Gedanken, die ich grade noch los werden muss

Ich habe „How I met your mother“ hoch und runter geschaut. Ich kann es mitsprechen. Ich lache 5 Minuten, bevor irgendetwas witzig ist, manchmal auch bevor die Folge überhaupt losgegangen ist.

Als Kommentat zu Toleranz durch Fernsehen und Bücher, möchte ich dennoch etwas anmerken.

1. Es ist verrückt, dass Ted und Barney und Robin befreundet sind, obwohl Ted und Barnex beides Ex-Freunde von Robin sind. Aber das ist für die Geschichte wichtig und gut. Ist mir nur aufgefallen.

2. Sie trinken ständig. Kein Wunder, da ein großer Teil der Handlung in einer Bar stattfindet. Das fiel mir vorher garnicht auf, bis ich diesen artikel gelesen habe:

http://ze.tt/alltagsalkoholismus-uns-faellt-gar-nicht-mehr-auf-wie-viel-wir-trinken/

Suggeriert das ständige in der Bar sitzen und trinken, ganz beiläufig nicht, dass das ganz normal ist?

3. Barneys Reden über Frauen ist wirklich scheußlich. Aber Barney ist ein Sympathieträger, sagt das nicht, dass es okay ist, so mit Frauen umzugehen wie er es tut?

https://www.youtube.com/watch?v=3htVoHJm7OM

(Wobei es diesen Typ Mann, der auf Sex mit ganz vielen scheinbar dummen und unmündigen Frauen aus ist, in vielen amerikanischen Serienvertreten ist.- bsp. Howard in BigBangTheory, Schmidt in New Girl, Todd in Scrubs –  Da ist doch etwas nicht in Ordnung, oder? Back to the 50er?)

4. Auch das schwule Paar, das in der dritten Staffel auftaucht, wird mit einem wenig schmeichelhaften Wort versehen und bedient alle Klischees.

Jetzt komme ich mir ein wenig vor, wie ein Nörgler.

Geschichten aus dem Abseits

Gestern habe ich „Gilpert Grape“ gesehen. Nicht zum ersten Mal. Aber zum ersten Mal seit Langem. Der Film aus den frühen Neunzigern erschien mir nicht alt, als ich ihn zuletzt gesehen habe, auch wenn er damals sicher auch schon alt war. Aber das Gefühl einen „Klassiker“ zu sehen, der in einer Zeit spielt, die längst versunken ist, ist neu. Ich mag den Film, wie ich „Benny und Joon“ mag, der ebenfalls inzwischen in einer fremden Zeit spielt. Beide Filme sind mit Johnny Depp, wie sich trefflich bemerken lässt, aber das ist nicht der Grund, wieso  mich beide Filme faszinieren. Mich fasziniert das Leben neben dem Normalen. Die Schönheit des Abseits. Mein erstes Stück, das ich inszeniert habe, war Koffkas „Kain“. Kain, der am Ende seinen Bruder Abel erschlägt. Von beiden Brüdern habe ich von Beginn an die Figur des Kain geliebt. Das ist so geblieben. Ich erzähle Geschichten über Personen im Abseits und ich liebe Geschichten über solche Menschen, wenn der Autor, der Regisseur, der Schauspieler, sie nur geliebt haben.

Aus diesem Grund gehört John Irving zu meinen Lieblingsautoren. Er schreibt immer über das Abseits. Seine Figuren sind anders und dadurch liebenswert. Ich habe grade eine neuerliche Reise durch „Hotel New Hampshire“ beendet und bin noch ganz erfüllt von den Figuren, die ohne Frage im Abseits stehen, manche sogar im abseits des abseits und dort eine ungeheure Stärke entwickeln.

Das machen Figuren aus dem Abseits, sie entwickeln Stärke, die nur der Erzähler, sei es der Autor oder die Kamera, ihnen entlocken kann und oft geht es mit einer großen Lebensbejahung einher.

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Ich möchte an dieser Stelle ganz ungeniert auf einen anderen Blog verweisen, an dem ich mitschreibe. Vielleicht hat der ein oder andere Lust mal vorbeizusehen.

https://3pistazien.wordpress.com/

Es geht dabei um ein Hobby von mir: das Filme drehen. Momentan arbeiten wir an einem Film, der „Alice im Wunderland“ bearbeitet. Allerdings als Traum, der immer weiter zum Albtraum wird. Der Blog begleitet ein wenig den Schaffensprozess. Ich poste Fotos und berichte, was wir grade so machen.

