„Das passt nicht mehr mit dir und mir….“ – Trennungsschmerz

(An diesem Artikel habe ich über ein Jahr geschrieben. Das war, ist nicht mehr. Das was in den Worten sein wird, ist längst vergangen…)

Jetzt, wenn ich das hier schreibe, glaube ich an mein Überleben. Aber ich weiß, dass es Momente geben wird, in denen ich mir weniger sicher bin. Aber ich schreibe jetzt. Ich möchte hier mit Abstand, neben mir stehend, beschreiben, was Liebeskummer ist. Als völlig Unbeteiligter. Als Doktor Freud bitte ich mich auf das Sofa und schreibe wenig mitfühlend mit spitzen Bleistift  Diagnosen auf.

Zunächst einmal würde ich sagen, dass sich der Satz  „Es ist aus“, anfühlt wie: „Krebs. Endstadium. Noch zwei Wochen. Regeln Sie ihre Angelegenheiten.“ Und wenn ich in dieser Krebsdiagnosen-Metapher bleibe, gibt es sicherlich Trennungen, die mit einem Hirntumor vergleichbar sind und welche, die ein kleiner Knoten am Finger sind. Ich würde behaupten, dass ich weit davon entfernt bin, eine Hirntumordiagnose zu haben. Meine Überlebenschancen stehen sehr gut. Die Wahrscheinlichkeit, dass mein restliches Leben zerstört ist, geht gegen null. Eher so eine Operation, die weh tut und eine Narbe hinterlassen wird, die vermutlich hin und wieder noch jucken könnte. Aber das ändert nichts daran, dass ich manchmal rumsitze und denke: „Warum gibt es so einen Sch***?“ Und ich frage das mit einer Miene, als sei es das Todesurteil. Als müsse die Welt und das Universum an diesem Schmerz zerbrechen.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass mich diese Erfahrung völlig entstellt hat. – Manchmal, an weniger guten Tagen. – Ich erwarte, dass jeder die Narbe sieht. Als würde sie mir über das ganze Gesicht verlaufen oder als würden mir Gliedmaßen fehlen. Und wenn keiner mitleidig schaut, bin ich irritiert. ( Wenn Liebeskummer schon dazu führen kann, dass ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber mich nicht sieht oder erkennt, wie muss es Kriegsveteranen gehen? Die mehr als eine Liebeskummer-Narbe haben?)

Mein Verstand hat längst erkannt, dass ich überleben werde. Er versucht dem Herz gut zuzusprechen, das sich wie eine Diva aufführt und das nahe Ende theatralisch prophezeit oder nichts lieber möchte als ins Bett zu gehen und dort das Sterben zu proben. Aber das Herz ist völlig unbeeindruckt von dem, was der Verstand sagt. Es probt einen Aufstand und tut weh. ( Das Phänomen erinnert an das Verlieben. Nur dass da der Verstand sagt, dass das Herz aufhören soll, so dämlich das Leben zu feiern und ständig zu lachen. Und stattdessen ins Bett  gehen schlafen. Aber das Herz macht Party…)

Wollte ich verliebt unbedingt Liebesgeschichten hören, interessiere ich mich jetzt für Trennungsgeschichten. Bekomme ich verliebt das Lächeln partout nicht aus meinem Gesicht, kann in der Trennungstraurigkeit nichts meine Lippen davon überzeugen, gen Himmel zu streben.

Alles tut weh, so körperlich, dass ich denke, ich müsste den Schmerz warmhalten oder kühlen können.

Die Trennung führt im Anfangsstadium zu einem Verlust von Identität. Und meine Haare umgingen nur durch die Verkettung einiger Umstände einem radikalen Schnitt. Weil ich mit dem Satz „Es ist aus“, nicht mehr wusste, wer ich bin und was ich kann. Und das Bedürfnis hatte, einfach jemand anderes zu sein. Weglaufen und Neu- Erfinden in einem. Es ist, als hätte ich mein Zuhause verloren und sei plötzlich obdachlos. Und selbst jetzt, als ziemlich klar ist, dass es gut ist, wie es ist, habe ich manchmal das Gefühl, ich sei nicht vollständig. Ich sei nicht ich. Etwas fehle, das ich nicht benennen kann.

