Ein schöner Abend – aber nicht im Kino…

Alle sind vornehm angezogen. Sie tragen Stoffhosen statt Jeans , Blusen statt T-Shirt . Haben ihre Haare frisiert, tragen Perlen in den Ohren und um den Hals. Wenn die Herren Fliegen tragen, dann auf Hochzeiten und hier. Man unterhält sich gedämpft und ich stelle mir vor, dass die Gespräche sich nicht um den missratenen Spross der Nachbarn drehen, nicht um die kranke Mutter, nicht um den Chef und den untreuen Ehemann, sondern um Musik, Bücher, Stücke, die man erst kürzlich gesehen hat oder sehen möchte. Man gibt sich gebildet und interessiert. Vielleicht ist man es auch. Gefühlt bin ich umgeben von älteren Ehepaaren, die nun Zeit und Muse haben, ins Theater zu gehen. Es riecht nach Parfum statt nach Deo. Keiner sagt: „Cool“ oder zückt sein Smartphone. (Ich packe meines auch direkt verschämt weg.) Stattdessen liest man das papierne Programmheft, spricht langsam und deutlich. Es gibt keinen Grund sich zu beeilen. Man ist an einem Ort zwischen den Zeiten, einem Unort. Hier hat man Zeit.  Man ist heraus gerissen aus der Betriebsamkeit des Straßenverkehrs, des Telefons, der schnellen Bilder.

Im Theater wirken alle freundlich. Diese Freundlichkeit ist nicht die Abwesenheit von Unfreundlichkeit, wie es sie im Kino gibt oder in Restaurants. Der Kartenverkäufer wünscht einen schönen Abend und lächelt, als hätte er das heute noch niemandem sonst gewünscht. Auch die freundliche Frau, die gut angezogen Programmhefte verkauft und aufpasst, dass ich mit der richtigen Karte durch die richtige Tür gehe, um zu meinen Plätzen zu gelangen, lächelt und wünscht mir einen schönen Abend, als habe sie diesen Glückwunsch für mich erfunden. Ich lasse mich in den weichen Sesseln nieder, die an langsamere Zeiten erinnern. An die ersten Kinos, die ersten Lokomotiven. Ich sitze auf meinen billigen aber guten Plätzen, beobachte die anderen, die ihr Plätze suchen, sich begrüßen, rieche vielleicht sogar Chanel N°5 und Kölnisch Wasser. Die Decke ist bemalt, der Vorhang auf der Bühne schwer, alles ist vornehm und voller vornehmer Menschen, die sich tuschelnd unterhalten. Ich grinse, weil die Atmosphäre so schön ist.

Dann öffnet sich der Vorhang. Mir, als Kind des 21. Jahrhunderts erscheint es fast widersinnig, dass die Menschen wirklich da sind, dass es jetzt, real passiert und dass ich es nur jetzt sehen kann, keine Möglichkeit habe, mir die DVD zu kaufen, um es in Konserve zu haben.  Ein einmaliger Moment, den die Schauspieler und ich jetzt gemeinsam haben. Es ist ganz ruhig. Keine Schnitte, keine hektischen Bewegungen, aber auch keine Langeweile.

Dann die Pause. Man trinkt teuren Sekt, um den Moment zu feiern. Man unterhält sich über Kunst. Bildet ein Bildungsbürgertum ab, dass es so längst nicht mehr gibt. Aber für diesen Abend kann man so tun als ob und sich in dieser romantischen Vorstellung sonnen, ehe man, noch immer in das Gespräch vertieft, von dem Glöckchen zurück gerufen, in den Vorstellungsraum zurückflaniert, um die zweite Hälfte zu genießen. Man genießt, lacht. Die Schauspieler spielen mit dem Raum, spielen mit ihren Kollegen und dem Publikum. Die älteren Damen neben mir toben verhalten – es sind schließlich Damen – als der Schauspieler sein Gesäß ganz unverblümt , fast anzüglich, kreisen lässt und verschmitzt ins Publikum grinst, weil er weiß, dass er das sehr gut macht: das Lächeln und das Kreisen. Ich bewundere seine Lässigkeit, seinen unverkrampften Umgang mit dem vollen Saal, als sei er ein unerschrockener Löwenbändiger. Ich muss an Kafkas  „Auf der Galerie“ denken. Das Theater ist etwas gemächlicher als Kafkas Zirkus. Aber das Publikum ist hellwach und beobachtet, lacht und klatscht.

