Montag ist der große Tag!

Heute ist Samstag. Noch zweimal schlafen, dann beginnt mein Waldorflehrer-Studium. Zum Glück war ich überzeugt, als ich mich dort eingeschrieben habe. Momentan finde ich den Gedanken  mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln einer fremden Stadt herumzuschlagen, um fremde Menschen kennen zu lernen und ein neues Studium zu beginnen wenig einladend. Aber Neues hat ja fast immer etwas Abschreckendes an sich. Also kommenden Montag – oder übermorgen, wie Papa  passend ausdrückte – ist der erste Tag. Eine Einführungsfeier, die die Begrüßungswochen einläutet. Auf dem Plan steht neben den Reden und Informationen, die einem zuteil werden auch „Gemeinsames Singen.“ Wenn ich den Plan der Wochen richtig interpretiere bestehen die ersten Wochen aus Malen, Musik, Sprachgestaltung (was immer das sein mag, vielleicht Theater?) und Eurythmie (= eine Art Ausdruckstanz, der dafür verantwortlich ist, dass man jeden Waldorfschüler fragt, ob er mal seinen Namen tanzt.)

Ich bin ein kreativer Mensch, der jahrelang Flötenunterricht hatte. Ich habe immer gerne gemalt und wenn keiner guckt, tanze ich auch. Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder Zugang zu ihren künstlerischen Fähigkeiten bekommen und das gewürdigt wird.

Aber als ich auf dem Plan gelesen habe, dass ich auch in den Genuß kommen soll, zu musizieren und zu malen, war ich eher unmotiviert. Und ich frage mich: Warum? Wenn ich doch möchte, dass Kinder das machen. Betone, wie wichtig das ist. Warum? Wenn ich es immer gemacht habe, es meiner Persöblichkeit also nicht zuwider läuft. Warum? Wenn das die Gründe sind, wieso ich mich für ein zweites Studium entschieden habe? Warum denke ich bei „Gemeinsames Singen“, dass das nach Kindergarten klingt oder Gottesdienst, wenn ich mich bei den staatlichen Schulen darüber beklage, dass es nur um Leistung geht? Warum denke ich, wenn ich den Plan lese: „Und wann beginnt das richtige Lernen?“

Zwei Dinge mache ich dafür verantwortlich.

Erstens, dass ich Tanzen, Musik und Malen mit Noten in Verbindung bringe. Ich mache es gerne aber nichts davon außergewöhnlich gut. Im Gegenteil bei Musik und Tanzen habe ich ein hervorragendes Untalent unter Beweis gestellt. Ich hatte genug Kunstlehrer, die mir beigebracht haben, dass ich mit wenig Talent gesegnet bin, sodass ich grundsätzlich betone, nicht malen zu können. Wenn ich es dann doch tue, sind die meisten überrascht, dass es nicht so schlecht ist, wie nach meinem Getue anzunehmen gewesen wäre.

Zweitens bin ich so geprägt auf: Leistung! Noten! Wissenschaft! dass es mir sehr komisch erscheint, wenn erwartet wird, dass ich mich selbst ausdrücke, wenn es um das Miteinander geht und nicht darum wer der Beste ist. Tanzen, Singen und Malen sind Dinge, die ich unbewusst mit dem Kindergarten verbinde, in dem es vor zwanzig Jahren noch nicht darum ging, ob man gut genug ist. (Heute ist das anders, heute wird regelmäßig abgeglichen, ob das Kind schon die Farben kann, schon zählen kann, ob es wie die Altersgenossen lange genug sitzen bleibt, alles wird protokolliert und analysiert.)

Meine Skepsis gegenüber Tanzen, Singen und Malen als erwachsener Student in aller Öffentlichkeit liegt nicht in meiner Persönlichkeit, sondern in dem, was ich gelernt habe, wie die Welt funktioniert. Seit ich in die Schule gekommen bin – was jetzt auch schon zwanzig Jahre her ist –  wurde mir beigebracht, dass ich das bin, was ich kann. Selbstentfaltung kann man zuhause machen, wenn man möchte. Aber wichtig ist, was man weiß, welche Noten man hat.

Das werde ich umlernen müssen. Nicht nur für mich. Auch für die Kinder. Wichtig ist, wer der Mensch ist. Wichtig ist, dass er sich mag und mit den anderen Menschen klar kommt. Das soll die Schule beibringen. Dazu gehört Tanzen, Singen und Malen. Von daher: Willkommen erste Woche! Willkommen neuer Lebensabschnitt! Willkommen neue Impulse!

Mal sehen, was für einen Menschen es aus mir macht.

Ich bin momentan noch ein wenig wie verliebt. Überzeugt, dass das meine Berufung sein könnte. Vielleicht tatsächlich ein Ort an den ich passe. Gefolgt von großen Zweifeln und Skepsis.

(Wenn ich sage, dass ich Waldorfpädagogik studieren werde, sage ich das immer mit einem Lächeln, um dem Gegenüber die Möglichkeit zu nehmen, auf meine ernste und stolze Ansage herablassend zu lächeln. Viel öfter als ich angenommen habe, ist das garnicht nötig. Der Großtteil der Leute erwidert: „wie Interessant.“ „Das ist toll.“ Natürlich gibt es auch Erwiderungen wie „Was sagen deine armen Eltern dazu?“ oder „Dafür must du wirklich studieren?“ oder mein Favorit unter den Vorurteilen: „Waldorflehrer? Das ist leichter als normale Schulen.“  Als würde ich Waldorfpädagogik studieren, weil ich es an einer normalen Schule nicht geschafft habe. Für diese Leute ist das Lächeln. Und für mich – was ich mir kaum eingestehen möchte. In den Tiefen meiner Persönlichkeit gibt es Ecken, die noch viel skeptischere Fragen stellen, nach dem Motto: „Wirklich?! Du möchtest an diesen Hippie-Schule, an der sie keine Noten geben, arbeiten!?“)

Wenn die Verliebtheit schwindet und ich das verlegene Lächeln verliere, werden neben diesen Zweifeln auch die Begeisterungsstürme nachlassen. Ich bin gespannt. Darauf was mich ärgern wird. Auf das Gefühl, wenn ich mich vorstelle mit „Ich bin Waldorflehrerin“. Gespannt, was es mit mir macht.

Für den Moment habe ich die Wochenpläne gedruckt, die Zugverbindung herausgesucht und gezählt wie oft ich noch schlafen muss. Noch Zweimal!

 

 

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