„Das passt nicht mehr mit dir und mir….“ – Trennungsschmerz

(An diesem Artikel habe ich über ein Jahr geschrieben. Das war, ist nicht mehr. Das was in den Worten sein wird, ist längst vergangen…)

Jetzt, wenn ich das hier schreibe, glaube ich an mein Überleben. Aber ich weiß, dass es Momente geben wird, in denen ich mir weniger sicher bin. Aber ich schreibe jetzt. Ich möchte hier mit Abstand, neben mir stehend, beschreiben, was Liebeskummer ist. Als völlig Unbeteiligter. Als Doktor Freud bitte ich mich auf das Sofa und schreibe wenig mitfühlend mit spitzen Bleistift  Diagnosen auf.

Zunächst einmal würde ich sagen, dass sich der Satz  „Es ist aus“, anfühlt wie: „Krebs. Endstadium. Noch zwei Wochen. Regeln Sie ihre Angelegenheiten.“ Und wenn ich in dieser Krebsdiagnosen-Metapher bleibe, gibt es sicherlich Trennungen, die mit einem Hirntumor vergleichbar sind und welche, die ein kleiner Knoten am Finger sind. Ich würde behaupten, dass ich weit davon entfernt bin, eine Hirntumordiagnose zu haben. Meine Überlebenschancen stehen sehr gut. Die Wahrscheinlichkeit, dass mein restliches Leben zerstört ist, geht gegen null. Eher so eine Operation, die weh tut und eine Narbe hinterlassen wird, die vermutlich hin und wieder noch jucken könnte. Aber das ändert nichts daran, dass ich manchmal rumsitze und denke: „Warum gibt es so einen Sch***?“ Und ich frage das mit einer Miene, als sei es das Todesurteil. Als müsse die Welt und das Universum an diesem Schmerz zerbrechen.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass mich diese Erfahrung völlig entstellt hat. – Manchmal, an weniger guten Tagen. – Ich erwarte, dass jeder die Narbe sieht. Als würde sie mir über das ganze Gesicht verlaufen oder als würden mir Gliedmaßen fehlen. Und wenn keiner mitleidig schaut, bin ich irritiert. ( Wenn Liebeskummer schon dazu führen kann, dass ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber mich nicht sieht oder erkennt, wie muss es Kriegsveteranen gehen? Die mehr als eine Liebeskummer-Narbe haben?)

Mein Verstand hat längst erkannt, dass ich überleben werde. Er versucht dem Herz gut zuzusprechen, das sich wie eine Diva aufführt und das nahe Ende theatralisch prophezeit oder nichts lieber möchte als ins Bett zu gehen und dort das Sterben zu proben. Aber das Herz ist völlig unbeeindruckt von dem, was der Verstand sagt. Es probt einen Aufstand und tut weh. ( Das Phänomen erinnert an das Verlieben. Nur dass da der Verstand sagt, dass das Herz aufhören soll, so dämlich das Leben zu feiern und ständig zu lachen. Und stattdessen ins Bett  gehen schlafen. Aber das Herz macht Party…)

Wollte ich verliebt unbedingt Liebesgeschichten hören, interessiere ich mich jetzt für Trennungsgeschichten. Bekomme ich verliebt das Lächeln partout nicht aus meinem Gesicht, kann in der Trennungstraurigkeit nichts meine Lippen davon überzeugen, gen Himmel zu streben.

Alles tut weh, so körperlich, dass ich denke, ich müsste den Schmerz warmhalten oder kühlen können.

Die Trennung führt im Anfangsstadium zu einem Verlust von Identität. Und meine Haare umgingen nur durch die Verkettung einiger Umstände einem radikalen Schnitt. Weil ich mit dem Satz „Es ist aus“, nicht mehr wusste, wer ich bin und was ich kann. Und das Bedürfnis hatte, einfach jemand anderes zu sein. Weglaufen und Neu- Erfinden in einem. Es ist, als hätte ich mein Zuhause verloren und sei plötzlich obdachlos. Und selbst jetzt, als ziemlich klar ist, dass es gut ist, wie es ist, habe ich manchmal das Gefühl, ich sei nicht vollständig. Ich sei nicht ich. Etwas fehle, das ich nicht benennen kann.

Und dann gibt es natürlich noch diese Fragen von: „Warum konnte es kein Happy-End geben? Ab wann war klar, dass es enden wird? Hat er\sie mich geliebt?“ Die ganzen Klischee-Fragen halt.Und wie geht es jetzt weiter? Freunde sein oder Feinde? Kann ich jemanden, den ich gestern noch mehr geliebt habe als alles andere, heute hassen? Kann etwas, das so lebensbestimmend gewesen ist über Nacht völlig gleichgültig und ohne Relevanz für mein Leben sein? Aber wenn nicht, wie soll man nach so etwas, noch befreundet sein? Geht das überhaupt?  Und wann geht die Liebe endgültig weg?

Welchen Sinn hat der ganze Mist? Gibt es irgendetwas Positives daran? An schlechten Tagen gibt es das nicht.

Aber zum Glück bin ich nicht die Erste, die hoffte, etwas Langlebiges zu haben um es dann zu verlieren und das holt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.  Es fühlt sich an, als sei es das Ende der Welt. Aber an guten Tagen frage ich mich, wie ich das je denken konnte. Es war und dann war es vorbei. Wie vieles andere im Leben.

——

Lange war die Liebe noch da. Aber inzwischen ist sie weg. Lange konnte ich nicht loslassen und machte mir vor, dass es nichts mit Schwäche zu tun hat, sondern mit Stärke.  Jetzt fühle ich mich bereit, loszulassen. Ich empfinde die Entfremdung als heilsam. Manchmal vermisse ich etwas, das ich nicht benennen kann. Inzwischen glaube ich, das es die Nicht-Anwesenheit der Narbe ist. Meine Einstellung zur Liebe ist eine andere. Ich habe etwas von der Naivität eingebüßt, mit der ich sowieso nicht so gut ausgestattet war.