Und dann gibt es natürlich noch diese Fragen von: „Warum konnte es kein Happy-End geben? Ab wann war klar, dass es enden wird? Hat er\sie mich geliebt?“ Die ganzen Klischee-Fragen halt.Und wie geht es jetzt weiter? Freunde sein oder Feinde? Kann ich jemanden, den ich gestern noch mehr geliebt habe als alles andere, heute hassen? Kann etwas, das so lebensbestimmend gewesen ist über Nacht völlig gleichgültig und ohne Relevanz für mein Leben sein? Aber wenn nicht, wie soll man nach so etwas, noch befreundet sein? Geht das überhaupt?  Und wann geht die Liebe endgültig weg?

Welchen Sinn hat der ganze Mist? Gibt es irgendetwas Positives daran? An schlechten Tagen gibt es das nicht.

Aber zum Glück bin ich nicht die Erste, die hoffte, etwas Langlebiges zu haben um es dann zu verlieren und das holt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.  Es fühlt sich an, als sei es das Ende der Welt. Aber an guten Tagen frage ich mich, wie ich das je denken konnte. Es war und dann war es vorbei. Wie vieles andere im Leben.

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Lange war die Liebe noch da. Aber inzwischen ist sie weg. Lange konnte ich nicht loslassen und machte mir vor, dass es nichts mit Schwäche zu tun hat, sondern mit Stärke.  Jetzt fühle ich mich bereit, loszulassen. Ich empfinde die Entfremdung als heilsam. Manchmal vermisse ich etwas, das ich nicht benennen kann. Inzwischen glaube ich, das es die Nicht-Anwesenheit der Narbe ist. Meine Einstellung zur Liebe ist eine andere. Ich habe etwas von der Naivität eingebüßt, mit der ich sowieso nicht so gut ausgestattet war.

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Begonnen habe ich den Beitrag wenige Monate nach der Trennung. Jetzt ist es fast ein Jahr her. Jetzt kommt es mir so seltsam vor, dass es dieses fremde Leben mal gab, dass mein Herz wirklich mal mit diesem anderen Herz geschlagen hat. Ich erinnere mich noch an den Schmerz. Aber es verblaßt und wie die meisten Verluste, wird dieser Verlust zu einer schmerzvollen Erinnerung, die an Bedeutung verliert. Wenn ich drauf drücke tut es weh. Manche Gedanken und Orte reizen die Narbe. Aber sie hat aufgehört zu bluten.

Ich stehe dem Ich gegenüber, dessen Herz nicht aufhören wollte zu bluten und frage: Wer bist du? Diese Trauernde ist mir fremd geworden.

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Wer sind wir? wer werden wir sein können? Sind noch immer Fragen. Aber sie brennen nicht mehr. Die Narbe ist klein, fast verheilt. Ich atme ein und aus ohne daran zu denken. Ich lache, ohne daran zu denken. Meine Lunge ist wieder ganz. Meine Gliedmaßen heil. Mein Gesicht ist mein Gesicht. Mein Leben ist mein Leben. Meine Haare wachsen und wachsen. Es gab diesen Moment, an dem ich noch dachte: „Kein Kontakt mehr. Schnitt. Ende.“Aber vor zwei Wochen überraschte mich der Gedanke: „Da war ein guter Mensch. Sein Herz schlug nahe an meinem. Ich kann dankbar dafür sein, ihn so gut kennen gelernt zu haben.“

Dankbarkeit, statt Wut oder Schmerz.

Als ich diesen Artikel begann, glaubte ich nicht daran. Aber alles heilt. Auch Liebeskummer.

 

 

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Erste Spuren?

Das Gesicht im Spiegel lacht. Ich sehe es an. Es scheint mir herzlicher als früher zu sein. Ich gehe näher heran und mustere alles Unebenheiten, wie das Frauen sicher besser können als Männer. Beobachte alle Unsymetrieheiten, als hoffte ich, dass sie sich verflüchtigt haben könnten. Betrachte die Mitesser, die mich ärgern und die verheilenden Pickel, die über die Jahre zum Glück weniger geworden sind. Womöglich betrachte ich mich auch im Profil, mit dem neuen Spiegel geht das und voller Interesse mustere ich mein Profil.