„Verlassen Sie das Theater.“, sagt der Schauspieler auf der Bühne und sieht streng in die Reihen. „Sie bekommen das Eintrittsgeld zurückerstattet.“ An seinem Arm ein Hakenkreuz. Das Licht im Theater geht an. Der Mann auf der Bühne schaut finster in den Raum. Als sich keiner erhebt, wiederholt er seine Versprechen, seine Aufforderung. Da geht das Licht wieder aus. Wir haben uns nicht entfernt, sind stattdessen noch näher herangerückt an das Geschehen, weil er uns angesehen hat, als er sprach. Weil wir uns – wenn auch nur im Ansatz – entschieden haben, zu bleiben, sind wir nun Teil der Handlung.  Nähe, die es im Kino nicht geben kann. Dieser Abend gehört den Schauspielern und dem Publikum gleichermaßen, man verbringt ihn zusammen. Keiner lässt sich nur durch ein teures Abziehbild vertreten.

Am Ende wird es ernst und ganz still im Raum. Auch von meinen billigen Plätzen sehe ich den Ernst und die Verzweiflung in den Gesichtern. Verliere mich in ihrer Mimik und ihrem Spiel, ehe der Vorhang fällt. Altertümlich, romantisch, wie er vor 225 Jahren fiel, direkt nach der Fertigstellung des Theaters. 1789. Das Jahr der französischen Revolution. Demokratie war damals  verpönt, der Nationalismus im heutigen Sinne noch nicht erfunden. Ein Moment der Stille, als halte jeder die Luft an, erfasst von diesem erhabenen Moment.

Dann bricht der Applaus los.

 

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Kunst!

Kunst! Ich liebe dich! Ich liebe deine Eleganz, deine Uneindeutigkeit, liebe das Spiel mit dem Feuer, den Wahnsinn, von dem man nicht weiß, ob man ihn schon hat. Ich liebe die krassen Farben, in denen du malst, die dunklen Ecken, die Helligkeit. Ich liebe die Fragen nach Menschlichkeit, nach Macht, ich liebe es, mich in dir zu verlieren. Ich liebe das schnelle Schlagen meines Herzens, mein schnelles Atmen, ich liebe den Tanz mit dir, um mich, um dich, um die Welt und doch ganz klein,  ein  Tanz meiner Finge auf der Tastatur. Ich liebe deine Größe und Unsterblichkeit in dem winzigen Medaillon eines Buches, eines Aphorismus. Ich liebe deine Dekadenz, deine Brutalität, dein Feingefühl. Manchmal wache ich auf und denke, ich werde dir hinterherreisen. Ich werde alles hinter mir lassen, um bei dir zu sein, um deinen heißen Atmen zu spüren, deine Umarmung.

Manchmal vergesse ich die Alpträume, in denen du mich verbrennst, erdrückst, mich mitnimmst, in den Abgrund des Wahnsinns, der Einsamkeit und der nie endenden Trauer.

Manchmal denke ich, dich zu lieben würde reichen, bis ans Ende der Welt. Dich, nur dich in einem kleinen vollgestellten Zimmer, in dem es kein Sterben gibt, keine Sorgen, keine Endgültigkeit. Weil ich einfach zurückblättern kann, Sätze schwärzen. Mit dir in vier Wänden hieße, dass alles Sinn ergibt. Selbst der Tod, selbst der Schmerz. Mit dir hätte ich immer Freunde um mich, bessere und schlechtere Menschen als da draußen. Und über allem läge das Wunderbare. Ich wäre ein gefühlloser Gott, der an Fäden zieht und dem Tanz der Helden zusieht.