—–

Begonnen habe ich den Beitrag wenige Monate nach der Trennung. Jetzt ist es fast ein Jahr her. Jetzt kommt es mir so seltsam vor, dass es dieses fremde Leben mal gab, dass mein Herz wirklich mal mit diesem anderen Herz geschlagen hat. Ich erinnere mich noch an den Schmerz. Aber es verblaßt und wie die meisten Verluste, wird dieser Verlust zu einer schmerzvollen Erinnerung, die an Bedeutung verliert. Wenn ich drauf drücke tut es weh. Manche Gedanken und Orte reizen die Narbe. Aber sie hat aufgehört zu bluten.

Ich stehe dem Ich gegenüber, dessen Herz nicht aufhören wollte zu bluten und frage: Wer bist du? Diese Trauernde ist mir fremd geworden.

—–

Wer sind wir? wer werden wir sein können? Sind noch immer Fragen. Aber sie brennen nicht mehr. Die Narbe ist klein, fast verheilt. Ich atme ein und aus ohne daran zu denken. Ich lache, ohne daran zu denken. Meine Lunge ist wieder ganz. Meine Gliedmaßen heil. Mein Gesicht ist mein Gesicht. Mein Leben ist mein Leben. Meine Haare wachsen und wachsen. Es gab diesen Moment, an dem ich noch dachte: „Kein Kontakt mehr. Schnitt. Ende.“Aber vor zwei Wochen überraschte mich der Gedanke: „Da war ein guter Mensch. Sein Herz schlug nahe an meinem. Ich kann dankbar dafür sein, ihn so gut kennen gelernt zu haben.“

Dankbarkeit, statt Wut oder Schmerz.

Als ich diesen Artikel begann, glaubte ich nicht daran. Aber alles heilt. Auch Liebeskummer.

 

 

Gedanken, die ich grade noch los werden muss

Ich habe „How I met your mother“ hoch und runter geschaut. Ich kann es mitsprechen. Ich lache 5 Minuten, bevor irgendetwas witzig ist, manchmal auch bevor die Folge überhaupt losgegangen ist.

Als Kommentat zu Toleranz durch Fernsehen und Bücher, möchte ich dennoch etwas anmerken.

1. Es ist verrückt, dass Ted und Barney und Robin befreundet sind, obwohl Ted und Barnex beides Ex-Freunde von Robin sind. Aber das ist für die Geschichte wichtig und gut. Ist mir nur aufgefallen.

2. Sie trinken ständig. Kein Wunder, da ein großer Teil der Handlung in einer Bar stattfindet. Das fiel mir vorher garnicht auf, bis ich diesen artikel gelesen habe:

http://ze.tt/alltagsalkoholismus-uns-faellt-gar-nicht-mehr-auf-wie-viel-wir-trinken/

Suggeriert das ständige in der Bar sitzen und trinken, ganz beiläufig nicht, dass das ganz normal ist?

3. Barneys Reden über Frauen ist wirklich scheußlich. Aber Barney ist ein Sympathieträger, sagt das nicht, dass es okay ist, so mit Frauen umzugehen wie er es tut?

https://www.youtube.com/watch?v=3htVoHJm7OM

(Wobei es diesen Typ Mann, der auf Sex mit ganz vielen scheinbar dummen und unmündigen Frauen aus ist, in vielen amerikanischen Serienvertreten ist.- bsp. Howard in BigBangTheory, Schmidt in New Girl, Todd in Scrubs –  Da ist doch etwas nicht in Ordnung, oder? Back to the 50er?)

4. Auch das schwule Paar, das in der dritten Staffel auftaucht, wird mit einem wenig schmeichelhaften Wort versehen und bedient alle Klischees.

Jetzt komme ich mir ein wenig vor, wie ein Nörgler.

„Must-Have“ – echt jetzt???

Lieber Blog! Solange nichts mehr geschrieben, öffne ich dich, der sich vielleicht bereits für tot hielt, erneut. Reaktiviere das, was mal war. Neues Jahr. Neues Leben. Atme ich ein und aus, ein und aus. Und im Neu-Sein entdecke ich das Alte wieder. Von daher sehr passend, mich über Konsum und Werbung aufzuregen, was mal großes Thema in meinem Kopf war und dann verloren ging in der Kunst, im Umzug in dem neuen Studium.

Fahre ich Bus, komme ich an Geschäften vorbei, wirbt eines, dass es die „Must-Have“’s einer Frau hat. „Aha“, denke ich.Wenn ich ein Mensch wäre, der Geld hat, und nicht so pragmatisch in seiner Kleiderwahl ist, wäre, wie ich es bin, würde ich mir dann diese Kleider kaufen?  Dieses „Must-Have“?

Was soll dieser Anglizismus an dieser Stelle, denke ich, noch geht mein Puls sehr ruhig. Ich dümple in meinen Gedankenwelten. „Must-Have“ ein „Haben-Muss“. Wie interessant. Dass es Kleider gibt, die man haben muss. Mir fällt die Lederjacke ein, die ich im Herbst, als es eigentlich schon wieder zu spät war für solche Jacken, haben „musste“. Ich habe eine halbe Woche von nichts anderem gesprochen, als dass ich diese Jacke möchte und als ich sie endlich hatte, nochmal eine halbe Woche nur diese Jacke als Gesprächsthema gehabt. (Dann wurde es kalt, jetzt hängt sie im Schrank und wartet auf den Frühling…) Dann gibt es den Rucksack, den ich auch haben „musste“.

Was heißt eigentlich haben „müssen.“ Heißt „Müssen“ nicht, dass es nicht tun das Leben unangenehm beeinflusst? Zum Beispiel muss ich etwas für das Studium tun,wenn ich das nicht tue, könnte das unangenehme Folgen haben. Musste ich den Rucksack haben? Zumindest habe ich das geglaubt. Aber woher weiß man noch was man haben muss? Ist die Welt nicht voll davon, dass einem gesagt wird, welche „Must-Have“s es gibt? In einer Stadt in der ich kürzlich war, haben sie ein riesiges Einkaufszentrum gekauft, das die Stadt sicherlich nicht braucht, weil die Stadt bereits eines hat. In diesem neuen Zentrum gibt es hauptsächlich Dinge, die man ganz selten braucht. Was die Stadt gebraucht hätte, wäre ein Schwimmbad gewesen oder ein Park.

