Mein Sex betrifft uns alle – ein Outing

Ich möchte mich gerne outen. Das tut man ja im Moment, man teilt aller Welt seine sexuelle Orientierung mit. Weil das Reden über den eigenen Sex das oberste Gebot in unsere Gesellschaft ist – das stellte übrigens der alte Foucault schon fest. Wir denken, wir seien sexuell befreit, schreibt er, weil wir über unseren Sex reden können, über das, was wir präferieren, über unsere Gefühle. Aber es ist genau andersherum. Wir sind gefangen in unserer Befreiung. Wir müssen darüber reden. Sex ist eine öffentliche Angelegenheit. Anomalien, bei Foucault ist die Rede von Perversitäten, werden diagnostiziert und diskutiert. Stimmt nicht? Sex ist Privat? Wie erklärt sich dann die regelrecht blühende Outing-Kultur. Wer ist homosexuell? Wie lange war er es, bevor er es öffentlich bekannt gab? Wie hat seine Familie reagiert?

Meine Verwunderung gilt nicht den mutigen Outings. Hut ab vor denen, die sich bekennen. Meine Verwunderung gilt der Notwendigkeit, dem öffentlichen Interesse, der Geilheit, mit jede neue Information aufgenommen und diskutiert wird. Als sei das Wohl Aller davon abhängig.

Wenn ich als Mann mit einer Frau ins Bett gehe, ist das  voll normal. Wenn ich als Frau mit einem Mann ins Bett gehe auch. Das wird von der Allgemeinheit geduldet. Ich kann als Frau auch mit einer Frau zusammen wohnen. Das kümmert niemanden. Aber wenn wir Sex haben… Ja. Ja, dann stehen Nachbarn, Bekannte, Fremde, Familie und Freunde in unserem Schlafzimmer und fühlen sich persönlich angegriffen.

Und da es offensichtlich wichtig ist, dass jeder über meine sexuelle Orientierung Bescheid weiß, weil von der Gesellschaft erwartet wird, dass jeder über meine persönlichen Schlafzimmergewohnheiten Bescheid weiß, möchte ich mich an dieser Stelle outen:

ich bin heterosexuell.

Ich war mir lange nicht sicher. In der Jugend ist die eigene Orientierung eine wichtige Frage. In wen werde ich mich wohl zuerst verliebt? In einen Mann, wie erwartet? Oder in eine Frau, wie unerwartet?  Bei mir war es dann tatsächlich ein Mann. Ich haderte damit. Meine möglichen Lebensentwürfe reduzierten sich auf die Hälfte.  Ich war festgelegt. Meine Hoffnungen auf heißen Lesbensex, auf gemeinsames Frauen-Film-gucken, auf Regenbögen an Rucksäcken und Jacken, schwand mit diesem Mann dahin. Ich war festgelegt auf das langweilige, altbekannte Leben, meiner Eltern und Großeltern und Urgroßeltern. Meine Familie war sehr enttäuscht. Sie hatte Großes von mir erwartet, einen Ausbruch aus dem Bekannten, ein mutiges Outing, ein Leben, das nicht einfach sein würde, aber eines, in dem ich für Toleranz und Verständnis kämpfen könnte, in dem ich als Diskriminierte, Rechte einfordern könnte, die lange überfällig sind. Stattdessen werde ich als traditionelle  Ehefrau nur das Altbekannte weitertragen. Es war wirklich hart für sie. Besonders für meine Mutter. Wir haben viel darüber gesprochen und gemeinsam geweint. Aber sie liebt mich trotzdem. Meine Eltern haben mich nicht enterbt. Sie sind tolerante Menschen. Meinen Freunden habe ich es vorsichtig beigebracht. Aber auch sie halten noch immer zu mir, obwohl ich ihnen so ähnlich bin.

Mein Freund und ich leben traditionell zusammen. Er repariert das Auto und schraubt die Regalbretter an. Ich wasche die Wäsche und beziehe das Bett, in dem wir uns hin und wieder, heiß und innig, aber traditionell, lieben.

Also kommt herein, liebe Nachbarn, liebe Freunde, liebe Fremde, kommt herein und urteilt über mein Sexleben. Überprüft, ob ich nicht vielleicht doch – heimlich- homosexuell bin. Sprecht über die Heilung meiner Neigungen.  Kommt herein und urteilt über meine Beziehung, über unser Miteinander. Schließlich ist nichts mehr Verborgen, nichts mehr Privat. Erst recht nicht der Sex.

Mein Sex betrifft uns alle.

Warum sonst, regt ihr euch auf, über Fußballspieler, die schwul sind? (Spielt man schlechter Fußball, wenn man nicht mit Frauen schläft?) Warum sorgen Schauspielerinnen, die lesbisch sind, so für Medienrummel?

Was macht den Unterschied? Woher kommt diese völlige Ablehnung des Anderen? Warum ist die Vielfalt ein Problem? Ein Schwuler bespringt doch nicht jeden Mann. Eine Lesbe befummelt nicht automatisch die beste Freundin. Wie kommt es, dass Männer, die Frauen auf den Hintern schauen toleriert werden, Frauen, die mit anderen Frauen flirten nicht? Ich finde nicht, dass sich das mit dem 21. Jahrhundert , das „Toleranz“ auf seine Fahnen schreibt, vereinen lässt. Dass sich das mit der Aufgeklärtheit vereinen lässt, derer man sich rühmt. Als man Hexen verbrannte, glaubte man daran, dass sie für Unheil gesorgt haben. Dass sie Krankheit brachten, Hunger und Tod. Aber was genau tun Homosexuelle?  Schränken sie mit ihrer Andersartigkeit die Grundrechte ihrer Nachbarn ein?

Sind Homosexuelle weniger gut, in dem was sie tun?

Der Schluss liegt nahe, sonst wäre es nämlich völlig irrelevant, ob ein Politiker, ein Fußballer, eine Schauspielerin homosexuell ist. (Übrigens war Foucault schwul. Vielleicht sollten wir deshalb seine Überlegungen zum Sex nochmal in Frage stellen.)

Definiert der Sex, den wir haben, mit denen, mit denen wir ihn haben, was wir sind und was wir können? Sollten wir nicht alle Armbinden tragen, auf denen unsere sexuelle Orientierung steht? Damit man direkt weiß, wen man vor sich hat und wieviel von ihm zu erwarten ist? Damit unserer Zweiklassengesellschaft von Normal-Orientierten und Anders-Orientierten nicht nur heimlich existiert, sondern für alle sichtbar. Lasst uns die Diskriminierung für alle sichtbar machen. Lasst uns mit der Heuchelei aufhören, wir seien tolerant. Lasst uns festlegen, wer die Regenbogenbinde um den Arm trägt, darf nicht heiraten, darf keine Kinder adoptieren, bekommt Spendersamen nicht von der Krankenkasse bezahlt. Damit sich niemand etwas vormachen kann. Wir trennen da ganz klar.

Sie sind ja auch selbst schuld.

Sie sind anders zur Welt gekommen. Sie kommen in unsere Gesellschaft und stellen unsere Ansichten in Frage. Laden uns ein, über uns nachzudenken, über den Tellerrand zu blicken, tolerant zu werden.  So eine Dreistigkeit muss bestraft werden.

Der Sex definiert uns.  Jeder soll offen legen, wer er ist, wie er orientiert ist. Wir veranstalten eine Großbeichte. Jeder muss sich offenbaren, jeder darf urteilen.

Ich habe mich geoutet. Wer kommt als nächstes?

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