Nach längerem Betrachten finde ich endlich, was andrs geworden ist. Meine Augen. Noch ist das eine einen Tick größer als das andere. Noch immer sind sie hellgrün mit kleinen Pupillen. Vogelaugen, wie ich sie irgendwann mal betitelt habe.

Aber sie sind herzlicher, als früher. Sie scheinen mehr zu lachen als früher. Und das liegt an den kleinen Fältchen, die sich um die Augen legen, wie ein Rahmen.

Ich entspanne das Gesicht, dann lächle ich wieder, bis die Falten erscheinen. Dann entspanne ich wieder. Näher ran und weiter weg. Seit wann sind sie da? Wie war das früher? Waren sie kleiner? Sind sie schneller verschwunden?

Wieder lächle ich. Hin und hergerissen von Faszination („Das also ist das Älter werden“) und Angst („Ist das wirklich unwiderruflich?“), starre ich auf die Augen, schaue, ob sich auch an andren Stellen Fältchen zeigen und denke melacholisch über die Jugend nach, die irgendwann vorbei gegangen ist. Dann lache ich, diesmal über mich. Denn noch ist es nur ein Spiel. Noch glaube ich nicht an das entgültige Älter-Werden.

 

Was grade so aktuell ist…

Guten Tag lieber Blog. Guten Tag liebes Leben. Einatmen und Ausatmen. Der Bär und ich haben unsere Sachen gepackt und sind wieder umgezogen. Der Bär war nicht so zufrieden damit. Das hat mich nicht überrascht. Der Bär reist nicht gerne. Neues Haus, neue Baustelle, neues Leben, neues Glück. Wenn das Jahr zuende geht, wird es kaum noch dem gleichen, das begonnen hat. Das ist gut.

Ich bin jetzt Waldorflehrerin. Viele mögen ihr Leben lang von ihrem ersten Auto oder ihrer ersten großen Reise geträumt haben. Ich glaube, ich habe immer schon von meiner ersten eigenen Klasse geträumt. Morgens stehe ich an der Tür, um alle Kinder zu begrüßen und freue mich so, hier zu sein, in der kleinen Schule mit den wunderbaren Kindern. Ich freue mich, dass ich mir überlegt habe, was wir heute machen und morgen und dass alles irgendwie läuft. Ich liebe meinen Beruf und kann noch nicht ganz fassen, dass ich dafür wirklich Geld bekomme. Ich möchte in Zukunft gerne ein bisschen mehr über Waldorf schreiben. Manchmal bin ich superkritisch. Manchmal ganz verliebt.

Ich fahre jetzt auch Auto. Das habe ich früher schon getan. Aber nicht so häufig. Jetzt pendle ich und habe soetwas wie „Auto“-Geschichten, Situationen, die für mich emotional waren, aber für den Zuhörer nur eine Ansammlung von nicht Erzählenswerten. Jedenfalls nicht, solange man nicht übermüdet und ziemlich betrunken um vier Uhr morgens irgendwo herumhängt und redet, um nicht einzuschlafen. Aber ich erzähle diese Autobegebenheiten beim Kaffeetrinken. Sowas wie: „Heute habe ich den Mopedfahrer um 6:45 überholt.“ Dieser Mopedfahrer, der Morgen für Morgen überholt werden muss, meistens aber erst um 6:55, an einer besondrs kurvigen Stelle mit besonders viel Gegenverkehr,  ist seit Anbeginn meiner Pendelzeit DAS Thema beim Essen. Aber selbstverständlich nur für mich.  Darüber möchte ich in Zukunft hier nicht so viel   schreiben. Weil es wirklich nicht interessant ist, in welcher Kurve ich ihn um wieviel Uhr überholt habe.