Geht man durch so Einkaufszonen gibt es eine Menge Zeug, dass man, laut der Werbung, haben muss: ein neues Handy, ein teures Duschgel, die neue Sommermode, eine neue Frisur, beste Schokolade. Alleine wenn es heißt: „Bei diesem Handyvertrag gibt es das neue Smartphone Dingsbums dazu“, signalisiert es mir doch, dass es egal ist, ob mein Handy es noch tut, ein neues Handy ist immer besser.

Ich mag es, dass es Geschäfte gibt. Dass ich nicht den Liter Milch bei Heinz Müller und die Zahnpasta bei Peter Hinz kaufen muss. Sondern an einer Stelle alles bekomme. In der Hinsicht habe ich auch nichts gegen Einkaufszentren, weil ich Einkaufen so hasse, dass ich es gut finde, dass es sich schnell erledigen lässt. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass die Geschäfte nicht mehr für mich existieren, sondern ich für die Geschäfte. Dass ich der Illusion so viel haben zu müssen überwältigt werde, denn was sind die einzigen beides „Must Have“ des Lebens? Wasser und Brot. (Hin und wieder vielleicht eine Orange, um nicht krank zu werden. :P)

Manches andere ist wundervoll zu haben. Mein Rucksack über den ich mich jedes Mal freue, wenn ich ihn sehe. Aber er ist kein „Must-Have“. Er ist purer Luxus, den ich mir glücklicherweise leisten kann.

Montag ist der große Tag!

Heute ist Samstag. Noch zweimal schlafen, dann beginnt mein Waldorflehrer-Studium. Zum Glück war ich überzeugt, als ich mich dort eingeschrieben habe. Momentan finde ich den Gedanken  mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln einer fremden Stadt herumzuschlagen, um fremde Menschen kennen zu lernen und ein neues Studium zu beginnen wenig einladend. Aber Neues hat ja fast immer etwas Abschreckendes an sich. Also kommenden Montag – oder übermorgen, wie Papa  passend ausdrückte – ist der erste Tag. Eine Einführungsfeier, die die Begrüßungswochen einläutet. Auf dem Plan steht neben den Reden und Informationen, die einem zuteil werden auch „Gemeinsames Singen.“ Wenn ich den Plan der Wochen richtig interpretiere bestehen die ersten Wochen aus Malen, Musik, Sprachgestaltung (was immer das sein mag, vielleicht Theater?) und Eurythmie (= eine Art Ausdruckstanz, der dafür verantwortlich ist, dass man jeden Waldorfschüler fragt, ob er mal seinen Namen tanzt.)

Ich bin ein kreativer Mensch, der jahrelang Flötenunterricht hatte. Ich habe immer gerne gemalt und wenn keiner guckt, tanze ich auch. Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder Zugang zu ihren künstlerischen Fähigkeiten bekommen und das gewürdigt wird.

Aber als ich auf dem Plan gelesen habe, dass ich auch in den Genuß kommen soll, zu musizieren und zu malen, war ich eher unmotiviert. Und ich frage mich: Warum? Wenn ich doch möchte, dass Kinder das machen. Betone, wie wichtig das ist. Warum? Wenn ich es immer gemacht habe, es meiner Persöblichkeit also nicht zuwider läuft. Warum? Wenn das die Gründe sind, wieso ich mich für ein zweites Studium entschieden habe? Warum denke ich bei „Gemeinsames Singen“, dass das nach Kindergarten klingt oder Gottesdienst, wenn ich mich bei den staatlichen Schulen darüber beklage, dass es nur um Leistung geht? Warum denke ich, wenn ich den Plan lese: „Und wann beginnt das richtige Lernen?“

Zwei Dinge mache ich dafür verantwortlich.

Erstens, dass ich Tanzen, Musik und Malen mit Noten in Verbindung bringe. Ich mache es gerne aber nichts davon außergewöhnlich gut. Im Gegenteil bei Musik und Tanzen habe ich ein hervorragendes Untalent unter Beweis gestellt. Ich hatte genug Kunstlehrer, die mir beigebracht haben, dass ich mit wenig Talent gesegnet bin, sodass ich grundsätzlich betone, nicht malen zu können. Wenn ich es dann doch tue, sind die meisten überrascht, dass es nicht so schlecht ist, wie nach meinem Getue anzunehmen gewesen wäre.

Zweitens bin ich so geprägt auf: Leistung! Noten! Wissenschaft! dass es mir sehr komisch erscheint, wenn erwartet wird, dass ich mich selbst ausdrücke, wenn es um das Miteinander geht und nicht darum wer der Beste ist. Tanzen, Singen und Malen sind Dinge, die ich unbewusst mit dem Kindergarten verbinde, in dem es vor zwanzig Jahren noch nicht darum ging, ob man gut genug ist. (Heute ist das anders, heute wird regelmäßig abgeglichen, ob das Kind schon die Farben kann, schon zählen kann, ob es wie die Altersgenossen lange genug sitzen bleibt, alles wird protokolliert und analysiert.)

Meine Skepsis gegenüber Tanzen, Singen und Malen als erwachsener Student in aller Öffentlichkeit liegt nicht in meiner Persönlichkeit, sondern in dem, was ich gelernt habe, wie die Welt funktioniert. Seit ich in die Schule gekommen bin – was jetzt auch schon zwanzig Jahre her ist –  wurde mir beigebracht, dass ich das bin, was ich kann. Selbstentfaltung kann man zuhause machen, wenn man möchte. Aber wichtig ist, was man weiß, welche Noten man hat.

Das werde ich umlernen müssen. Nicht nur für mich. Auch für die Kinder. Wichtig ist, wer der Mensch ist. Wichtig ist, dass er sich mag und mit den anderen Menschen klar kommt. Das soll die Schule beibringen. Dazu gehört Tanzen, Singen und Malen. Von daher: Willkommen erste Woche! Willkommen neuer Lebensabschnitt! Willkommen neue Impulse!

Mal sehen, was für einen Menschen es aus mir macht.

