Die ersten Wochen unter Waldis

Blick nach der ersten Woche:

Am ersten Tag – Montag – kam ich nachhause. Alle fragten: wie war es, ich sagte: weiß nicht. Wir haben zusammen gesungen. Jeder neue bekam eine Sonnenblume geschenkt. In den Vorträgen, die gehalten wurden, ging es um uns in der Welt, nicht darum, wann wir welche Leistung zu bringen hätten. Den Dozenten sah man an, dass dieser Tag ihr Herzblut war. Ich glaube nicht, dass sie eine Pause gemacht haben. Aber sie beklagten sich nicht, als sie meiner Gruppe – der letzten – zum dritten Mal erklärten, wie sich die kommenden Wochen gestalten. Das Gefühl, dass es einen Unterschied macht, ob ich bin, oder nicht, irritierte mich zutiefst.

Die Erstiwochen gestalten sich so: 90 Minuten Kunst, Pause, 90 Minuten Einführung in das Schulwesen, 90 Minuten Kunst. (Kunst = Sprachgestaltung o. Musik o. Eurythmie o. Malen). Wir wurden eigeteilt und werde am Ende der drei Erstiwochen alles gemacht haben. Jetzt habe ich drei Tage Sprachgestaltung gemacht. Das bestand zum Teil aus Laufübungen (wie laufe ich?), wie spreche ich? wie erzähle ich?Ach und Rythmus natürlich. Das wird noch ein Spaß. Rythmus ist nämlich nicht meins. Zu allem gab es Gedankenanstöße, keine Belehrungen. Und alle waren so bemüht uns miteinander vertraut zu machen, dass wir nicht nur nach kürzester Zeit die Namen konnten, sondern auch die Berührungsängste verloren. Selten hatte ich so wenig Angst mich zum Affen zu machen, wenn Fremde zusahen.

Gestern haben wir gemalt. Aufgabe: Teilt euch in Zweiergruppen. Interviewt einander eine halbe Stunde. Überlegt euch dann, welche Farbe der andere ist. Ist er überwiegend rot, vielleicht mit ein bisschen blau? Malt es.

Innerhalb von einer Woche kenne ich die meisten Komillitonen besser als jene Leute mit denen ich ewig studiert habe.

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Blick nach der zweiten und dritten Woche:

Ich habe ich es wissentlich vermieten etwas zu schreiben. Selbst wenn ich dazu gekommen wäre. Ich dachte, wenn ich in diesem Bereich arbeiten möchte, ist es nicht gut den Kulturschock öffentlich in die Welt hinaus zu schreiben. Vorallem weil nicht absehbar war, ob er auch wieder vorüber geht.

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Blick nach der vierten und fünften Woche:

Nicht was wir den ganzen Morgen machen ist erzählenswert, sondern was das mit mir macht. Ich vermute, dass dieser fehlende Blick zu meiner zweiwöchigen Krise führte. Ich kam nachhause und hatte den Eindruck, dass ich nicht viel mehr weiß als am Morgen. (Was  eine sehr pessimistische Sicht auf den Gang der Dinge ist und bei nährere Betrachtung nicht zu halten.) Aber wenn ich beobachte, wie ich mit mir und der Welt umgehe, hat sich doch viel getan. Ich sehe während den Zugfahrten Fremden viel mehr ins Gesicht und verschenke freundliche Lächeln, die oft erwidert werden. Ich glaube, ich kann mein Gegenüber viel mehr so annehmen wie er ist, als das vorher der Fall gewesen ist. (und da wo ich es nicht kann, arbeite ich daran.)  Mir fällt auf, wie sehr ich mich über das Leben wundere und entzücke.

Das sind alles Dinge, die nicht neu sind. Sonst hätte ich mich vermutlich nicht so stark und so schnell zu Waldorfschulen hinzugezogen gefühlt. Aber ich habe das Gefühl, dass sich diese Charaktereigenschaften in mir fester verwurzeln.

Letztes Wochenende waren wir auf einer Hochzeit, auf der getanzt wurde – wie das nun mal vorkommt bei Hochzeiten. Das mich selbst überraschende war, dass ich nicht wie üblich mich auf einen Stuhl gesetzt, das Treiben fasziniert beobachtet habe, sondern mitgetanzt habe. Was ich wirklich sonst kaum gemacht habe. Ich schiebe es auf den Einfluss des Studiums. Wir haben die Kunsteinheiten (momentan habe ich Musik und Eurythmie) und bisher ist mir noch nicht passiert, dass jemand gesagt hat : „Du kannst das nicht!“ Und ich verliere all die über die Jahre gesammelten Ängste, was die Leute wohl denken wenn ich singe oder tanze. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir gegenüber sage: „das werde ich nie können“ und dann der zweite Gedanke kommt: „Woher weißt du das? Vielleicht kannst du es doch, wenn du keine Angst hast, es falsch zu machen.“ Nicht herausragend, das glaube ich nicht. Aber beim Singen und Tanzen würde mich das normale Mittelfeld schon sehr freuen.

Was ich an der Hochschule wirklich mag, ist dass sie mir nicht so verlogen vorkommt wie andere Institutionen. Sie sagen: „nehmt die Kinder wie sie sind“ und sie nehmen auch uns, die Studenten, wie wir sind. Sie bemühen sich um unsere Namen, erfragen Teile unserer Lebensgeschichte und geben Hilfestellung. Das Miteinander an der Hochschule besteht darin, dass jeder schaut, wie er sich einbringen kann. Es gibt Küchen- und Putzdienste, Gartentage für das Grün drumherum. Der erste am Morgen setzt Kaffee auf für alle anderen. Es ist ein Miteinander, mit Interesse füreinander.

Ein Großteil der Lehrveranstaltungen ist durchdrungen von Philosophie. Viel von Steiner. Natürlich. Aber so viel von allen anderen, dass ich das Bedürfnis habe mir einen Überblick darüber zu verschaffen, was wer wann gedacht hat. Das finde ich wundervoll, da ich gerne Philosophie studiert hätte, aber davon kann ja kein Mensch leben….

Fazit nach der fünften Woche: ich freue mich auf die sechste Woche, freue mich über die Anregungen, über die Welt nachzudenken und über mich. Bin gespannt was es weiterhin mit mir macht.

 

 

 

 

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