Außerdem war zumindest in meinem Bekanntenkreis das Jahr 2016 das Jahr der Trennungen und mit der Tragik eines Teenagers und dem analytischen Geist eines Wissenschaftlers habe ich meine eigene Trennung von jenem Menschen beobachtet, der ziemlich lang ziemlich viel für mich war. Darüber habe ich einen Beitrag geschrieben, den ich seit Monaten überarbeite. Das war meine erste Trennung und die Versuchung war ziemlich groß, anzunehmen, dass nie jemand vor mir und nie einer danach solchen Schmerz erlitten hat. Was sich als Unfug herausstellte, sobald ich mit offen Augen durch die Welt gegangen bin. Trotzdem noch immer ein Thema, das mich fasziniert, wenn es mich auch nicht mehr völlig in Anspruch nimmt.

Ich bin 27 geworden. Es gab mal eine Zeit, in der ich annahm, wenn ich erst 27 sein würde, hätte ich Kinder, Mann und ein Haus. Stattdessen stehe ich in dem neuen Leben. Atme ein und atme aus. Manchmal denke ich darüber nach, wo ich bin, wo ich sein könnte und wo ich war und ob es gut ist, nicht mehr dort zu sein. Das Älter-Werden ist noch immer Thema. Daran wird sich vermutlich nie etwas ändern, denn damit hört man ja nicht auf…

 

Wer ist die Fremde im Spiegel?

Aus dem Spiegel sieht mir jemand entgegen, der fremd und vertraut gleichzeitig ist. Die Haare meistens im Pferdeschwanz wie die ganzen Jahre zuvor. In einem Star-Trek-T-Shirt und sehr pragmatischen Jeans, Socken mit roten Punkten auf weißem Untergrund, an den Ohren baumeln Erdbeeren oder Sterne. Um den Hals trage ich die Fliegenpilzkette. Alles vertraut, alles geliebt. Aber plötzlich habe ich das Gefühl, dass ich das nicht mehr bin. Wobei „plötzlich“ das falsche Wort. „Plötzlich“ ist ein Prozess der sich seit Jahren abzeichnet. Ich bezeichne mich nicht mehr als Jugendliche – wie kann ich auch mit Mitte 20? Ich hänge Bilder ab, die ich vor Jahren  liebevoll aufgehängt habe. Mit anfang 20 wollte ich nichts weniger als eine „Spießerwohnung“. Ich wollte Farbe und Fotos. Vor einem halben Jahr habe ich die Collage in dem Flur, die ich unbedingt aufhängen wollte, abgehängt. Jetzt hängt da ein Blumengemälde. Unsere Wohnung ist chaotisch dekoriert. Ich möchtenun gezielt einrichten. Aber die „Spießerwohnung“, die ich mir grade einzurichten versuche, bezeichne ich nun als „Angemessen Einrichtung.“ Ohne Verachtung in meiner Stimme. Die Fremde im Spiegel sieht aus wie Anfang zwanzig, lebt in einer Wohnung von jungen Studenten, während ich fasziniert feststelle, dass ich Verhaltensweisen an den Tag lege, die neu und vertraut sind. Ich kümmere mich liebevoll um den Haushalt, beginne Bahnen zu definieren, in denen ich leben möchte. Entscheidungen werden anders gefällt als früher. Allem haftet ein bisschen mehr Entgültigkeit an. Zu Anfang des Allein-Lebens ging es darum, sich alles anzusehen. Das Vertraute war langweilig. Jedes Müsli wurde durchprobiert, jedes Waschmittel mal versucht. Hauptsache neu. Jetzt möchte ich das bewährte und entscheide mich aktiv für ein Waschmittel von dem ich irgendwie annehme, dass ich es mein restliches Leben nutzen werde. Ich sage „Dazu bin ich zu alt.“ Hätte ich mit 20 gewusst, dass es keine fünf Jahre dauert, bis ich lieber Blaiser als Kapus trage, lieber silberne Stecker als bunte Erdbeeren, Einkaufslisten habe, die immer gleich aussehen, ich wäre sehr traurig geworden. Aber jetzt fühlt es sich nur richtig an. Mit 15 oder 16 nimmt man an, man bliebe immer der, der man ist und nur die Welt zwingt einen, sich zu ändern. Ich hatte Pläne wo ich sein wollte, wie ich sein wollte. Noch immer gegen alles, noch immer in zerrissenen Jeans. Ich war sehr stolz darauf, wer ich war. Aber jetzt ist mir mein jugendliches Gehabe fremd. Und auch manche meiner Ideen zu Welt, die ich mit 20 hatte. Ich bin mir aber nicht fremd geworden. Ich freue mich über ein neues Haushaltsgerät, träume von einer eigenen Küche und einem Haus, weil ich dem Jung-Sein entwachsen bin. Freunde, denen ich sage: dazu bin ich zu alt, erwidern, dass man nur so alt ist, wie man sich fühlt. Sie verstehen: „Ich kann das nicht machen, die Leute würden gucken.“ Aber eigentlich sage ich: „Das passt nicht mehr zu mir.“ Ohne dass ich ganz genau erklären kann, was sich geändert hat. Aber es wäre schrecklich für mich, jetzt vorgeben zu müssen, noch immer das selbe zu denken und zu fühlen, wie mit Anfang 20. Diese Erkenntnis finde ich tröstlich, weil das Leben damit nicht ein Prozess von Selbstaufgabe ist, wie man als Kind denkt. In dem man der Reihe nach das tagelang spielen, das nächtelang lesen, die Abenteuerlust aufgibt. sondern man verändert sich schlichtweg ein wenig, immer weiter. Einen Teil seiner Jugend zu bewahren ist gut. Aber nicht krampfhaft.  Und wenn der nächste Abschnitt zu Ende geht, bin ich überzeugt, dass ich das, was jetzt neu im Spiegel ist, sicher auch frohen Herzens los lassen kann.