Ich bin momentan noch ein wenig wie verliebt. Überzeugt, dass das meine Berufung sein könnte. Vielleicht tatsächlich ein Ort an den ich passe. Gefolgt von großen Zweifeln und Skepsis.

(Wenn ich sage, dass ich Waldorfpädagogik studieren werde, sage ich das immer mit einem Lächeln, um dem Gegenüber die Möglichkeit zu nehmen, auf meine ernste und stolze Ansage herablassend zu lächeln. Viel öfter als ich angenommen habe, ist das garnicht nötig. Der Großtteil der Leute erwidert: „wie Interessant.“ „Das ist toll.“ Natürlich gibt es auch Erwiderungen wie „Was sagen deine armen Eltern dazu?“ oder „Dafür must du wirklich studieren?“ oder mein Favorit unter den Vorurteilen: „Waldorflehrer? Das ist leichter als normale Schulen.“  Als würde ich Waldorfpädagogik studieren, weil ich es an einer normalen Schule nicht geschafft habe. Für diese Leute ist das Lächeln. Und für mich – was ich mir kaum eingestehen möchte. In den Tiefen meiner Persönlichkeit gibt es Ecken, die noch viel skeptischere Fragen stellen, nach dem Motto: „Wirklich?! Du möchtest an diesen Hippie-Schule, an der sie keine Noten geben, arbeiten!?“)

Wenn die Verliebtheit schwindet und ich das verlegene Lächeln verliere, werden neben diesen Zweifeln auch die Begeisterungsstürme nachlassen. Ich bin gespannt. Darauf was mich ärgern wird. Auf das Gefühl, wenn ich mich vorstelle mit „Ich bin Waldorflehrerin“. Gespannt, was es mit mir macht.

Für den Moment habe ich die Wochenpläne gedruckt, die Zugverbindung herausgesucht und gezählt wie oft ich noch schlafen muss. Noch Zweimal!

 

 

Toleranz durch Fernsehen und Bücher

Das Leben ist im Umbruch. Meine Wohnung hat sich eine Landschaft aus Umzugskisten verwandelt. Im Dunklen erkenne es die Silhouette von New York in klein, Wolkenkratzer aus Kisten und Teekannen erheben sich aus tiefen Schluchten, in denen keinen Kisten stehen stehen, damit ich noch durch das Zimmer komme. Es fehlt nur noch eine Miniausgabe eines King Kongs, der sich von Kistenhochhaus zu Kistenhochhaus hangelt, das Radio erklimmt, das mich seit fast zwanzig Jahren begleitet und auf dem höchsten Punkt dieser abenteuerlichen Landschaft zu brüllen beginnt, über Bildern, Kisten, Ventilatoren, die nur darauf warten, verladen zu werden.

Es gab viel zu tun in den letzen Monaten, viele neue Eindrücke, aber keine Zeit und keinen Nerv es aufzuschreiben. Von daher wird dies hier vermutlich ein Beitrag mit vielen Gedanken und keinem roten Faden. Mal sehen, ich werde mich bemühen einen Erzählstrang zu finden, der Gedanken an Gedanke logisch aneinander reiht.

Als Einleitung nutze ich den Tod von Pierre Brice. Das erscheint mir ein guter Einstieg.

WINNETOU III (BRD, Jug., 65) Pierre Brice, Lex Barker / Karl May / Western (Winnetou 3)
WINNETOU III (BRD, Jug., 65) Pierre Brice, Lex Barker / Karl May / Western (Winnetou 3)

Also:

Pierre Brice ist tot. Das ist der Schauspieler, der Winnetou in den 60ern gespielt hat und ich befinde mich nun in Trauer. Das heißt, nicht richtig. Ich bin aus dem Groupie – Alter rausgewachsen. Aber ich sage augenzwinkert, dass ich in Trauer bin. Winnetou war in meiner Jugend mein Mentor, mein Idol. Inzwischen bin ich alt genug um Schauspieler und Rolle zu trennen. Der Verstand kann das ganz klar trennen. Aber dennoch hat mein Winnetou das Gesicht von Pierre Brice. (Auch wenn das nicht das Gesicht ist, das Karl May beschrieben hat. ) Und es war Pierre Brice, den ich angehimmelt habe, wie es nur Jugendliche können.

Der Tod brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was Idole für Jugendliche sind. Wie es sich anfühlt, jugendlich zu sein. Aus dem Abstand von fast zehn Jahren. Mein jugendliches Ich würde dem jetzt natürlich widersprechen. Das ist so die Art von Jugendlichen. Aber ich vermute, dass es tatsächlich  Winnetou war, der mir, als ich hilflos zwischen den Wogen des Erwachsenwerdens hin und hergeworfen wurde, half mich zu orientieren. Karl May macht es einem sehr einfach. Er ist der „Lehrer seiner Leser“. Aber wenn man jung genug ist, merkt man nicht, was für eine naive, kindliche Weltsicht er predigt. Ich erinnere mich, dass ich mich gefreut habe, dass mir jemand die Welt erklärt. Als Jugendlicher möchte man nur wissen, wie die Welt funktioniert und man sucht sich Idole und Vorbilder.

Man sollte im Unterricht viel mehr auf die Idole der Jugendlichen eingehen und darüber sprechen, wer beeindruckt und wieso. Wir haben das so gut wie garnicht gemacht. Aber ich weiß, wie ich mich zu orientieren versuchte, wer ich sein möchte und was ich tun möchte. Ich orientierte mich an an dem, was mich umgab: fiktive Figuren aus Film und Buch. Aber das ist ja nichts Schlechtes. Vorbilder sind immer idealisiert und keine Figur ist so idealisiert wie eine fiktive Figur.

Ich denke, dass Jugendliche viel von Erzählungen geprägt werden. Denn auch das Leben eines Schauspielers ist eine Erzählung. Keiner kennt alle Facetten des Lebens von Julia Roberts. Nur Julia Roberts. Aber auch das Leben meiner Mutter ist für mich nur eine Erzählung, weil ich nicht alles kenne. Sie wird in meinem Kopf zu einem Menschen mit weniger Facetten als sie hat, weil ich sie nicht rund um die Uhr kenne.

Also Jugendliche werden von Erzählungen geprägt.

