Unterhaltung mit dem Teddybär

Sack und Pack in Kisten verstaut, alles in einen Transporter geladen, den Teddybär auf dem Beifahrersitz angeschnallt und 200 km durchs Land gefahren. Dort wieder ausgepackt. Der Teddybär sieht sich noch etwas irritiert um. Es  ist lange her, seit er hier war. In Teddybärjahren sind sieben Jahre eine Ewigkeit. „Wozu das alles?“, fragt er und betrachtet sich das Chaos aus Kisten. Die noch nicht aufgebaute Küche und mein Gesicht, das Vorfreude, Zweifel und Überforderung zeigt, je nachdem, ob ich das Gefühl habe, dass ich das mit dem Umzug hinbekomme oder ob das einer der Momente ist, in denen ich bereue alles hinter mir gelassen zu haben und nicht weiß, wohin mit den Kisten und den Möbeln.

Nach sieben Jahren ist eine Rückkehr fast so etwas wie ein Neuanfang. „Wozu?“, fragt der Teddy. Ich strahle ihn an. „Ich weiß jetzt endlich, was ich machen möchte!“

2015-06-13 12.46.07

Der Teddy nickt anerkennend. Schließlich hat er mir die letzten Jahre beim Suchen zugesehen. „Gut“, sagt er und erinnert sich vermutlich, dass ich schon während meines Lehramtstudium hin und hergerrissen war, zwischen dem Gefühl, dass ich gerne unterrichte und der Gewissheit, dass die Schule nicht das Richtige für mich ist. Als ich verkündete, dass ich auf keinen Fall das Referendariat machen möchte, weil das nicht der richtige Weg für mich ist, brummte er nur teddybärtief. Meine Erklärungen, dass ich nicht Teil eines Schulsystems sein wolle, in dem es nur um Leistungsdruck geht, nicht darum einem jungen Menschen bei der Entwicklung zu helfen, nickte er nur ab, auch als meine Stimme immer lauter , meine Gesten immer größer wurden und ich mich wie ein Politiker für eine bessere Welt aussprach.

Teddybären sind stumme Zuhörer. Als mir die Luft ausging fragte er nur, was ich stattdessen machen wolle. Für jemanden, der seit er denken kann, Lehrer werden wollte, ist das eine schwierige Frage. Ich war immer die, die einen Plan von ihrem Leben hatte. Abitur, Lehramtstudium, Lehrer sein. Daran bestand über viele Jahre, fast zwei Jahrzehnte, kein Zweifel. Neuer Plan. Praktika an Praktika. Kindergarten war nicht das Richtige. Das war eine überraschende Erkenntnis, war das doch der Notfallplan gewesen.  Arbeit in der Förderschule könnte ich mir vorstellen. Aber nicht genug, für ein völlig neues Studium. Regieassistent  hätte mir Spaß gemacht, aber es sollte aus verschiedenen Gründen nicht sein. Großer Frust. Kein Ort für mich? Keine Arbeitssstelle, an der ich mich wohl fühle?

Auch der Bär wird sich an die Stimmung erinnern, in der ich mit mir und dem Leben haderte.

In dieser Stimmung von, es muss doch etwas geben, erinnerte ich mich daran, dass mir in meinem Leben immer wieder Leute begegnet sind, die mich fragten, ob ich nicht an einer Waldorfschule unterrichten wolle. Ich hatte das immer von mir weg geschoben, ohne viele Vorstellungen davon, wusste ich nur, dass sie dort ihren Namen tanzen. Aber nach meiner bis dahin eher erfolglosen Suche nach dem, womit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten möchte, griff ich nach jedem Grashalm.

Der Teddy schmunzelt.

Er erinnert sich an meine ersten Tage in dem ersten Praktikum. Ich habe vorher die Theorie der Schulen gelesen, aber es klang alles nach Werbung und mir fehlte die Vorstellung. Als am ersten Praktikumstag in der Schule, die nicht wie eine Schule aussieht, wenn man nur graue Betonblöcke als Schule kennt, ein Lehrer auf mich zukam und mir die Hand reichte, dachte ich nur panisch: „Was möchte er von mir?“

Garnichts.

„Guten Morgen“ sagen. Das macht man dort so. Ein Lehrer steht im Eingangsbereich und begrüßt.

Jeden Tag kam ich nachhause und berichtete fasziniert, was ich neues über Waldorfschule gelernt und was ich beobachtet habe. Der Bär brummte anerkennend, als ich erzählte, dass es Epochenunterricht gibt. Drei Wochen haben die Schüler jeden Morgen zwei Stunden lang ein Fach, Mathe oder Deutsch, oder Geschichte, oder etwas anderes. Nach drei Wochen wechselt es und sie haben das nächste Fach. Von Epochenunterricht ausgenommen sind die Sprachen und Sport. Vermutlich auch Religion.

Es gibt Klassenspiele. In der achten und vermutlich der zwölften Klasse machen die Schüler ein Klassenspiel. Das heißt, sie suchen sich ein Theaterstück, das sie gemeinsam auf die Beine stellen.

