Meine Sehnsucht nach Altlantis – das Erwachsenwerden

Bei mir läuft den ganzen Tag Musik. Meistens immer wieder das selbe. Bis sich jede einzelne Note vollgesogen hat mit Lebensgefühl. Bis nur die Klänge hören muss und schon bin ich in dem längst vergessenen Gestern, sitze in melacholischen Sepia-Farben umgeben von längst vergangenen Freuden und Sorgen und bin jünger, umgeben von Erinnerungen.

Die selbe Wirkung können Düfte haben und Vogelgezwitscher. Plötzlich bin ich wieder in der Schule, bin sechszen, siebzehn, noch nicht Erwachsen, nicht mehr Kind.

In diesen Momenten wünsche ich mir Rückehr. Ich bekomme Heimweh nach dem Vergangenen, nach meinem ganz persönlichen Atlantis, wunderschön, entgültig versunken, nur noch Mythos.

Wieso? Wieso möchte ich dorthin zurück.

Ich konnte viel noch nicht, das ich heute kann. Ich kannte viele liebe Menschen noch nicht, die ich heute kenne. Ich hatte Probleme und Sorgen, die ich heute nicht mehr habe. Wieso also? Es ist schön hier. Es ist ein perfektes Leben, warum diese Sehnsucht nach gestern.

Vielleicht weil ich Entscheidungen gefällt habe, die tausend Möglichkeiten ausschließen. Mit sechszehn war fast alles möglich. Ich hätte nach dem Abitur alles machen können, überall hingehen. Ich stand an einer Straße mit unendlich vielen Abbiegungen. Dann nahm ich einen Weg, der mir richtig erschien. Ich denke bis heute nicht, dass er falsch war. Aber ich habe so viele mögliche Leben aufgegeben. Ich könnte zurück gehen, aber es wäre nicht das selbe. Mit achtzehn zu studieren ist immer etwas anderes, als mit fast fünfundzwanzig. (Das sieht man auch an der Uni. Ältere Studenten studieren ganz anders, als die halben Kinder, die wir waren.) Ich bin eingewoben in ein Leben, in eine Stadt, in Erwartungen, von anderen an mich und von mir an mich. Mit achtzehn denkt man an Selbstverwirklichung, mit Mitte zwanzig sieht man die dreißig auf sich zukommen und fragt sich ernsthaft, wo man hin möchte, wo man bei dem nächsten runden Geburtstag sein möchte. Jedendfalls nicht in einer Studentenbude, mit Studentenessen aus Dosen. Was mit achtzehn wie Emanzipation schmeckte, schmeckt mit dreißig nach Scheitern.

Ich habe einen Weg ein-, tausende von Möglichkeiten ausgeschlagen. Ich bin hier. Festgelegt auf einen Weg, auf dem ich an der nächsten Abbiegung nach rechts statt nach links gehen kann. Aber ich kann nicht zurück. Die tausend Möglichkeiten, die ich nach dem Abi hatte, die süß und süßer waren, sind unwiderruflich fort. Heute hätten die selben Wege einen bittren Beigeschmack.

Vielleicht macht das das Älter-Werden so schwierig. Man kann immer noch alles tun, was man möchte, aber es wird schwieriger. Man ist festgelegt, man wird nie wieder so studieren wie das erste Mal. Man wird nie wieder eine Studentenwohnung bewohnen, wie das erste Mal. Manchem Leben entwächst man. Je älter man wird, desto mehr Entscheidungen hat man gefällt, desto weniger Möglichkeiten sieht man, etwas zu ändern. Theoretisch ist es immer möglich. Aber der Kraftaufwand wird immer größer und größer, die Abzweigungen immer seltener., das Kleidungstück des Lebens immer enger.

Ich sehne mich nicht danach, wieder zur Schule zu gehen, wieder behütet zu sein, von meinen Eltern. Ich sehne mich nur danach zu wissen, dass alles, aber auch alles möglich ist.

 

 

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