Ein Blick lohnt sich sicher.

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Ein schöner Abend – aber nicht im Kino…

Alle sind vornehm angezogen. Sie tragen Stoffhosen statt Jeans , Blusen statt T-Shirt . Haben ihre Haare frisiert, tragen Perlen in den Ohren und um den Hals. Wenn die Herren Fliegen tragen, dann auf Hochzeiten und hier. Man unterhält sich gedämpft und ich stelle mir vor, dass die Gespräche sich nicht um den missratenen Spross der Nachbarn drehen, nicht um die kranke Mutter, nicht um den Chef und den untreuen Ehemann, sondern um Musik, Bücher, Stücke, die man erst kürzlich gesehen hat oder sehen möchte. Man gibt sich gebildet und interessiert. Vielleicht ist man es auch. Gefühlt bin ich umgeben von älteren Ehepaaren, die nun Zeit und Muse haben, ins Theater zu gehen. Es riecht nach Parfum statt nach Deo. Keiner sagt: „Cool“ oder zückt sein Smartphone. (Ich packe meines auch direkt verschämt weg.) Stattdessen liest man das papierne Programmheft, spricht langsam und deutlich. Es gibt keinen Grund sich zu beeilen. Man ist an einem Ort zwischen den Zeiten, einem Unort. Hier hat man Zeit.  Man ist heraus gerissen aus der Betriebsamkeit des Straßenverkehrs, des Telefons, der schnellen Bilder.

Im Theater wirken alle freundlich. Diese Freundlichkeit ist nicht die Abwesenheit von Unfreundlichkeit, wie es sie im Kino gibt oder in Restaurants. Der Kartenverkäufer wünscht einen schönen Abend und lächelt, als hätte er das heute noch niemandem sonst gewünscht. Auch die freundliche Frau, die gut angezogen Programmhefte verkauft und aufpasst, dass ich mit der richtigen Karte durch die richtige Tür gehe, um zu meinen Plätzen zu gelangen, lächelt und wünscht mir einen schönen Abend, als habe sie diesen Glückwunsch für mich erfunden. Ich lasse mich in den weichen Sesseln nieder, die an langsamere Zeiten erinnern. An die ersten Kinos, die ersten Lokomotiven. Ich sitze auf meinen billigen aber guten Plätzen, beobachte die anderen, die ihr Plätze suchen, sich begrüßen, rieche vielleicht sogar Chanel N°5 und Kölnisch Wasser. Die Decke ist bemalt, der Vorhang auf der Bühne schwer, alles ist vornehm und voller vornehmer Menschen, die sich tuschelnd unterhalten. Ich grinse, weil die Atmosphäre so schön ist.

Dann öffnet sich der Vorhang. Mir, als Kind des 21. Jahrhunderts erscheint es fast widersinnig, dass die Menschen wirklich da sind, dass es jetzt, real passiert und dass ich es nur jetzt sehen kann, keine Möglichkeit habe, mir die DVD zu kaufen, um es in Konserve zu haben.  Ein einmaliger Moment, den die Schauspieler und ich jetzt gemeinsam haben. Es ist ganz ruhig. Keine Schnitte, keine hektischen Bewegungen, aber auch keine Langeweile.

Dann die Pause. Man trinkt teuren Sekt, um den Moment zu feiern. Man unterhält sich über Kunst. Bildet ein Bildungsbürgertum ab, dass es so längst nicht mehr gibt. Aber für diesen Abend kann man so tun als ob und sich in dieser romantischen Vorstellung sonnen, ehe man, noch immer in das Gespräch vertieft, von dem Glöckchen zurück gerufen, in den Vorstellungsraum zurückflaniert, um die zweite Hälfte zu genießen. Man genießt, lacht. Die Schauspieler spielen mit dem Raum, spielen mit ihren Kollegen und dem Publikum. Die älteren Damen neben mir toben verhalten – es sind schließlich Damen – als der Schauspieler sein Gesäß ganz unverblümt , fast anzüglich, kreisen lässt und verschmitzt ins Publikum grinst, weil er weiß, dass er das sehr gut macht: das Lächeln und das Kreisen. Ich bewundere seine Lässigkeit, seinen unverkrampften Umgang mit dem vollen Saal, als sei er ein unerschrockener Löwenbändiger. Ich muss an Kafkas  „Auf der Galerie“ denken. Das Theater ist etwas gemächlicher als Kafkas Zirkus. Aber das Publikum ist hellwach und beobachtet, lacht und klatscht.