Eine Klasse bleibt die vollen dreizehn Jahren zusammen und hat die ersten acht Jahre den selben Klassenlehrer. Damit ist das Verhältnis zwischen Klasse und Lehrer natürlich ein ganz anderes als in Regelschulen.

„Und die Noten?“, brummte der Bär, der sich alles anhörte, aber dennoch skeptisch blieb. „Keine Noten?“

„Ab der neunten“, sagte ich. „Es gibt aber vorher schon Bewertungen. Und im Schnitt machen mehr Waldorfschüler Abitur als an Regelschulen.“ Der Teddy ist nicht ganz überzeugt. Er kennt nur das System von staatlichen Schulen. Auch ich stelle in meinem zweiten Praktikum an einer Waldorfschule fest, dass es mir schwer fällt von dem Leistungsdenken ganz los zu lassen. Viele, viele Jahre hat man mir eingeprügelt, dass ich das bin, was ich bringen kann. Dass Leistung das Wichtigste ist. Obwohl alle sagen, Menschlichkeit und Mitgefühl seien entscheidend, gibt mir keiner Arbeit, nur weil ich freundlich bin. Drückt mir keiner Hochachtung aus, nur weil ich Mitgefühl habe.

Als Kind hätte es mir geholfen, an einer Schule zu sein, die das zu würdigen gewusst hätte, was ich kann und mir nicht immer vor Augen geführt hätte, was ich nicht kann. Wenn meine kreativen Ambitionen honoriert worden wären, nicht nur in kleinen Lichtmomenten, in denen grade Luft zwischen Arbeiten und HÜ’s waren.

„Mir kommt das alles zu schön vor“, sagte ich zu dem Bär. „Der vorherrschende Ton ist freundlich. Alle bemüht. Sie fragen nach, wo ich herkomme, wo ich hin möchte. Sie sagen alle, dass sie gerne Lehrer sind. Ich traue dem nicht.“

Als es in der zweiten Schule, die ich mir ansehe, menschelt, bin ich erleichtert. Dort strahlen nicht alle, man ärgert sich ein wenig übereinander. Aber trotzdem antwortete die Lehrerin, die mich in ihrer Klasse zusehen lässt, die den Beruf seit dreißig Jahren ausübt, nach einem anstrengenden Morgen, als ich sie frage, ob sie es wieder machen würde, mit einem klarten „ja“. Dass sie sich nichts Schöneres vorstellen kann. Obwohl es schlecht bezahlt ist. Die Klassen so groß.

Spätestens damit bin ich für den Beruf den Waldorflehrers gewonnen. Ich kann mir nicht vorstellen ein Jünger von Rudolf Steiner (Begründer der Waldorfschulen) zu werden. Daher macht es mir nichts aus, dass er nicht nur gute Dinge geschrieben und gedacht hat. Aber die Umsetzung von Waldorfschulen, die ich mir angesehen habe, hat mich überzeugt. Die Möglichkeiten, die ein Lehrer hat, Unterricht zu gestalten und mit den Kindern umzugehen.

„Ich denke, ich kann mich dort sehr wohl fühlen“, sage ich zu meinem Teddy, der sich auf dem Sofa niedergelassen hat, das aus dem Transporter in das Wohn-\Arbeitszimmer geschafft worden ist. Er thront dort, wie in der alten Wohnung und sieht zufrieden aus. Jetzt habe ich mich erst einmal für einen Masterstudienplatz beworben, für Waldorfpädagogik. Das alleine sagt schon eine Menge aus. Ich bin bereit, noch einmal zu studieren.

„Ich denke schon“, erwidere ich auf das Brummen des Bären. „Alles hat Nachteile und Schwachpunkte. Ich erwarte nicht, dass ich diese Entscheidung nie in Zweifel ziehen werde. Ich erwarte nicht, dass ich in einem Jahr noch immer strahle und sage, Waldorfschulen seien das Beste auf dieser weiten Welt. Mir wird klar werden, dass sie Nachteile hat und ich werde jammern. Aber darum geht es nicht.“

Der Bär sieht mich fragend an.

„Es geht doch darum, dass mich fünf Wochen Praktikum so überzeugt haben, dass ich jetzt meine, ich müsste umziehen und noch einmal studieren. Es geht darum, dass  ich so viel Freude an der Vorstellung habe, dort zu unterrichten, dass ich diese Strapazen mir, meinen Mitmenschen und dem Teddy zutraue.“

Der Bär nickt widerstrebend. Er ist ein skeptischer Bär und noch immer etwas eingeschnappt, dass ich ihn umgesiedelt habe. Aber er wird sich schon wieder einkriegen, denke ich, und packe Kisten aus.

„Gute Idee“, sage ich zu ihm, als er wieder kritisch brummt. Um ihn aufzumuntern, tue ich so, als hätte er vorgeschlagen, Blogbeiträge über meine Erfahrungen mit Waldorfschulen zu schreiben. Weil die Schüler eben nicht alle nur ihren Namen tanzen.

„Motz nicht“, sage ich zum Bär. „Das wird schön.“

Der Bär zwingt sich ein Lächeln ab.

Aber als ich laute Musik anmache, während ich die Kisten auspacke, verschwindet seine griesgrämige Miene und er brummt behaglich. Er wird unser neues altes Zuhause auch lieben lernen.

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