Der Beginn der gemeinsamen Geschichte

Nicht dass ich die Wohnung in der Stadt geliebt habe! Es gab Momente, in denen mir die Gemütlichkeit des Wohnzimmers bewusst wurde, der schöne Schnitt der Wohnung, in der ich mich daran erfreute, dass die Möbel dort standen, wo ich sie hingestellt hatte. Alles selbst gemacht. Mein Reich. Meine erste echte Wohnung. Davor hatte ich in einem Wohnheim gelebt, das ich auch schon liebte. Aber die Wohnung in der Stadt hatte immerhin mehr als ein Zimmer und fast das dreifache an Platz. Ich liebte die Wohnung, wie man die erste Wohnung liebt. Aber es blieb die Sehnsucht nach einem Ort ohne Autolärm, nach einem Ort, an dem es nach Äckern riecht und im Herbst nach vergährten Trauben, ein Ort, an dem die Nacht das Land in das unwiderstehliche Parfum des „Alles ist möglich“ hüllt. Die Luft in der Stadt war schwer zu atmen. Die Sonne erreichte mich kaum, der Regen war nicht gut genug, um darin zu tanzen.

Jetzt bin ich hier.

Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Manchmal schaue ich verstohlen nach rechts und links, ob ich Gesichter aus meiner Kindheit und Jugend erkenne. Manchmal taucht das eine oder andere Gesicht, das seit meiner Kindheit verschollen war, wieder auf. Gegenseitiges verlegenes Erkennen. Zehn, fünfzehn Jahre haben wir nicht miteinander gesprochen. Aus den Kindern, die zusammen in den Kindergarten gingen, dort die ersten Versuche machten, Freunde und Nicht-Freunde zu unterscheiden, sind Erwachsene geworden, die sich fremd sind. Anerkennende Augenblicke, was geworden ist. Das Mädchen, das in niedlichen Kleidchen in die Schule kam, ist nun einer schöne Frau geworden. Jeder andere Gleichaltrige im Dorf könnte mir vermutlich sagen, ob sie einen Freund hat, verheiratet ist, ein Kind hat oder ein Kind in Planung. Das Dorf ist so klein, das die Dorfjungend zusammengeschweißt alles voneinander weiß. Ich war nie ein Teil dieser Jugend und war lang genug weg, dass diese Informationen es noch nicht über hundert Ecken zu mir geschafft haben.

Aber die ersten wissen bereits, dass ich wieder hier bin, ohne dass ich es ihnen gesagt haben. Sie begrüßen mich mit „Wieder hier?“ oder „Wie ist es wieder hier zu wohnen?“ Das Auto mit dem fremden Autozeichen erntet noch misstrauische Blicke. Keiner grüßt, aller schauen das Zeichen an mit dem Argwohn, den man hier allem entgegenbringt, das fremd ist. Ich bin mit der Einstellung aufgewachsen, dass die Grenzen dort verlaufen, wo der Dialekt aufhört, wo die Autozeichen sich ändert. Halb im Ernst, halb im Scherz habe ich solche Sätze wie „Kein Wunder, dass der so parkt, schau nur wo er herkommt“ so oft gehört, dass ich sie garantiert weitergeben werde. Aber aus diesem Misstrauen wird sich Herzlichkeit entwickeln. Wenn sich herumgesprochen hat, dass ich wieder hier bin und wenn sie mein Auto kennen, werden sie vermutlich zum Gruß die Hand heben. Es ist klein hier. Man kennt sich.

Anders als in der Stadt, kommt und geht hier niemand unbemerkt. Man trifft sich. Auf der Straße, in Küchen, in der Kirche, in den wenigen Läden, in denen alle einkaufen gehen.

Bekannte Straßen. Bekannte Leute. Ich bin eingezogen, wo ich als Jugendliche schon einmal gewohnt habe. Dort wo mein Bett stand, ist nun mein Herd. Dort wo der Schreibtisch stand, mein Esstisch, dort wo mein Kleiderschrank, die Spüle, dort wo meine Schulbücher sich stabelten mein Küchentisch. Das selbe Bad. Das Arbeitszimmer meines Vaters ist nun meines, im Schlafzimmer meines Bruders steht nun mein Bett. Es ist nicht so fremd, wie es sein könnte. Aber obwohl überall meine Möbel stehen, meine Muisik läuft, meine Bilder an den Wänden, fühlt es sich nicht an wie mein Lebensraum. Aber vielleicht muss das so sein. Das sage ich mir jedenfalls. Ein Raum wird nicht zum eigenen Raum, nur weil die Möbel darin stehen. Sondern weil dort Lebenszeit verbracht wurde. Der Ort Geschichte bekommt. Weil Besuch empfangen wurde, weil man sich an kalten Abenden eine Suppe kochte, krank das Bett hütete, weil man laute Musik anmachte und verrückte Tänze aufführte, sich stritt und wieder vertrug. Ich glaube erst die Zeit wird diese Zimmer zu meinen Zimmern machen.

Gestern habe ich mal geputzt. Denn wann ist man näher am eigenen Lebensraum, als wenn man auf den Knien den Dreck aus den Ecken kratzt. Man merkt man mehr die Fläche, die einem gehört, wenn man dreckig und schwitzend den Staub von den Lampen wedelt?

Ich denke, ich werde hier sehr glücklich werden. Meine Küche steht. Meine Kaffeemaschine läuft. Das erste hier etablierte Ritual: das morgendliche Kaffee kochen. Der Geruch von Kaffee, dem Öl, das ich auf die Arbeitsplatte gestrichen habe, dem Lack vom Küchenschrank, den ich auch eigenhändig gestrichen habe, den Vorhängen, die ich gewaschen habe, gibt der Küche einen eigenen ganz individuellen Geruch. Den Geruch des Beginns der gemeinsamen Geschichte der Küche und mir. Der Beginn einer wunderbaren Zeit.

Ich freue mich darauf, wenn es kalt wir, drinnen zu stehen, während es draußen regnet und stürmt. Ich freue mich Kerzen anzumachen, wenn es dunkel ist und darauf um weihnachten überall Tannenzweige zu verteilen und Bratäpfel zu machen.

 

 

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