, Bekannten, Fremden. Manche lähmt die Angst, zu versagen, andere übernehmen sich völlig. Egal zu welcher Gruppe man gehört, es schädigt die Psyche auf jeden Fall. Es gibt einen kaum zu deckenden Bedarf an Psychotherapeuten, die helfen sollen, dem Einzelnen wieder Persönlichkeit und Leben zurück zu geben. Sich auszuklinken ist schwierig. Erinnert einen nicht das Spiegelbild an das noch Nicht-Geleistete, das zurückliegende Scheitern, mit jener fiesen, durchdringenden Stimme, die im eigenen Kopf sitzt und sich zu gut erinnert, dann sind es Kommentare von außen, Freunde, die fragen, ob man sicher sei, dass man einen Tag vor der Prüfung Pizza essen gehen wolle, Bekannte, die fragen, wie es mit der Arbeit läuft, Fremde, die über stundenlanges Arbeiten sprechen, Geschwister, die Höchstleistungen erbringen. Irgendjemand findet sich immer, der die Stimme im Kopf wieder aufweckt, die sofort kreischt: „Und was hast du erreicht? Glaubst du, dass du gut genug bist für diese Welt? Glaubst du, dass du je gut genug sein kannst?“

Die Fragen um Erfolg und Misserfolg dauerhaft kreisend, in unserem Kopf, dem Druck immer ausgesetzt, ergötzen wir uns am Scheitern der Anderen. Scheitern bei anderen bestätigt unser Können, verringert die Konkurrenz ( um was eigentlich?) um einen winzigen Bruchteil und bringt uns der Erstklassigkeit (in was genau?) minimal weiter. Scheitern beobachten ist pure Unterhaltung. Jede Unterhaltung darüber Selbstbestätigung.

Nur so lassen sich diese, aus dem Nichts sprießenden Casting-Shows in jeder Form und Farbe, erklären. Es wird vorgegauckelt eine Erfolgsgeschichte zu sein. Die Geschichte eines Kanidaten, der endlich seinen Traum erfüllt, der die Erstklassigkeit erringt. Aber es ist vielmehr eine Geschichte des Scheiterns. Nur einer kann gewinnen. Das ist das Motto. Nur einer. Das bedeutet, dass viele andere scheitern. Früher oder später. Tausende hoffen, präsentieren sich im Licht der Kamera, entblößen ihr Innneres (das wird schließlich erwartet), verkaufen sich und ihre Träume, um anschließend den Bescheid zu bekommen, dass sie nicht gut genug sind. Tränen werden geweint vor der immer anwesenden Kamera geweint, damit der Zuschauer sich ergötzen kann, am Scheitern. Sich beruhigen kann. Auch anderer fallen.

Wie soll man lernen, sich heraus zu nehmen aus diesem Leistungsdruck? Aus dem Sich-Vergleichen? Wenn die Medien, die einflussreichsten Lehrer unsere Gedanken, das Besser-sein-als-andere zelebriert?

Tatsächlich ist niemand der „Beste von Allen!“. Castingshows dramatisieren, weil es immer nur einen Sieger gibt. Immer nur einen. (Irgendwie idiotisch, oder?) Normalerweise, wage ich mal optimistisch zu behaupten, gibt es nicht den besten Schrifsteller, nicht den besten Musiker, nicht den besten Wissenschaftler, nicht den besten Chef.  Es gibt gute und bessere in jedem Bereich. Aber nur weil Goethe der am kanonisierteste Autor ist, ersetzt die Lektüre seiner Werke nicht die von Kafka, von Hesse oder die Harry-Potter-Bänder.

In der richtigen Nische kann jeder einer der besten sein. Den Gedanken finde ich tröstlich. Vielleicht sollte man mal darüber eine Show machen…

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