Aber Erwachsene auch. Weniger als doe Heranwachsenden, weil wir in uns gefestigter sind und wissen, was wir gut und was wir schlecht finden. Aber wir finden nur das gut, das wir kennen.

Neuer Gedanke, neuer Absatz.url

Ich schaue „Grey’s Anatomy“ und bei allem, was sich an dieser Serie kritisieren lässt, fällt mir positiv auf, dass es viele Frauen gibt, die Chirugen sind.  Mein erster Eindruck war: wie unrealistisch, dass es in diesem Krankenhaus so viele Frauen in wichtigen Positionen gibt. Aber dann kam mir, darum geht es. Es muss nicht realistisch sein. Aber wünschenswert.

Ich bin überzeugt, dass Frauen alle Berufe wie Männer machen können.  Aber es gibt unterbewusste Lernprozesse. Wenn mich immer Männer behandeln, ich im Krankenhaus nur männlichen Chirugen begegne, es Männer sind, die weiterempfohlen werden, dann werde ich skeptisch, wenn sich eine Frau hinstellt und sagt: „Ich operiere Sie jetzt.“

In „Grey’s Anatomy“ werden diese Vorurteile abgebaut. Ich weiß: das ist fiktiv. Ich weiß, so sieht die Realität nicht aus. Aber ich sehe Frauen, die operieren und Leben retten und plötzlich kommt mir es ganz natürlich vor, dass Frauen operieren. Filme (und natürlich auch Bücher) können Vorurteile abbauen. Denn auch wenn Erziehung nicht mehr das oberste Ziel ist und auch wenn es viel subtiler ist als in der Aufklärung, so freunden wir und doch mit den Figuren an, machen Sie manchmal unbemerkt zu unserer Familie. Wenn wir genug Zeit mit ihnen zubringen können Sie für uns realer werden, als unsere Nachbarn.

In „Grey’s Anatomy“ werden so Vorurteile gegen weibliche Chirugen abgebaut, aber auch gegen Homosexuelle und Transsexuelle, die überdurchschnittlich auftauchen und immer positiv dargestellt werden.

Natürlich ist die Macherin von „Grey’s Anatomy“ nicht die erste, die sichdurch eine Serie für Toleranz und so einsetzt. Gene Roddenberry hat das mit seinem „Star Trek“-Universum vielseitig vorgemacht. Aber als eingeschworener Star-Trek-Fan habe ich es bei Star Trek erwartet. Dass Serien grundsätzlich auch mit flachen Geschichten positiv prägen, war dagegen eine neue Erkenntnis.url2

Aber das machte mir die Serie „Orphan Black“, die ich auf jeden Fal empfehlen würde, schon wegen der grandiosen Hauptdarstellerin, noch symphatischer. Die Hauptfigur hat einen schwulen Bruder, der durch und durch eine positive Figur ist. Schwule hat man im Fernsehen gesehen. Aber jemand der so feminin schwul ist, wie Felix ohne zu einer Witzfigur zu verkommen, ich kann mich nicht erinnern so etwas gesehen zu haben. Ich finde das gut!

Ich finde Serien und Filme sollten darauf ausgelegt sei, Vorurteile abzubauen. Dass es dann Filmclips gibt wie diesen hier:

finde ich schrecklich!

(Ich werde nicht mehr dazu schreiben. Sonst rege ich mich furchtbar auf und benutze böse Wörter 😉 )

Da ich grade dabei bin, würde ich hier Werbung für diese Unterschriftenaktion machen:

 

https://www.campact.de/gleichstellung/appell/teihttps://www.campact.de/gleichstellung/appell/teilnehmen/?utm_term=inside-flow&utm_medium=recommendation&utm_campaign=%2Fgleichstellung%2Fappell&utm_source=rec-fb&utm_content=random-alnehmen/?utm_term=inside-flow&utm_medium=recommendation&utm_campaign=%2Fgleichstellung%2Fappell&utm_source=rec-fb&utm_content=random-a

 

So etwas mache ich eigentlich garnicht. Aber in diesem Fall bin ich mehr oder weniger persönlich betroffen und habe jemandem versprochen, dass ich ganz viel Werbung mache. 😉

Das war es jetzt für heute. Ich peppe das alles jetzt noch mit Bildern  auf, damit es nicht nur ein furchtbar langer Beitrag ist. 🙂

Vielen Dank, falls du bis hierhin gelesen hast und bis bald!

Ewige Jugend

Die Kindheit ist eine  verhältnismäßig neuere Erfindung. Sehr lange waren Kinder nur kleine Erwachsene. Dann aber entdeckte man, dass Kinder anders denken, fühlen. Man sprach von Schutzraum und Entwicklung.

Aber jetzt gibt es solche Sachen wie „Toddlers & Tiaras“, in dem Kinder aussehen sollen wie kleine Erwachsene.

Das alleine finde ich ein bisschen schräg. Aber wenn man sich überlegt, dass das momentane  Schönheitsidealen bei Erwachsenen eine Ganzkörper-Rasur beinhaltet, womit der Körper  fast wieder kindlich wirkt, lässt sich nicht lediglich vom wiederholten Verlust der Kindheit sprechen.Wir wollen möglichst spät Verantwortung übernehmen, möglichst lange in einem kindlichen „Zuerst komme ich“-Ideal uns selbst verwirklichen. Niemand strebt an, erwachsen zu sein und die eigenen Bedürfnisse hinter anderer zurück zu stellen. Kinder möchte man erst nachdem die Karriere angelaufen ist, man sich selbst sehr lange gedient hat.

Wird damit momentan nicht nur die Kindheit wieder abgeschafft,  sondern auch das Erwachsensein. Streben wir nach einer Art Ewige Jugend?

Was soll dieses ewige Genöhle und Germeckere?

YouTube ist das pure Schlaraffenland, falls man sich über die Ignoranz und Arroganz anderer Menschen ärgern möchte. Unter wirklich guten, hochgeladenen Fernseh-Beiträgen, in denen über Magersucht, behinderte Kinder, Zwangsstörungen berichtet wird, nicht im Stile gewisser öffentlicher Sender, die Vorurteile bestätigen, sondern in einer wertfreien, bereichernden Art, finden sich garantiert haufenweise Kommentare, die Zeugnis ärmster Arroganz sind.

