„Das passt nicht mehr mit dir und mir….“ – Trennungsschmerz

(An diesem Artikel habe ich über ein Jahr geschrieben. Das war, ist nicht mehr. Das was in den Worten sein wird, ist längst vergangen…)

Jetzt, wenn ich das hier schreibe, glaube ich an mein Überleben. Aber ich weiß, dass es Momente geben wird, in denen ich mir weniger sicher bin. Aber ich schreibe jetzt. Ich möchte hier mit Abstand, neben mir stehend, beschreiben, was Liebeskummer ist. Als völlig Unbeteiligter. Als Doktor Freud bitte ich mich auf das Sofa und schreibe wenig mitfühlend mit spitzen Bleistift  Diagnosen auf.

Zunächst einmal würde ich sagen, dass sich der Satz  „Es ist aus“, anfühlt wie: „Krebs. Endstadium. Noch zwei Wochen. Regeln Sie ihre Angelegenheiten.“ Und wenn ich in dieser Krebsdiagnosen-Metapher bleibe, gibt es sicherlich Trennungen, die mit einem Hirntumor vergleichbar sind und welche, die ein kleiner Knoten am Finger sind. Ich würde behaupten, dass ich weit davon entfernt bin, eine Hirntumordiagnose zu haben. Meine Überlebenschancen stehen sehr gut. Die Wahrscheinlichkeit, dass mein restliches Leben zerstört ist, geht gegen null. Eher so eine Operation, die weh tut und eine Narbe hinterlassen wird, die vermutlich hin und wieder noch jucken könnte. Aber das ändert nichts daran, dass ich manchmal rumsitze und denke: „Warum gibt es so einen Sch***?“ Und ich frage das mit einer Miene, als sei es das Todesurteil. Als müsse die Welt und das Universum an diesem Schmerz zerbrechen.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass mich diese Erfahrung völlig entstellt hat. – Manchmal, an weniger guten Tagen. – Ich erwarte, dass jeder die Narbe sieht. Als würde sie mir über das ganze Gesicht verlaufen oder als würden mir Gliedmaßen fehlen. Und wenn keiner mitleidig schaut, bin ich irritiert. ( Wenn Liebeskummer schon dazu führen kann, dass ich das Gefühl habe, dass mein Gegenüber mich nicht sieht oder erkennt, wie muss es Kriegsveteranen gehen? Die mehr als eine Liebeskummer-Narbe haben?)

Mein Verstand hat längst erkannt, dass ich überleben werde. Er versucht dem Herz gut zuzusprechen, das sich wie eine Diva aufführt und das nahe Ende theatralisch prophezeit oder nichts lieber möchte als ins Bett zu gehen und dort das Sterben zu proben. Aber das Herz ist völlig unbeeindruckt von dem, was der Verstand sagt. Es probt einen Aufstand und tut weh. ( Das Phänomen erinnert an das Verlieben. Nur dass da der Verstand sagt, dass das Herz aufhören soll, so dämlich das Leben zu feiern und ständig zu lachen. Und stattdessen ins Bett  gehen schlafen. Aber das Herz macht Party…)

Wollte ich verliebt unbedingt Liebesgeschichten hören, interessiere ich mich jetzt für Trennungsgeschichten. Bekomme ich verliebt das Lächeln partout nicht aus meinem Gesicht, kann in der Trennungstraurigkeit nichts meine Lippen davon überzeugen, gen Himmel zu streben.

Alles tut weh, so körperlich, dass ich denke, ich müsste den Schmerz warmhalten oder kühlen können.

Die Trennung führt im Anfangsstadium zu einem Verlust von Identität. Und meine Haare umgingen nur durch die Verkettung einiger Umstände einem radikalen Schnitt. Weil ich mit dem Satz „Es ist aus“, nicht mehr wusste, wer ich bin und was ich kann. Und das Bedürfnis hatte, einfach jemand anderes zu sein. Weglaufen und Neu- Erfinden in einem. Es ist, als hätte ich mein Zuhause verloren und sei plötzlich obdachlos. Und selbst jetzt, als ziemlich klar ist, dass es gut ist, wie es ist, habe ich manchmal das Gefühl, ich sei nicht vollständig. Ich sei nicht ich. Etwas fehle, das ich nicht benennen kann.