Meine Sehnsucht nach Altlantis – das Erwachsenwerden

Bei mir läuft den ganzen Tag Musik. Meistens immer wieder das selbe. Bis sich jede einzelne Note vollgesogen hat mit Lebensgefühl. Bis nur die Klänge hören muss und schon bin ich in dem längst vergessenen Gestern, sitze in melacholischen Sepia-Farben umgeben von längst vergangenen Freuden und Sorgen und bin jünger, umgeben von Erinnerungen.

Die selbe Wirkung können Düfte haben und Vogelgezwitscher. Plötzlich bin ich wieder in der Schule, bin sechszen, siebzehn, noch nicht Erwachsen, nicht mehr Kind.

In diesen Momenten wünsche ich mir Rückehr. Ich bekomme Heimweh nach dem Vergangenen, nach meinem ganz persönlichen Atlantis, wunderschön, entgültig versunken, nur noch Mythos.

Wieso? Wieso möchte ich dorthin zurück.

Ich konnte viel noch nicht, das ich heute kann. Ich kannte viele liebe Menschen noch nicht, die ich heute kenne. Ich hatte Probleme und Sorgen, die ich heute nicht mehr habe. Wieso also? Es ist schön hier. Es ist ein perfektes Leben, warum diese Sehnsucht nach gestern.

Vielleicht weil ich Entscheidungen gefällt habe, die tausend Möglichkeiten ausschließen. Mit sechszehn war fast alles möglich. Ich hätte nach dem Abitur alles machen können, überall hingehen. Ich stand an einer Straße mit unendlich vielen Abbiegungen. Dann nahm ich einen Weg, der mir richtig erschien. Ich denke bis heute nicht, dass er falsch war. Aber ich habe so viele mögliche Leben aufgegeben. Ich könnte zurück gehen, aber es wäre nicht das selbe. Mit achtzehn zu studieren ist immer etwas anderes, als mit fast fünfundzwanzig. (Das sieht man auch an der Uni. Ältere Studenten studieren ganz anders, als die halben Kinder, die wir waren.) Ich bin eingewoben in ein Leben, in eine Stadt, in Erwartungen, von anderen an mich und von mir an mich. Mit achtzehn denkt man an Selbstverwirklichung, mit Mitte zwanzig sieht man die dreißig auf sich zukommen und fragt sich ernsthaft, wo man hin möchte, wo man bei dem nächsten runden Geburtstag sein möchte. Jedendfalls nicht in einer Studentenbude, mit Studentenessen aus Dosen. Was mit achtzehn wie Emanzipation schmeckte, schmeckt mit dreißig nach Scheitern.