„Verlassen Sie das Theater.“, sagt der Schauspieler auf der Bühne und sieht streng in die Reihen. „Sie bekommen das Eintrittsgeld zurückerstattet.“ An seinem Arm ein Hakenkreuz. Das Licht im Theater geht an. Der Mann auf der Bühne schaut finster in den Raum. Als sich keiner erhebt, wiederholt er seine Versprechen, seine Aufforderung. Da geht das Licht wieder aus. Wir haben uns nicht entfernt, sind stattdessen noch näher herangerückt an das Geschehen, weil er uns angesehen hat, als er sprach. Weil wir uns – wenn auch nur im Ansatz – entschieden haben, zu bleiben, sind wir nun Teil der Handlung.  Nähe, die es im Kino nicht geben kann. Dieser Abend gehört den Schauspielern und dem Publikum gleichermaßen, man verbringt ihn zusammen. Keiner lässt sich nur durch ein teures Abziehbild vertreten.

Am Ende wird es ernst und ganz still im Raum. Auch von meinen billigen Plätzen sehe ich den Ernst und die Verzweiflung in den Gesichtern. Verliere mich in ihrer Mimik und ihrem Spiel, ehe der Vorhang fällt. Altertümlich, romantisch, wie er vor 225 Jahren fiel, direkt nach der Fertigstellung des Theaters. 1789. Das Jahr der französischen Revolution. Demokratie war damals  verpönt, der Nationalismus im heutigen Sinne noch nicht erfunden. Ein Moment der Stille, als halte jeder die Luft an, erfasst von diesem erhabenen Moment.

Dann bricht der Applaus los.

 

Ein Smalltalkgespräch über Kunst?

Die Ballerina Beatrice Cordua sagte in einem Inerview, Kunst müsse radikal, aufrichtig, wahrhaftig und schmerzhaft sein. Für den Künstler und den Zuschauer. Kompromisslos. Die Tänzerin sorgte 1972 mit ihrer Darbietung in „Le sacre du printemps“ für einen Skandal. Sie tanzte nackt und offensichtlich so inbrünstig, dass bei der Generalprobe jemand in Ohnmacht fiel.

Ich habe den Zeitungsartikel ausgeschnitten und an meine Wand gehängt. Weil mir ihre Formulierung gefallen hat, weil ich einen Teil meiner eigenen Auffassung darin wiedererkenne.

Was Kunst sein soll und sein kann, ist sicher ein gutes Thema um einen Streit vom Zaun zu brechen. Es gibt keine klaren Festlegungen, nur Theorien, denen man zustimmen kann, oder sie ablehnen. Kunstdefinitionen wandeln sich und werden immer wieder neu definiert. In einer Diskussion kann es also kein richtig und falsch geben. Nur Positionen, die übereinstimmen, oder eben nicht. Sie können dem allgeinen Konsens ähnlicher oder unähnlicher sein. Man kann sich wunderbar darüber streiten.

Das heißt natürlich, falls man jemanden findet, der eine Kunst-Auffassung hat. Das gehört nämlich nicht zum allgemeinen Repetoir der Selbstwahrnehmung, wie ich festgestellt habe. Die Meisten haben eine Meinung zu Kindern, zu Haustieren, zu Fußball, zu Fernseh-Serien und Filmen. Man kann nach der Meinung zum Wetter fragen, zu Musik im Allgemeinen und Besonderen, Mode und Filmpiraterie. Aber was Kunst sein sollte, gehört nicht dazu. Was ich höchst bedauerlich finde. Ich habe keine Meinung zu Fußball und Mode. Aber ich arbeite sehr ausgibig ab meinen Vorstellungen von Kunst und halte sie als Thema eines Smalltalkgesprächs bereit.