Magersüchtige beispielsweise sind nicht dumm, sondern krank. Keiner sucht sich seine Krankheit aus, das Einzige was einem bleibt, ist trotzdem weitermachen, sich irgendwie arrangieren. Wenn man gesund ist, körperlich und geistig, wenn man in einer intakten Familie lebt, vielleicht sogar eine Beziehung hat, nicht am Armutslimit lebt, Bildung genossen hat, dann sollte man dankbar sein und eine stille Bewunderung für jene hegen, die das Glück nicht haben und dennoch weitermachen.

Aber die Meisten sehen das wohl anders. Ein Beitrag über Magersüchtige – beispielsweise – ermutigt sie dazu, sich über die „Dummheit“ der Kranken auszulassen, darüber, dass die knochige Gestalt nicht schön ist, darüber, dass die Familie leidet. Sie echauffieren sich, als sei der gezeigte Mensch bösartig, selbst an der Krankheit schuld.

„Liebe Schreiber“, denke ich, und dann denke ich eine ganze Menge nicht sehr netter Dinge.

Das Internet mit all den Medien, die dadurch verfügbar werden, sollte uns toleranter machen. Es sollte uns die Möglichkeit geben, in andere Leben zu sehen, um unser Eigenes zu reflektieren. Aber offensichtlich ist das eine Utopie. Es wird vielmehr genutzt, um die eigene Intoleranz jedem auf die Nase zu binden.

Anlass für diesen emotionalen Ausbruch meinerseits ist folgender ZEIT- Artikel.

http://www.zeit.de/community/2014-03/ewiges-projekt-dissertation

Ich finde die Motivation des Autors schön, freue mich, dass er dieses Projekt tatsächlich zu Ende bringen möchte und habe großes Verständnis. Auch wenn ich im Moment annehme, dass ich nie promovieren möchte, so kann ich mir doch sehr gut vorstellen, irgendwann wieder zu studieren. Philosophie vielleicht, ein Studium, das ich mit siebzehn verworfen habe, weil es mir brotlos erschien, das mich aber sehr lange schon reizt.

Es mag sein, dass nicht jeder mit der Idee als Rentner zu studieren etwas anfangen kann, aber ist es nötig unter diesem netten Artikel endlos viele Vorwürfe zu schreiben? Die kaum Hand und Fuß haben. Da möchten gewisse Leute nur die Freude verderben.

Der Mann hat ein Leben lang gearbeitet. Er hat Steuern gezahlt. Was also soll der Vorwurf des Schmarotzers? Ein älterer Herr oder eine ältere Dame, die im Rentneralter nochmal studieren, tun das gewissenhafter, als jene Achtzehnjährigen, die das Studium hauptsächlich zum Feiern nutzen. Ich gönne ihnen das. Sie sind jung. Aber wenn jemand auf Kosten aller Steuerzahler  Spaß hat, dann wohl diese jungen Leute, um die sich seitjeher gekümmert wurde.

Abgesehen davon,  sollte Bildung allen zugänglich sein – oder nicht? Sollen nicht alle Abitur machen? Alle studieren gehen? Ist Bildung nicht unser höchstes Gut? Nun, offensichtlich ist der ein oder andere überzeugt, dass man dieses Privileg nur in den ersten dreißig Jahren seines Lebens besitzen sollte. Solange man jung ist. Jeder, der älter als – sagen wir – fünfunddreißig  ist, hat dieses Recht endgültig verspielt. Ich finde, das hat Ähnlichkeiten mit  den Gesetzen, dass nur Wohlhabende, nur Männer, nur Weiße studieren dürfen. Das haben wir alles hinter uns gelassen. Jetzt werden die Eltern und Großeltern diskriminiert. (Halleluja!)

Und es stimmt mich traurig, weil es zeigt, was Bildung heute ist. Es hat alles Erhabene eingebüßt, ist nicht mehr Mensch-Werdung, Selbst-Besinnung, es ist, was auch das BA-/MA-System nahelegt, ein Produkt, das man erwirbt, wenn man jung ist, Scheine, die man sich am Laufband, wie in der Fabrik, völlig seelenlos, erarbeitet.

Warum muss man diesem motivierten Herrn vor Augen führen, welche Probleme es geben könnte? Warum sagen, was man davon hält? Ist es zu schwer, jemandem einfach mal etwas zu gönnen? Einfach so, ohne Kommentar, oder Schwarzmalen, ohne Unterstellungen ohne Diskriminierung?

Ich könnte verstehen, wenn sich niemand mehr hergäbe, um teilhaben zu lassen. Wenn man die Fenster, die das Internet bietet, die Gucklöcher, in das eigene Leben, verstopfte, damit niemand mehr Anlass zur Verleumdung hat. Ich würde es verstehen. Denn die Reaktionen sind meistens undankbar. Von Namenlosen, verborgen hinter der Anonymität des Internets, die sich frei genug fühlen, den ersten – aber leider auch alle andere – Steine zu werfen.  Auch auf Seiten wie der ZEIT, bei der die Leser sich gebildet geben – aber so beschränkt urteilen.

Das macht mich traurig.

Love ist all around you… – Gedanken zur Liebe

Kürzlich kamen mir eine Mutter mit ihrem fünfjährigen Kind entgegen. Das Kind war am Quengeln und wurde von der Mutter, die es an der Hand hielt, mehr oder minder hinter sich hergezogen. Offensichtlich wollte das Kind irgendetwas haben, was die Mutter ihm nicht geben wollte.  Das Kind rief immer wieder: „Bitte!“ Die Mutter  erwiderte: „Wie oft habe ich gestern ‚Bitte‘ gesagt? Und hast du da gehört?“

Letzendlich, dachte ich, praktiziert die Mutter Liebesentzug.