Und dann gibt es natürlich noch diese Fragen von: „Warum konnte es kein Happy-End geben? Ab wann war klar, dass es enden wird? Hat er\sie mich geliebt?“ Die ganzen Klischee-Fragen halt.Und wie geht es jetzt weiter? Freunde sein oder Feinde? Kann ich jemanden, den ich gestern noch mehr geliebt habe als alles andere, heute hassen? Kann etwas, das so lebensbestimmend gewesen ist über Nacht völlig gleichgültig und ohne Relevanz für mein Leben sein? Aber wenn nicht, wie soll man nach so etwas, noch befreundet sein? Geht das überhaupt?  Und wann geht die Liebe endgültig weg?

Welchen Sinn hat der ganze Mist? Gibt es irgendetwas Positives daran? An schlechten Tagen gibt es das nicht.

Aber zum Glück bin ich nicht die Erste, die hoffte, etwas Langlebiges zu haben um es dann zu verlieren und das holt mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.  Es fühlt sich an, als sei es das Ende der Welt. Aber an guten Tagen frage ich mich, wie ich das je denken konnte. Es war und dann war es vorbei. Wie vieles andere im Leben.

——

Lange war die Liebe noch da. Aber inzwischen ist sie weg. Lange konnte ich nicht loslassen und machte mir vor, dass es nichts mit Schwäche zu tun hat, sondern mit Stärke.  Jetzt fühle ich mich bereit, loszulassen. Ich empfinde die Entfremdung als heilsam. Manchmal vermisse ich etwas, das ich nicht benennen kann. Inzwischen glaube ich, das es die Nicht-Anwesenheit der Narbe ist. Meine Einstellung zur Liebe ist eine andere. Ich habe etwas von der Naivität eingebüßt, mit der ich sowieso nicht so gut ausgestattet war.

—–

Begonnen habe ich den Beitrag wenige Monate nach der Trennung. Jetzt ist es fast ein Jahr her. Jetzt kommt es mir so seltsam vor, dass es dieses fremde Leben mal gab, dass mein Herz wirklich mal mit diesem anderen Herz geschlagen hat. Ich erinnere mich noch an den Schmerz. Aber es verblaßt und wie die meisten Verluste, wird dieser Verlust zu einer schmerzvollen Erinnerung, die an Bedeutung verliert. Wenn ich drauf drücke tut es weh. Manche Gedanken und Orte reizen die Narbe. Aber sie hat aufgehört zu bluten.

Ich stehe dem Ich gegenüber, dessen Herz nicht aufhören wollte zu bluten und frage: Wer bist du? Diese Trauernde ist mir fremd geworden.

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Wer sind wir? wer werden wir sein können? Sind noch immer Fragen. Aber sie brennen nicht mehr. Die Narbe ist klein, fast verheilt. Ich atme ein und aus ohne daran zu denken. Ich lache, ohne daran zu denken. Meine Lunge ist wieder ganz. Meine Gliedmaßen heil. Mein Gesicht ist mein Gesicht. Mein Leben ist mein Leben. Meine Haare wachsen und wachsen. Es gab diesen Moment, an dem ich noch dachte: „Kein Kontakt mehr. Schnitt. Ende.“Aber vor zwei Wochen überraschte mich der Gedanke: „Da war ein guter Mensch. Sein Herz schlug nahe an meinem. Ich kann dankbar dafür sein, ihn so gut kennen gelernt zu haben.“

Dankbarkeit, statt Wut oder Schmerz.

Als ich diesen Artikel begann, glaubte ich nicht daran. Aber alles heilt. Auch Liebeskummer.

 

 

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Erste Spuren?

Das Gesicht im Spiegel lacht. Ich sehe es an. Es scheint mir herzlicher als früher zu sein. Ich gehe näher heran und mustere alles Unebenheiten, wie das Frauen sicher besser können als Männer. Beobachte alle Unsymetrieheiten, als hoffte ich, dass sie sich verflüchtigt haben könnten. Betrachte die Mitesser, die mich ärgern und die verheilenden Pickel, die über die Jahre zum Glück weniger geworden sind. Womöglich betrachte ich mich auch im Profil, mit dem neuen Spiegel geht das und voller Interesse mustere ich mein Profil.

Nach längerem Betrachten finde ich endlich, was andrs geworden ist. Meine Augen. Noch ist das eine einen Tick größer als das andere. Noch immer sind sie hellgrün mit kleinen Pupillen. Vogelaugen, wie ich sie irgendwann mal betitelt habe.