„Wie findest du das Wetter?“

„Ja. Verregnet.“

„Ja finde ich auch. Trist.“

„Ja.“

„Wie ist deine Auffassung von Kunst?“

Ich kann mit „schön“ nicht viel anfangen. (Außer wenn ich abends müde bin und einfach nur unterhalten werden möchte.) Wenn ich – zumindest momentan – Herzblut in ein Projekt stecke, dann möchte ich es gnadenlos. Gnadenlos heißt nicht, dass Gewalt vollständig gezeigt werden muss. Ich meide Filme, in denen es eklig wird. Ich brauche keine Bilder in meinem Kopf, wie jemand verbrennt oder die Kehle aufgeschnitten bekommt. Ich möchte ungeschönte Nähe. Wenn Menschen Sex haben, möchte ich keine weichgezeichneten Aufnahmen von seiner Hand an ihrem Bauch. (Was die amerikanische Variante ist. In einem französischen Film dagegen sah man ihn auf ihr liegen. Kein Porno, aber kein weichgekochtes Bild, nicht glattgebügelte Realität.) Ich möchte, dass der ganze Körper spielt. Ich möchte Emotionen aus tief innen. Ich möchte, dass der Schauspieler aufhört gut auszusehen. (Benedict Cumberbatch verzieht, wenn er wütend ist sein ganzes Gesicht. Fletscht die Zähne. Das mag ich.) Ich möchte, dass, wenn jemand wütend ist, Spucke von seinen Lippen tropft, obwohl das nicht ästhetisch ist, dass gegessen wird, ohne dass es nach Werbung aussieht. Mir imponiert, wenn Schauspieler sich völlig aufgeben für die Rolle. Wenn Gedanken an schön und ästhetisch verloren gehen. Wenn es keine Aneinanderreihung von Bildern der Romantik sind. Keine schönen Landschaftsaufnahmem. Ich mag Körper, die nicht Werbemaße haben.

Vielleicht möchte ich nur, dass Kunst nicht eine Fortsetzung der Fotoshop-Realität aus Werbeklips ist. Keine Welt in der alle schön und sauber und schlank und jung sind. In der alle lachen, alles sauber ist, alles rein, bis in die Poren der lächelnden Hausfrau, die nun das neue Zewa-Tuch für sich entdeckt hat.
Ich möchte überrascht werden von Darstellungen, von Schnitten (im Film) von Wortwendungen.

Bis hierhin hätte ich mich in Rage geredet. Ich würde mit meinen Händen fuchteln und Worte eindringlich betonen. Ich würde vermutlich klingen, als ginge es um Leben und Tod, um die Rettung oder Verderben. Ich würde klingen wie eine verzweifelte Liebende. Was vermutlich der Wahrheit am nächsten kommt. In diese eine von mir gefundene, und geliebte Facette im Kaleidoskop der Möglichkeiten, was Kunst sein könnte. Mit dem Wissen, dass sie weder ganz ausformuliert noch entgültig ist. Wer weiß, was ich in 10 Jahren dazu denke.

John Irving

Ich sehe schon, wenn ich lange genug an diesem Blog schreibe, werden meine Lieblingsautoren alle eine Artikel bekommen haben. Das wird in erster Linie Selbsterkenntnis für mich bedeuten. Weil ich auf Anhieb nicht sagen könnte, welche mir die Liebsten sind.

John Irving zählt wohl dazu. Das überrascht in der Hinsicht nicht, dass ich mich seit Jahren systematisch und wiederholend durch seine Bücher arbeite. Ich schätze die Skurilität seiner Figuren, die hauchdünn überzeichnet, liebenswert und lebensnahe scheinen. In „Garp und wie er die Welt sah“ entscheidet sich Robert Muldoon, ein gefeierter Football-Spieler, bei einer Knieoperation zu einer Geschlechtsumwandlung. Das word in einem Halbsatz erwähnt. Dem Leser begenet in erste Linie Roberta Muldoon, eine Frau, die noch immer Footballspieler ist und irgendwie zwischen Frau und Mann steht. Sie ist nie ganz eindeutig, wie keine der Figuren bei Irving jemals ganz eindeutig ist. Das vermittelt das Gefühl, man hätte es mit echten Menschen zu tun. Die Figures sind skurill facettenreich. Ich mag Skurilles und liebe die Figuren in den Büchern.