Eine typische Art der Erziehung. Die Mutter oder der Vater belohnt gutes Betragen durch Liebesbezeugungen und bestraft durch Liebesentzug. Das ist hart!, dachte ich kurz. Dann musste ich aber einräumen, dass alle menschliche Interaktion, solange sie nicht völlig zweckgebunden ist (wie beispielsweise in Arbeitsverhältnissen) sich durch Liebesbezeugung oder Entzug definiert. Wenn ich auf jemanden wütend bin, entziehe ich – bis zur Versöhnung – jede Zuneigungsbekundung und hoffe, dass der andere sich dardurch schlecht fühlt. Wenn ich jemandem einen Gefallen tue, ist das ein Liebesbeweis. Ich stelle sein Wohl über mein eigenes. Ich schenke ihm Zeit und Energien, die ich für mich hätte nutzen können.

Jede Interaktion ist geprägt von Liebesbekundungen oder Liebesentzug. Die Innigkeit von Beziehungen lassen sich daran messen, wie stark ich jemanden auf diese Weise beeinflusse, oder mich beeinflussen lasse. Wie weit ich bereit bin, in Extremen zu agieren. Liebe fasziniert mich. Ich glaube nicht an die Große Liebe, nicht an glitzernde Zauberei aus Disneyfilmen. Ich kann Liebe nicht fassen. Ich denke, weil sie so zweckfrei ist. Bewunderung kann ich fassen, Neid, Eifersucht. Das sind Gefühle, die Ursachen haben, die ich fassen kann. Es geht um Selbstbild, um Besitzt, um Leistung. Aber Liebe ist etwas, das da ist, ohne dass man erklären kann wieso. Eltern lieben ihre Kinder unabhängig von dem, was die Kinder leisten. Sie lieben ihre Kinder, trotz Charakterschwächen, fehlenden Erfolge. Geschwister können einander lieben, obwohl man einander nicht ausgesucht hat, und immer schon konkurrierte. Man liebt Freunde und den Menschen, den man vielleicht irgendwann heiratet. Und natürlich, wenn man mich fragt, kann ich aufzählen, warum ich Eltern, Freunde, Geschwister liebe. Es sind tolle Menschen, ohne Frage. Aber es gibt eine Menge anderer toller Menschen, die ich nicht liebe. Warum also diese?

Ich musste an dieser Stelle an den „kleinen Prinzen“ denken. In der Unterhaltung mit dem Fuchs, sagt der Fuchs, dass er gezähmt werden möchte. „Gezähmt werden“ bedeutet „sich vertraut machen“.

Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast., sagt der Fuchs.

Vielleicht suchen wir uns Menschen aus, die wir „uns vertraut“ machen. Deshalb sind es diese Menschen und keine anderen, weil man sich lange kennt. (Aber nach irgendeinem Prinzip suchen wir uns Leute aus, die wir uns vertraut machen. Irgendwann wissen wir, ob es ein Mensch fürs Leben ist, oder nur für jetzt.)

Das wunderbare am Lieben ist, dass es so selbstlos sein kann und dabei so unkontrollierbar ist. Es gibt Menschen, die ich mehr lieben möchte und es nicht kann. Und es gibt sicher Menschen, die ich – manchmal zumindest – weniger lieben möchte. Aber es geht nicht. Liebe lässt sich nicht kontrollieren, nicht fassen. nur beschreiben.

Liebe bedeutet Verantwortung für denjenigen zu übernehmen. Deshalb bleibt man auch, wenn es grade schwierig ist.

Liebe ist die Bereitschaft in vielen kleinen Dingen Opfer zu bringen. Ich denke manchmal, es sind die kleinen Gesten, die Liebesbeweise sind. Ich vermute, die Anzahl derer, denen ich eine Niere spenden würde, um das Leben desjenigen zu retten, ist weitaus größer als die Anzahl derer, mit denen ich zusammen wohnen könnte. Es sind nur wenige, deren dreckige Socken mich nicht nerven, die ich mögen kann, owohl sie schlechte Angewohnheiten haben, die ich nicht habe, deren leere Zanpastatuben ich wegschmeiße, für die ich den Müll runterbringe.  Viele kleine Liebesbeweise, die ich für nur ganz wenige bringen würde.

Geliebt werden bedeutet wohl, dass mir das Spiegelbild meiner Selbst in meinem gegenüber gefällt. Dass der andere mir das Gefühl gibt, lustig, klug, charmant etc. zu sein.

Das beeinflust unser Leben. Die eine Hälfte all meiner gefällten Entscheidungen ist völlig egoistisch. Dabei geht es mir nur um mich. Die andere Hälfte ist bedingt durch Liebe, die ich gebe oder nicht gebe, haben oder nicht haben möchte. Wenn ich darüber nachdenke, welche Unterhaltungen ich in letzter Zeit geführt habe: die meisten verhandelten Liebe, die geben oder nicht geben, die ich empfange oder eben nicht.

Ich finde es wunderbar und erschreckend, wie etwas so unfassbares so viel von unserem Leben beeinflusst.

Mein Sex betrifft uns alle – ein Outing

Ich möchte mich gerne outen. Das tut man ja im Moment, man teilt aller Welt seine sexuelle Orientierung mit. Weil das Reden über den eigenen Sex das oberste Gebot in unsere Gesellschaft ist – das stellte übrigens der alte Foucault schon fest. Wir denken, wir seien sexuell befreit, schreibt er, weil wir über unseren Sex reden können, über das, was wir präferieren, über unsere Gefühle. Aber es ist genau andersherum. Wir sind gefangen in unserer Befreiung. Wir müssen darüber reden. Sex ist eine öffentliche Angelegenheit. Anomalien, bei Foucault ist die Rede von Perversitäten, werden diagnostiziert und diskutiert. Stimmt nicht? Sex ist Privat? Wie erklärt sich dann die regelrecht blühende Outing-Kultur. Wer ist homosexuell? Wie lange war er es, bevor er es öffentlich bekannt gab? Wie hat seine Familie reagiert?

Meine Verwunderung gilt nicht den mutigen Outings. Hut ab vor denen, die sich bekennen. Meine Verwunderung gilt der Notwendigkeit, dem öffentlichen Interesse, der Geilheit, mit jede neue Information aufgenommen und diskutiert wird. Als sei das Wohl Aller davon abhängig.