Aber sie sind herzlicher, als früher. Sie scheinen mehr zu lachen als früher. Und das liegt an den kleinen Fältchen, die sich um die Augen legen, wie ein Rahmen.

Ich entspanne das Gesicht, dann lächle ich wieder, bis die Falten erscheinen. Dann entspanne ich wieder. Näher ran und weiter weg. Seit wann sind sie da? Wie war das früher? Waren sie kleiner? Sind sie schneller verschwunden?

Wieder lächle ich. Hin und hergerissen von Faszination („Das also ist das Älter werden“) und Angst („Ist das wirklich unwiderruflich?“), starre ich auf die Augen, schaue, ob sich auch an andren Stellen Fältchen zeigen und denke melacholisch über die Jugend nach, die irgendwann vorbei gegangen ist. Dann lache ich, diesmal über mich. Denn noch ist es nur ein Spiel. Noch glaube ich nicht an das entgültige Älter-Werden.

 

Was grade so aktuell ist…

Guten Tag lieber Blog. Guten Tag liebes Leben. Einatmen und Ausatmen. Der Bär und ich haben unsere Sachen gepackt und sind wieder umgezogen. Der Bär war nicht so zufrieden damit. Das hat mich nicht überrascht. Der Bär reist nicht gerne. Neues Haus, neue Baustelle, neues Leben, neues Glück. Wenn das Jahr zuende geht, wird es kaum noch dem gleichen, das begonnen hat. Das ist gut.

Ich bin jetzt Waldorflehrerin. Viele mögen ihr Leben lang von ihrem ersten Auto oder ihrer ersten großen Reise geträumt haben. Ich glaube, ich habe immer schon von meiner ersten eigenen Klasse geträumt. Morgens stehe ich an der Tür, um alle Kinder zu begrüßen und freue mich so, hier zu sein, in der kleinen Schule mit den wunderbaren Kindern. Ich freue mich, dass ich mir überlegt habe, was wir heute machen und morgen und dass alles irgendwie läuft. Ich liebe meinen Beruf und kann noch nicht ganz fassen, dass ich dafür wirklich Geld bekomme. Ich möchte in Zukunft gerne ein bisschen mehr über Waldorf schreiben. Manchmal bin ich superkritisch. Manchmal ganz verliebt.

Ich fahre jetzt auch Auto. Das habe ich früher schon getan. Aber nicht so häufig. Jetzt pendle ich und habe soetwas wie „Auto“-Geschichten, Situationen, die für mich emotional waren, aber für den Zuhörer nur eine Ansammlung von nicht Erzählenswerten. Jedenfalls nicht, solange man nicht übermüdet und ziemlich betrunken um vier Uhr morgens irgendwo herumhängt und redet, um nicht einzuschlafen. Aber ich erzähle diese Autobegebenheiten beim Kaffeetrinken. Sowas wie: „Heute habe ich den Mopedfahrer um 6:45 überholt.“ Dieser Mopedfahrer, der Morgen für Morgen überholt werden muss, meistens aber erst um 6:55, an einer besondrs kurvigen Stelle mit besonders viel Gegenverkehr,  ist seit Anbeginn meiner Pendelzeit DAS Thema beim Essen. Aber selbstverständlich nur für mich.  Darüber möchte ich in Zukunft hier nicht so viel   schreiben. Weil es wirklich nicht interessant ist, in welcher Kurve ich ihn um wieviel Uhr überholt habe.

Außerdem war zumindest in meinem Bekanntenkreis das Jahr 2016 das Jahr der Trennungen und mit der Tragik eines Teenagers und dem analytischen Geist eines Wissenschaftlers habe ich meine eigene Trennung von jenem Menschen beobachtet, der ziemlich lang ziemlich viel für mich war. Darüber habe ich einen Beitrag geschrieben, den ich seit Monaten überarbeite. Das war meine erste Trennung und die Versuchung war ziemlich groß, anzunehmen, dass nie jemand vor mir und nie einer danach solchen Schmerz erlitten hat. Was sich als Unfug herausstellte, sobald ich mit offen Augen durch die Welt gegangen bin. Trotzdem noch immer ein Thema, das mich fasziniert, wenn es mich auch nicht mehr völlig in Anspruch nimmt.

