Was soll dieses ewige Genöhle und Germeckere?

YouTube ist das pure Schlaraffenland, falls man sich über die Ignoranz und Arroganz anderer Menschen ärgern möchte. Unter wirklich guten, hochgeladenen Fernseh-Beiträgen, in denen über Magersucht, behinderte Kinder, Zwangsstörungen berichtet wird, nicht im Stile gewisser öffentlicher Sender, die Vorurteile bestätigen, sondern in einer wertfreien, bereichernden Art, finden sich garantiert haufenweise Kommentare, die Zeugnis ärmster Arroganz sind.

Magersüchtige beispielsweise sind nicht dumm, sondern krank. Keiner sucht sich seine Krankheit aus, das Einzige was einem bleibt, ist trotzdem weitermachen, sich irgendwie arrangieren. Wenn man gesund ist, körperlich und geistig, wenn man in einer intakten Familie lebt, vielleicht sogar eine Beziehung hat, nicht am Armutslimit lebt, Bildung genossen hat, dann sollte man dankbar sein und eine stille Bewunderung für jene hegen, die das Glück nicht haben und dennoch weitermachen.

Aber die Meisten sehen das wohl anders. Ein Beitrag über Magersüchtige – beispielsweise – ermutigt sie dazu, sich über die „Dummheit“ der Kranken auszulassen, darüber, dass die knochige Gestalt nicht schön ist, darüber, dass die Familie leidet. Sie echauffieren sich, als sei der gezeigte Mensch bösartig, selbst an der Krankheit schuld.

„Liebe Schreiber“, denke ich, und dann denke ich eine ganze Menge nicht sehr netter Dinge.

Das Internet mit all den Medien, die dadurch verfügbar werden, sollte uns toleranter machen. Es sollte uns die Möglichkeit geben, in andere Leben zu sehen, um unser Eigenes zu reflektieren. Aber offensichtlich ist das eine Utopie. Es wird vielmehr genutzt, um die eigene Intoleranz jedem auf die Nase zu binden.

Anlass für diesen emotionalen Ausbruch meinerseits ist folgender ZEIT- Artikel.

http://www.zeit.de/community/2014-03/ewiges-projekt-dissertation

Ich finde die Motivation des Autors schön, freue mich, dass er dieses Projekt tatsächlich zu Ende bringen möchte und habe großes Verständnis. Auch wenn ich im Moment annehme, dass ich nie promovieren möchte, so kann ich mir doch sehr gut vorstellen, irgendwann wieder zu studieren. Philosophie vielleicht, ein Studium, das ich mit siebzehn verworfen habe, weil es mir brotlos erschien, das mich aber sehr lange schon reizt.

Es mag sein, dass nicht jeder mit der Idee als Rentner zu studieren etwas anfangen kann, aber ist es nötig unter diesem netten Artikel endlos viele Vorwürfe zu schreiben? Die kaum Hand und Fuß haben. Da möchten gewisse Leute nur die Freude verderben.

Der Mann hat ein Leben lang gearbeitet. Er hat Steuern gezahlt. Was also soll der Vorwurf des Schmarotzers? Ein älterer Herr oder eine ältere Dame, die im Rentneralter nochmal studieren, tun das gewissenhafter, als jene Achtzehnjährigen, die das Studium hauptsächlich zum Feiern nutzen. Ich gönne ihnen das. Sie sind jung. Aber wenn jemand auf Kosten aller Steuerzahler  Spaß hat, dann wohl diese jungen Leute, um die sich seitjeher gekümmert wurde.

Abgesehen davon,  sollte Bildung allen zugänglich sein – oder nicht? Sollen nicht alle Abitur machen? Alle studieren gehen? Ist Bildung nicht unser höchstes Gut? Nun, offensichtlich ist der ein oder andere überzeugt, dass man dieses Privileg nur in den ersten dreißig Jahren seines Lebens besitzen sollte. Solange man jung ist. Jeder, der älter als – sagen wir – fünfunddreißig  ist, hat dieses Recht endgültig verspielt. Ich finde, das hat Ähnlichkeiten mit  den Gesetzen, dass nur Wohlhabende, nur Männer, nur Weiße studieren dürfen. Das haben wir alles hinter uns gelassen. Jetzt werden die Eltern und Großeltern diskriminiert. (Halleluja!)

Und es stimmt mich traurig, weil es zeigt, was Bildung heute ist. Es hat alles Erhabene eingebüßt, ist nicht mehr Mensch-Werdung, Selbst-Besinnung, es ist, was auch das BA-/MA-System nahelegt, ein Produkt, das man erwirbt, wenn man jung ist, Scheine, die man sich am Laufband, wie in der Fabrik, völlig seelenlos, erarbeitet.

Warum muss man diesem motivierten Herrn vor Augen führen, welche Probleme es geben könnte? Warum sagen, was man davon hält? Ist es zu schwer, jemandem einfach mal etwas zu gönnen? Einfach so, ohne Kommentar, oder Schwarzmalen, ohne Unterstellungen ohne Diskriminierung?

Ich könnte verstehen, wenn sich niemand mehr hergäbe, um teilhaben zu lassen. Wenn man die Fenster, die das Internet bietet, die Gucklöcher, in das eigene Leben, verstopfte, damit niemand mehr Anlass zur Verleumdung hat. Ich würde es verstehen. Denn die Reaktionen sind meistens undankbar. Von Namenlosen, verborgen hinter der Anonymität des Internets, die sich frei genug fühlen, den ersten – aber leider auch alle andere – Steine zu werfen.  Auch auf Seiten wie der ZEIT, bei der die Leser sich gebildet geben – aber so beschränkt urteilen.

Das macht mich traurig.

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