In meiner Liebe ist eine Spur Wahnsinn.

Teufelspakt

Ich bin Mensch und Künstler.

Der Mensch ist schwach und ängstlich,

der Künstler wahnsinnig.

Er macht mir Angst.

Ich will lieber sterblicher Mensch,

als unsterblicher Künstler sein.

Das ist eine Entscheidung,

die gefällt werden muss,

und die mir schwerfällt.

Aber man kann nicht gleichermaßen,

Künstler und Mensch sein.

Deshalb gibt es wenige,

die es in der Kunst zu etwas bringen.

Sie haben das Mensch-Sein aufgegeben.

Kunst ist wie der Teufel,

Reichtum und Ruhm,

bekommt man nur,

wenn man mit Blut,

die Seele verkauft hat.

Erwachsenwerden

Haare bunt, Kleider hippiehaft

Schnell, schnell

Bevor ich zu alt dazu werde.

Bevor ich feststelle, dass das nicht mehr geht.

Der Moment wird vielleicht schrecklich.

Vielleicht auch nicht.

Vielleicht eine Routinefeststellung, wie die,

dass man mal wieder zum Zahnarzt muss.

Ein erschrockenes Ziehen in der Magengegend,

ein Anruf, Erleichterung, und weiter im Leben rennen.

Ich habe Angst vor dem Moment.

Noch mehr Angst aber, dass das genau so läuft;

Im Vorbeirennen, weil keine Zeit für Trauer ist.

Hirntumor

Du unbarmherzige, du geliebte Kunst. Du nahmst mich in den Arm, als ich noch ein Kind war. Du lehrtest mich lachen, du lehrtest mich weinen. Du warst mir die beste Freundin. Ich ließ dich in mein Leben und jetzt sitzt du da, ein Krebsgeschwür in meinem Kopf und wächst und wächst, du drückst auf mein Leben, auf meine Persönlichkeit. Du bist da, du willst beachtet werden. Wortlosigkeit wird Schmerz. Wenn ich nicht schreiben kann, schreie ich. Du bist die Unruhe in mir. Die Hummeln in meinem Hintern. Du versprichst mir ein außergewöhnliches leben, du versprichst mir Augen, die anders sehen, eine Haut, die anders fühlt. Du sitzt in meinem Glückszentrum, du machst mich glücklich.

Aber manchmal, manchmal, wie jetzt, erkenne ich, dass  du egozentrisch bist, dass  du Wahnsinn bist. Du bist der Teufel. Du versprichst mir Liebe, versprichst mir Ruhm, versprichst mir alles, was ich möchte. Aber dafür möchtest du nichts Geringeres als mein Leben, meine Seele. Du willst, das ich bettele, dass ich dir alles, alles verspreche, was mir etwas bedeutet, alles und mit Blut unterschreibe. Und ich wünsche mir, wir wären einander nicht begegnet. Ich wünsche mir, du wärst noch immer die schöne Fremde am Arm eines Fremden.

Aber es ist zu spät. Wenn ich dich aus meinem Leben operieren wollte, müsste ich zu viel Gehirn, zu viel Leben, zu viel Persönlichkeit mit herausschneiden. Ich wäre nicht mehr ich. Nur ein Schatten.

Deshalb musst du bleiben. Eines Tages werde ich betteln, eines Tages mit Blut unterschreiben. Eines Tages wahnsinnig werden. Manche werden geheilt. Aber manchmal ist der Krebs zu weit fortgeschritten.

Erinnerungen an den August

Ich liebe das Heute.

Liebe den Duft des Sommers,

liebe mich, dich, die Routine,

bin kaffee-, glückstrunken

tanzend, springend, küssend.

Denke nicht an morgen.

Ich liebe das Heute –

Unplatonisch.

Es leckt meine Haut,

es ist in mir.

Ich spüre das Ziehen,

die brausenden Glückshormone,

ich jauchze.

Die Nachbarn klopfen schon,

mit dem Besenstiel an die Decke.