Ich bin 27 geworden. Es gab mal eine Zeit, in der ich annahm, wenn ich erst 27 sein würde, hätte ich Kinder, Mann und ein Haus. Stattdessen stehe ich in dem neuen Leben. Atme ein und atme aus. Manchmal denke ich darüber nach, wo ich bin, wo ich sein könnte und wo ich war und ob es gut ist, nicht mehr dort zu sein. Das Älter-Werden ist noch immer Thema. Daran wird sich vermutlich nie etwas ändern, denn damit hört man ja nicht auf…

 

Montag ist der große Tag!

Heute ist Samstag. Noch zweimal schlafen, dann beginnt mein Waldorflehrer-Studium. Zum Glück war ich überzeugt, als ich mich dort eingeschrieben habe. Momentan finde ich den Gedanken  mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln einer fremden Stadt herumzuschlagen, um fremde Menschen kennen zu lernen und ein neues Studium zu beginnen wenig einladend. Aber Neues hat ja fast immer etwas Abschreckendes an sich. Also kommenden Montag – oder übermorgen, wie Papa  passend ausdrückte – ist der erste Tag. Eine Einführungsfeier, die die Begrüßungswochen einläutet. Auf dem Plan steht neben den Reden und Informationen, die einem zuteil werden auch „Gemeinsames Singen.“ Wenn ich den Plan der Wochen richtig interpretiere bestehen die ersten Wochen aus Malen, Musik, Sprachgestaltung (was immer das sein mag, vielleicht Theater?) und Eurythmie (= eine Art Ausdruckstanz, der dafür verantwortlich ist, dass man jeden Waldorfschüler fragt, ob er mal seinen Namen tanzt.)

Ich bin ein kreativer Mensch, der jahrelang Flötenunterricht hatte. Ich habe immer gerne gemalt und wenn keiner guckt, tanze ich auch. Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder Zugang zu ihren künstlerischen Fähigkeiten bekommen und das gewürdigt wird.

Aber als ich auf dem Plan gelesen habe, dass ich auch in den Genuß kommen soll, zu musizieren und zu malen, war ich eher unmotiviert. Und ich frage mich: Warum? Wenn ich doch möchte, dass Kinder das machen. Betone, wie wichtig das ist. Warum? Wenn ich es immer gemacht habe, es meiner Persöblichkeit also nicht zuwider läuft. Warum? Wenn das die Gründe sind, wieso ich mich für ein zweites Studium entschieden habe? Warum denke ich bei „Gemeinsames Singen“, dass das nach Kindergarten klingt oder Gottesdienst, wenn ich mich bei den staatlichen Schulen darüber beklage, dass es nur um Leistung geht? Warum denke ich, wenn ich den Plan lese: „Und wann beginnt das richtige Lernen?“

Zwei Dinge mache ich dafür verantwortlich.

Erstens, dass ich Tanzen, Musik und Malen mit Noten in Verbindung bringe. Ich mache es gerne aber nichts davon außergewöhnlich gut. Im Gegenteil bei Musik und Tanzen habe ich ein hervorragendes Untalent unter Beweis gestellt. Ich hatte genug Kunstlehrer, die mir beigebracht haben, dass ich mit wenig Talent gesegnet bin, sodass ich grundsätzlich betone, nicht malen zu können. Wenn ich es dann doch tue, sind die meisten überrascht, dass es nicht so schlecht ist, wie nach meinem Getue anzunehmen gewesen wäre.

Zweitens bin ich so geprägt auf: Leistung! Noten! Wissenschaft! dass es mir sehr komisch erscheint, wenn erwartet wird, dass ich mich selbst ausdrücke, wenn es um das Miteinander geht und nicht darum wer der Beste ist. Tanzen, Singen und Malen sind Dinge, die ich unbewusst mit dem Kindergarten verbinde, in dem es vor zwanzig Jahren noch nicht darum ging, ob man gut genug ist. (Heute ist das anders, heute wird regelmäßig abgeglichen, ob das Kind schon die Farben kann, schon zählen kann, ob es wie die Altersgenossen lange genug sitzen bleibt, alles wird protokolliert und analysiert.)

Meine Skepsis gegenüber Tanzen, Singen und Malen als erwachsener Student in aller Öffentlichkeit liegt nicht in meiner Persönlichkeit, sondern in dem, was ich gelernt habe, wie die Welt funktioniert. Seit ich in die Schule gekommen bin – was jetzt auch schon zwanzig Jahre her ist –  wurde mir beigebracht, dass ich das bin, was ich kann. Selbstentfaltung kann man zuhause machen, wenn man möchte. Aber wichtig ist, was man weiß, welche Noten man hat.