Mich imponiert sein Mut über Tabus zu schreiben. Als ich „Garp“ das erste mal hörte (wunderbar gelesen von Rufus Beck) , war ich vielleicht vierzehn oder vielleicht etwas älter. Damals imponierte es mir auch. Aber gleichzeitig war ich sehr irritiert, wenn er über Penise und Sex redet, als sei nicht dabei. Sex ist ein enorm wichtiges Thema in den Büchern. Die Figures laufen ganz natürlich nackt durchs Bild. Momentan höre ich „Witwe für ein Jahr“. Es beginnt damit, dass die vierjährige Ruth den Sex von ihrer Mutter und deren Liebhabers stört. Ich mag den Einstieg. Er lässt keine Illusionen über das Buch. Es sagt gleich zu Beginn, dass nichts Unschuldiges zu erwarten ist.

Aber nur Sex wäre jetzt nicht  skandalös. Es geht um Sex zwischen Geschwistern („Hotel New Hampshire“), dem junge männliche Protagonisten und seiner älteren Geliebte („Garp und wie er die Welt sah“, „Hotel New Hampshire“, „Bis ich dich finde“), oder Prostituierten, die zu dem feste Repetoire der Geschichten gehören. Neuste Entdeckung in „Ein Jahr Witwe“: Sex zwischen Mutter und Sohn, zumindest indirekt. Das alles ist zwanglos und natürlich. Man könnte sich aufregen. Ich bewunderer den Mut. Es fühlt sich nicht nach Skandal an, wie bei „Feuchtgebiete.“

Mit den Figuren wird gnadenlos umgegangen. Neben dem Sex ist immer Tod ist ständiger Begleiter der Figuren. Sie sterben ohne Vorwarnung und werden betrauert. Als hätte das Leben die Geschichte geschrieben. Auch dazu gehört Mut.

Ich finde Ausdrucksformen schön, in denen etwas ungekünstelt dargestellt wird. Jemand Mut beweist und Dinge beim Namen nennt. Ich möchte keine Fäkalsprache. Aber Wahrheit. Schonungslos Dinge beschreiben, ohne vulgär zu werden. Das möchte ich auch gerne können.

Ich liebe Skurilles. Bei Irving fühlt es sich an, als könnten Dinge wahr und skurill sein. Das deckt sich mit meiner Auffassung von Leben.

Gedanken zu Schauspielern

Zu meinen Lieblingssschauspielern zählt Curt Goetz. Und das obwohl er nicht besonders gut aussah. Die Nase zu groß, der Mund zu klein. Das fiel mir erst relativ spät auf. Vorher war ich ganz gebannt von seiner Ausstrahlung und seinem Spiel.

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Curt Goetz als Dr. Prätorius

Ähnlich verhält es sich mit David Tennant, den ich im Moment auch sehr gerne sehe. Gefunden als Doctor Who, würde ich – bei  finanziellen Möglichkeiten -, mir eine ganze Sammlung mit Filmen mit ihm zulegen. Aber er ist keine der typischen schönen Männer, würde ich mal behaupten. Er hat aber diese charmante Darstellung und erfreut sich großer Beliebtheit.

Michael Caine und Alan Rickman entsprechen wohl ebenfalls kaum den gängigen Schönheitsidealen. Aber sie wirken. Ich finde es unglaublich faszinierend, dass sich Ausstrahlung mithilfe von Kameras einfangen lässt.

Aber wenn mich nicht alles täuscht sind die aufgeführten Schauspieler, die mir eben spontan eingefallen sind, Theateschauspieler gewesen. Sie spielen mit dem ganzen Körper. Es haftet ihrem Spiel etwas gnadelos ehrliches an. Sie spielen nicht mit leichten Kopfnicken, sie vertrauen nicht auf ihr schönes Gesicht, wie die ein oder andere Hollywooddarstellerin. Wenn sie spielen ist es wie Ballett. Es sieht einfach aus, aber gleichzeitig, wenn man hinsieht, stellt man fest, dass der ganze Körper angespannt ist. Alles ist kontrolliert.

Ich habe nur Männer aufgeführt. Weil Hollywood Männern Raum lässt, wenn sie Ausstrahlung haben. Schauspielerinnen dagegen sind meistens hübsch. Schauspielerinnen die hübsch sind aber ohne jede Ausstrahlung finden sich massenhaft. Umgekehrt wird es schwierig. Mir fielen eine Handvoll Frauen ein, die nicht mehr Schönheiten sind und trotzdem gerne gesehen werden, weil sie Ausstrahlung haben. Helen Mirren, Maggie Smith, Meryl Streep, Judi Dench…

Aber vielleicht liegt das mehr an dem amerikanischen Kino, als an dem Kino allgemein. In englischen und französischen Filmen gibt es mehr Durchschnittsgesichter mit Ausstrahlung. In Doctor Who begegnen einem beispielsweise Billie Piper und Catherine Tate. Beide haben diese gnadenlose Art zu spielen, mit vollem Einsatz, mit dem ganzen Körper.