Ich habe einen Weg ein-, tausende von Möglichkeiten ausgeschlagen. Ich bin hier. Festgelegt auf einen Weg, auf dem ich an der nächsten Abbiegung nach rechts statt nach links gehen kann. Aber ich kann nicht zurück. Die tausend Möglichkeiten, die ich nach dem Abi hatte, die süß und süßer waren, sind unwiderruflich fort. Heute hätten die selben Wege einen bittren Beigeschmack.

Vielleicht macht das das Älter-Werden so schwierig. Man kann immer noch alles tun, was man möchte, aber es wird schwieriger. Man ist festgelegt, man wird nie wieder so studieren wie das erste Mal. Man wird nie wieder eine Studentenwohnung bewohnen, wie das erste Mal. Manchem Leben entwächst man. Je älter man wird, desto mehr Entscheidungen hat man gefällt, desto weniger Möglichkeiten sieht man, etwas zu ändern. Theoretisch ist es immer möglich. Aber der Kraftaufwand wird immer größer und größer, die Abzweigungen immer seltener., das Kleidungstück des Lebens immer enger.

Ich sehne mich nicht danach, wieder zur Schule zu gehen, wieder behütet zu sein, von meinen Eltern. Ich sehne mich nur danach zu wissen, dass alles, aber auch alles möglich ist.

 

 

Das letzte Aufbäumen meiner Jugend

Ich bin mir der Zauberhaftigkeit des Tages bewußt. Mitte 20 fühlt sich gut an. Mein Studium hat mich konserviert. Ich bin ein Kind im Körper einer Erwachsenen. Das merke ich, wenn ich mit den Müttern meiner Nachhilfekinder zu tun habe, die nur wenige Jahre älter sind, aber reifer und erwachsener wirken. Ich bin noch Träumer, noch Tänzer. Voller idealer Vorstellungen, wie die Welt zu sein hat, noch voller Vorstellungen, was aus mir werden könnte, voller Energie Wände einzureißen. Aber anders als früher. Mit sechszehn hatte die Welt krasse Farben und ich Lugen voller Luft, um „dagegen!“ zu sein. Heute gerate ich schneller außer Puste. Aber ich bin noch Träumer, der zu zu lauter Musik durch die Wohnung tanzt. Ich kann noch die Augen schließen und mir Farben vorstellen, auch wenn ich ahne, dass sie weiter verblassen werden.

Aber das ist okay, denke ich. Man kann nicht ein Leben lang Mauern einreißen und Farbe versprühen. Irgendwann muss man aufbauen, muss ernsthaft malen.

„Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 30 Jahren noch Kommunist ist, hat keinen Verstand!“

Alles muss sich ändern und ich kann das akzeptieren.  Ich sehe, dass ich Dinge ernsthafter betreibe. Dass ich manches nicht mehr tue, weil mir meine Energien zu schade sind. Weil ich es, gefestigt in mir, nicht mehr nötig habe.

Ich trauere nicht um das, was ich Tag für Tag rechts und links liegen lasse an Splittern meiner Jugend. Ich freue mich über das Neue, das Erwachsene, was ich aufsammele. Aber trotzdem genieße ich dieses letzte Aufbäumen meiner Jugend.

Erwachsenwerden

Haare bunt, Kleider hippiehaft

Schnell, schnell

Bevor ich zu alt dazu werde.

Bevor ich feststelle, dass das nicht mehr geht.

Der Moment wird vielleicht schrecklich.

Vielleicht auch nicht.

Vielleicht eine Routinefeststellung, wie die,

dass man mal wieder zum Zahnarzt muss.

Ein erschrockenes Ziehen in der Magengegend,

ein Anruf, Erleichterung, und weiter im Leben rennen.

Ich habe Angst vor dem Moment.

Noch mehr Angst aber, dass das genau so läuft;

Im Vorbeirennen, weil keine Zeit für Trauer ist.