Wer ist die Fremde im Spiegel?

Aus dem Spiegel sieht mir jemand entgegen, der fremd und vertraut gleichzeitig ist. Die Haare meistens im Pferdeschwanz wie die ganzen Jahre zuvor. In einem Star-Trek-T-Shirt und sehr pragmatischen Jeans, Socken mit roten Punkten auf weißem Untergrund, an den Ohren baumeln Erdbeeren oder Sterne. Um den Hals trage ich die Fliegenpilzkette. Alles vertraut, alles geliebt. Aber plötzlich habe ich das Gefühl, dass ich das nicht mehr bin. Wobei „plötzlich“ das falsche Wort. „Plötzlich“ ist ein Prozess der sich seit Jahren abzeichnet. Ich bezeichne mich nicht mehr als Jugendliche – wie kann ich auch mit Mitte 20? Ich hänge Bilder ab, die ich vor Jahren  liebevoll aufgehängt habe. Mit anfang 20 wollte ich nichts weniger als eine „Spießerwohnung“. Ich wollte Farbe und Fotos. Vor einem halben Jahr habe ich die Collage in dem Flur, die ich unbedingt aufhängen wollte, abgehängt. Jetzt hängt da ein Blumengemälde. Unsere Wohnung ist chaotisch dekoriert. Ich möchtenun gezielt einrichten. Aber die „Spießerwohnung“, die ich mir grade einzurichten versuche, bezeichne ich nun als „Angemessen Einrichtung.“ Ohne Verachtung in meiner Stimme. Die Fremde im Spiegel sieht aus wie Anfang zwanzig, lebt in einer Wohnung von jungen Studenten, während ich fasziniert feststelle, dass ich Verhaltensweisen an den Tag lege, die neu und vertraut sind. Ich kümmere mich liebevoll um den Haushalt, beginne Bahnen zu definieren, in denen ich leben möchte. Entscheidungen werden anders gefällt als früher. Allem haftet ein bisschen mehr Entgültigkeit an. Zu Anfang des Allein-Lebens ging es darum, sich alles anzusehen. Das Vertraute war langweilig. Jedes Müsli wurde durchprobiert, jedes Waschmittel mal versucht. Hauptsache neu. Jetzt möchte ich das bewährte und entscheide mich aktiv für ein Waschmittel von dem ich irgendwie annehme, dass ich es mein restliches Leben nutzen werde. Ich sage „Dazu bin ich zu alt.“ Hätte ich mit 20 gewusst, dass es keine fünf Jahre dauert, bis ich lieber Blaiser als Kapus trage, lieber silberne Stecker als bunte Erdbeeren, Einkaufslisten habe, die immer gleich aussehen, ich wäre sehr traurig geworden. Aber jetzt fühlt es sich nur richtig an. Mit 15 oder 16 nimmt man an, man bliebe immer der, der man ist und nur die Welt zwingt einen, sich zu ändern. Ich hatte Pläne wo ich sein wollte, wie ich sein wollte. Noch immer gegen alles, noch immer in zerrissenen Jeans. Ich war sehr stolz darauf, wer ich war. Aber jetzt ist mir mein jugendliches Gehabe fremd. Und auch manche meiner Ideen zu Welt, die ich mit 20 hatte. Ich bin mir aber nicht fremd geworden. Ich freue mich über ein neues Haushaltsgerät, träume von einer eigenen Küche und einem Haus, weil ich dem Jung-Sein entwachsen bin. Freunde, denen ich sage: dazu bin ich zu alt, erwidern, dass man nur so alt ist, wie man sich fühlt. Sie verstehen: „Ich kann das nicht machen, die Leute würden gucken.“ Aber eigentlich sage ich: „Das passt nicht mehr zu mir.“ Ohne dass ich ganz genau erklären kann, was sich geändert hat. Aber es wäre schrecklich für mich, jetzt vorgeben zu müssen, noch immer das selbe zu denken und zu fühlen, wie mit Anfang 20. Diese Erkenntnis finde ich tröstlich, weil das Leben damit nicht ein Prozess von Selbstaufgabe ist, wie man als Kind denkt. In dem man der Reihe nach das tagelang spielen, das nächtelang lesen, die Abenteuerlust aufgibt. sondern man verändert sich schlichtweg ein wenig, immer weiter. Einen Teil seiner Jugend zu bewahren ist gut. Aber nicht krampfhaft.  Und wenn der nächste Abschnitt zu Ende geht, bin ich überzeugt, dass ich das, was jetzt neu im Spiegel ist, sicher auch frohen Herzens los lassen kann.

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