Ich finde es schön, wenn Schauspieler\innen  Ausstrahlung haben und die Figur über die Schönheit des eigenen Gesichts hinaus verkörpern. Benedict Cumberbatch und Johnny Depp, die beide als gutaussehend gehandelt werden, haben dennoch eine gnadenlose Art zu spielen. Sie verziehen das Gesicht, bis es nicht mehr schön ist. Ich finde das ansprechend, weil in diesem Moment, wenn  Cumberbatch die Zähne fletscht und die Nase kraust, weil sich die Figur aufregt, die Rolle da ist und der Schauspieler, dem etwas daran liegen muss, gut auszusehen, weg.

Gute Schauspieler geben sich im Spiel auf. Sie werden ganz zur Rolle. Sie opfern den ganzen Körper, um eine Emotion auszudrücken.

Gedanken zu Shakespeare im Film

Als ich mit 15 oder 16 Luhrmanns „Romeo und Julia“ sah, war es um mich geschehen. Seither gehört Shakespeare mit zu meinen liebsten Autoren. Im Zuge dieser Verehrung habe ich die ein oder anderer Verfilmung gesehen. Selbstverständlich kam ich nicht an den Verfilmungen von Kenneth Branagh vorbei, der eine ganze Menge verfilmt hat und den ich für fähig hielt, bis ich auf die Hamlet Verfilmung mit David Tennant gestoßen bin. Ich liebe Sprache und Sprachmelodien. Daher habe ich mich bei keiner der Verfilmungen gelangweilt. Die Sprache von Shakespeare ist einfach wunderbar. Aber ich habe mir sowohl die „Hamlet“-Verfilmung von Kenneth Branagh als auch die mit David Tennant angesehen. Zuerst die mit Tennant und das erste Mal transportierte jemand Emotionen, während er shakespearisch gesprochen hat. Die Kostüme und Kulissen sind ausgesprochen schlicht. Aber man merkt, dass das Stück oft aufgeführt wurde, dass die Schauspieler mit den Rollen gearbeitet haben. Die Kameraeinstellungen unterstützen die Laufwege, die Mimik. Die Kamera ist der optimale Zuschauer. Ihm wird nichts geboten als Theater um ihn herum. Theatersprache, Theaterspiel.

Kenneth Branagh nutzt wundervolle Kulissen und Kostüme, aber es werden keine Gefülhle transportiert. Der Text steht für sich. Die Kameraeinstellungen sind langweilig.

Man kann Shakespeare nicht abfilmen. Filme arbeiten über Bilder über schnelle Schnitte, über Musik. Die Verfilmung mit David Tennant funktioniert, weil die Mittel der Bühne genommen werden, Laufwege, Verzweiflung, Pausen im Text, und sie durch die Kameraführung und die Schnitte  unterstützt werden. Es gibt kaum Musik, kaum atemberaubende Bilder.

Luhrmanns Verfilmung funktioniert, weil die Fimsprache auf Biegen und Brechen und gegen jeden Widerstand dem Text übergestülpt wird. Der gehobene, edle Text wird aus dem Kontext entrissen und hinein gepresst in eine Welt der schnellen Schnitte, der Musik, der Großstadt. Wie bei guten Buchverfilmung wird das Ursprungsmedium verlassen und das neue Medium genutzt, mit allem was es hergibt.

Das macht die Verfilmungen von Kenneth Branagh langweilig. Und die anderen, weniger namhaften, übrigens auch. Sie versuchen die Erhabenheit der Bühne zu erhalten, ohne die Möglichkeiten der Bühne zu nutzen, keine Laufwege, keine Pausen, keine ausgeprägte Mimik. Sie versuchen einen Film zu machen, ohne die Möglichkeiten auszuschöpfen. Übrig bleibt ein Zwidderwesen, das zwischen den Stühlen, völlig charmelos bleibt.