Wenn ich als Mann mit einer Frau ins Bett gehe, ist das  voll normal. Wenn ich als Frau mit einem Mann ins Bett gehe auch. Das wird von der Allgemeinheit geduldet. Ich kann als Frau auch mit einer Frau zusammen wohnen. Das kümmert niemanden. Aber wenn wir Sex haben… Ja. Ja, dann stehen Nachbarn, Bekannte, Fremde, Familie und Freunde in unserem Schlafzimmer und fühlen sich persönlich angegriffen.

Und da es offensichtlich wichtig ist, dass jeder über meine sexuelle Orientierung Bescheid weiß, weil von der Gesellschaft erwartet wird, dass jeder über meine persönlichen Schlafzimmergewohnheiten Bescheid weiß, möchte ich mich an dieser Stelle outen:

ich bin heterosexuell.

Ich war mir lange nicht sicher. In der Jugend ist die eigene Orientierung eine wichtige Frage. In wen werde ich mich wohl zuerst verliebt? In einen Mann, wie erwartet? Oder in eine Frau, wie unerwartet?  Bei mir war es dann tatsächlich ein Mann. Ich haderte damit. Meine möglichen Lebensentwürfe reduzierten sich auf die Hälfte.  Ich war festgelegt. Meine Hoffnungen auf heißen Lesbensex, auf gemeinsames Frauen-Film-gucken, auf Regenbögen an Rucksäcken und Jacken, schwand mit diesem Mann dahin. Ich war festgelegt auf das langweilige, altbekannte Leben, meiner Eltern und Großeltern und Urgroßeltern. Meine Familie war sehr enttäuscht. Sie hatte Großes von mir erwartet, einen Ausbruch aus dem Bekannten, ein mutiges Outing, ein Leben, das nicht einfach sein würde, aber eines, in dem ich für Toleranz und Verständnis kämpfen könnte, in dem ich als Diskriminierte, Rechte einfordern könnte, die lange überfällig sind. Stattdessen werde ich als traditionelle  Ehefrau nur das Altbekannte weitertragen. Es war wirklich hart für sie. Besonders für meine Mutter. Wir haben viel darüber gesprochen und gemeinsam geweint. Aber sie liebt mich trotzdem. Meine Eltern haben mich nicht enterbt. Sie sind tolerante Menschen. Meinen Freunden habe ich es vorsichtig beigebracht. Aber auch sie halten noch immer zu mir, obwohl ich ihnen so ähnlich bin.

Mein Freund und ich leben traditionell zusammen. Er repariert das Auto und schraubt die Regalbretter an. Ich wasche die Wäsche und beziehe das Bett, in dem wir uns hin und wieder, heiß und innig, aber traditionell, lieben.

Also kommt herein, liebe Nachbarn, liebe Freunde, liebe Fremde, kommt herein und urteilt über mein Sexleben. Überprüft, ob ich nicht vielleicht doch – heimlich- homosexuell bin. Sprecht über die Heilung meiner Neigungen.  Kommt herein und urteilt über meine Beziehung, über unser Miteinander. Schließlich ist nichts mehr Verborgen, nichts mehr Privat. Erst recht nicht der Sex.

Mein Sex betrifft uns alle.

Warum sonst, regt ihr euch auf, über Fußballspieler, die schwul sind? (Spielt man schlechter Fußball, wenn man nicht mit Frauen schläft?) Warum sorgen Schauspielerinnen, die lesbisch sind, so für Medienrummel?

Was macht den Unterschied? Woher kommt diese völlige Ablehnung des Anderen? Warum ist die Vielfalt ein Problem? Ein Schwuler bespringt doch nicht jeden Mann. Eine Lesbe befummelt nicht automatisch die beste Freundin. Wie kommt es, dass Männer, die Frauen auf den Hintern schauen toleriert werden, Frauen, die mit anderen Frauen flirten nicht? Ich finde nicht, dass sich das mit dem 21. Jahrhundert , das „Toleranz“ auf seine Fahnen schreibt, vereinen lässt. Dass sich das mit der Aufgeklärtheit vereinen lässt, derer man sich rühmt. Als man Hexen verbrannte, glaubte man daran, dass sie für Unheil gesorgt haben. Dass sie Krankheit brachten, Hunger und Tod. Aber was genau tun Homosexuelle?  Schränken sie mit ihrer Andersartigkeit die Grundrechte ihrer Nachbarn ein?

Sind Homosexuelle weniger gut, in dem was sie tun?

Der Schluss liegt nahe, sonst wäre es nämlich völlig irrelevant, ob ein Politiker, ein Fußballer, eine Schauspielerin homosexuell ist. (Übrigens war Foucault schwul. Vielleicht sollten wir deshalb seine Überlegungen zum Sex nochmal in Frage stellen.)

Definiert der Sex, den wir haben, mit denen, mit denen wir ihn haben, was wir sind und was wir können? Sollten wir nicht alle Armbinden tragen, auf denen unsere sexuelle Orientierung steht? Damit man direkt weiß, wen man vor sich hat und wieviel von ihm zu erwarten ist? Damit unserer Zweiklassengesellschaft von Normal-Orientierten und Anders-Orientierten nicht nur heimlich existiert, sondern für alle sichtbar. Lasst uns die Diskriminierung für alle sichtbar machen. Lasst uns mit der Heuchelei aufhören, wir seien tolerant. Lasst uns festlegen, wer die Regenbogenbinde um den Arm trägt, darf nicht heiraten, darf keine Kinder adoptieren, bekommt Spendersamen nicht von der Krankenkasse bezahlt. Damit sich niemand etwas vormachen kann. Wir trennen da ganz klar.

Sie sind ja auch selbst schuld.

Sie sind anders zur Welt gekommen. Sie kommen in unsere Gesellschaft und stellen unsere Ansichten in Frage. Laden uns ein, über uns nachzudenken, über den Tellerrand zu blicken, tolerant zu werden.  So eine Dreistigkeit muss bestraft werden.

Der Sex definiert uns.  Jeder soll offen legen, wer er ist, wie er orientiert ist. Wir veranstalten eine Großbeichte. Jeder muss sich offenbaren, jeder darf urteilen.

Ich habe mich geoutet. Wer kommt als nächstes?