„Seelenstreichler“ und eine provokante These

„Seelenstreichler“ nenne ich Filme oder Bücher, die weniger durch die Geschichte funktioniert, als über das, was sie mit dem Zuschauer macht. Auf die Gefahr hin viele böse Kommentare zu bekommen, möchte ich an dieser Stelle auf „Herr der Ringe“ zurückgreifen. Die Handlung ist banal. Es gibt einen „Bösen“ und es gibt die „Guten“, die versuchen in vielen epischen Schlachten das Böse zu vernichten. Ende der Handlung. Zumindest die Filme funktionieren durch die epischen Momente und als Zuschauer genießt man die Filme, weil sie „seelenstreicheln.“ Ein Zustand, indem man mit Helden mitfiebert, die letzendlich unbesiegbar sind. Man wird auf eine Reise mitgenommen, in der man nichts verlieren kann, weil die Verhältnisse klar sind.

Anderes funktioniert so auch: Karl May arbeitet nur über „Seelenstreicheln“, „Twilight“, „James Bond“ und die meisten „Superhelden“-Geschichten wie „Spiderman“ und „Batman“ auch. (Besonders in Reihen muss man einschränken. Ich habe keinen Überblick über alle James-Bond-Filme und bei Batman hat zumindest „The dark knight“ wenig „seelenstreichlerisches“ an sich.)

Es wird gekämpft und gelitten und gestorben, aber nur ästhetisch, nur in Slow Motion. Man selbst bleibt unberührt, weil es episch und schön ist.  Das Sterben in solchen Filmen und Büchern hat nichts mit dem echten Sterben zu tun. Genauso wenig das Leiden. Die Figuren werden nie klein, nie gedemütigt. Sie sind in ihrem Schwachzustand des Leidens und Sterbens größer und schöner als zuvor.

Meine These lautet: Diese Geschichten arbeiten mit Extremen. Sehr mächtige Figuren geraten in große Machtlosigkeit aus der sie meistens wieder entfliehen und wieder sehr mächtig sind. (Wenn man die guten Geschichten durchgeht, wird man immer einen Moment der Schwäche finden. – Bibel inklusive ;)). Dabei ist wichtig, dass sie selbst im Moment der Schwäche Stärke zeigen, sie knicken nicht ein, sie verraten nicht. Die Situationen selbst sind auch Extremsituationen. Es geht nicht um den Bau einer neuen Autobahn, es geht um die Vernichtung der Welt. Der Schwächemoment ist nicht ein gezogener Zahn sondern direkt Folter oder Mordandrohung.

Neben dem Epischen gibt es auch die „Lovestorys“. In den meisten Fällen wird da niemand gefoltert. Aber auch hier geht es um Extremzustände. Es geht um das absolute Glück oder Unglück. Es geht um sehr arm und sehr reich, sehr angesehen und völlig unbedeutend.

Abschließend würde die These lauten: Extreme und die Gestaltung von Gewalt sind ausschlaggebend, ob man es mit einem „Seelenstreichler“ zu tun hat, oder mit einem Film, der einem die eigene Sterblichkeit vor Augen führt.

Das würde implizieren, dass es „Sterblichkeitsfilme“ gibt und „Seelenstreichler.“  Ich würde das fast so stehen lassen, mit der Einschränkung, dass es auch „Kunst“ gibt. „Hamlet“ beispielsweise funktioniert über die Sprache und nicht über „Seelenstreichlereien“, konfrontiert einen aber auch nict mit Sterblichkeit.

Es gibt ohne Frage Mischformen. Manche Seifenopern neigen dazu, wenn die „Seelenstreichlereien“ nicht mehr für Unterhaltung sorgen, weil jeder mal mit jedem geschlafen hat,  zur „Sterblichkeitsserie“ zu mutieren. (Lieblingsbeispiel: Grey’s Anatomy. Wenn ich Trauerbewältigung betreiben möchte, schaue ich mir doch keine Seifenoper an. Wenn ich mir etwas ansehe, in dem es um Liebe gehen sollte, möchte ich Seelenstreicheleinheiten…) Bei Manchen führt das zu Irritationen, bei anderem funktioniert es: Game of thrones zum Beispiel. Aber die ursprüngliche Herkunft ist immer zu erkennen.

Ich werde diese These hier mal provokativ stehen lassen…