Das werde ich umlernen müssen. Nicht nur für mich. Auch für die Kinder. Wichtig ist, wer der Mensch ist. Wichtig ist, dass er sich mag und mit den anderen Menschen klar kommt. Das soll die Schule beibringen. Dazu gehört Tanzen, Singen und Malen. Von daher: Willkommen erste Woche! Willkommen neuer Lebensabschnitt! Willkommen neue Impulse!

Mal sehen, was für einen Menschen es aus mir macht.

Ich bin momentan noch ein wenig wie verliebt. Überzeugt, dass das meine Berufung sein könnte. Vielleicht tatsächlich ein Ort an den ich passe. Gefolgt von großen Zweifeln und Skepsis.

(Wenn ich sage, dass ich Waldorfpädagogik studieren werde, sage ich das immer mit einem Lächeln, um dem Gegenüber die Möglichkeit zu nehmen, auf meine ernste und stolze Ansage herablassend zu lächeln. Viel öfter als ich angenommen habe, ist das garnicht nötig. Der Großtteil der Leute erwidert: „wie Interessant.“ „Das ist toll.“ Natürlich gibt es auch Erwiderungen wie „Was sagen deine armen Eltern dazu?“ oder „Dafür must du wirklich studieren?“ oder mein Favorit unter den Vorurteilen: „Waldorflehrer? Das ist leichter als normale Schulen.“  Als würde ich Waldorfpädagogik studieren, weil ich es an einer normalen Schule nicht geschafft habe. Für diese Leute ist das Lächeln. Und für mich – was ich mir kaum eingestehen möchte. In den Tiefen meiner Persönlichkeit gibt es Ecken, die noch viel skeptischere Fragen stellen, nach dem Motto: „Wirklich?! Du möchtest an diesen Hippie-Schule, an der sie keine Noten geben, arbeiten!?“)

Wenn die Verliebtheit schwindet und ich das verlegene Lächeln verliere, werden neben diesen Zweifeln auch die Begeisterungsstürme nachlassen. Ich bin gespannt. Darauf was mich ärgern wird. Auf das Gefühl, wenn ich mich vorstelle mit „Ich bin Waldorflehrerin“. Gespannt, was es mit mir macht.

Für den Moment habe ich die Wochenpläne gedruckt, die Zugverbindung herausgesucht und gezählt wie oft ich noch schlafen muss. Noch Zweimal!

 

 

Der Beginn der gemeinsamen Geschichte

Nicht dass ich die Wohnung in der Stadt geliebt habe! Es gab Momente, in denen mir die Gemütlichkeit des Wohnzimmers bewusst wurde, der schöne Schnitt der Wohnung, in der ich mich daran erfreute, dass die Möbel dort standen, wo ich sie hingestellt hatte. Alles selbst gemacht. Mein Reich. Meine erste echte Wohnung. Davor hatte ich in einem Wohnheim gelebt, das ich auch schon liebte. Aber die Wohnung in der Stadt hatte immerhin mehr als ein Zimmer und fast das dreifache an Platz. Ich liebte die Wohnung, wie man die erste Wohnung liebt. Aber es blieb die Sehnsucht nach einem Ort ohne Autolärm, nach einem Ort, an dem es nach Äckern riecht und im Herbst nach vergährten Trauben, ein Ort, an dem die Nacht das Land in das unwiderstehliche Parfum des „Alles ist möglich“ hüllt. Die Luft in der Stadt war schwer zu atmen. Die Sonne erreichte mich kaum, der Regen war nicht gut genug, um darin zu tanzen.

Jetzt bin ich hier.

Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin. Manchmal schaue ich verstohlen nach rechts und links, ob ich Gesichter aus meiner Kindheit und Jugend erkenne. Manchmal taucht das eine oder andere Gesicht, das seit meiner Kindheit verschollen war, wieder auf. Gegenseitiges verlegenes Erkennen. Zehn, fünfzehn Jahre haben wir nicht miteinander gesprochen. Aus den Kindern, die zusammen in den Kindergarten gingen, dort die ersten Versuche machten, Freunde und Nicht-Freunde zu unterscheiden, sind Erwachsene geworden, die sich fremd sind. Anerkennende Augenblicke, was geworden ist. Das Mädchen, das in niedlichen Kleidchen in die Schule kam, ist nun einer schöne Frau geworden. Jeder andere Gleichaltrige im Dorf könnte mir vermutlich sagen, ob sie einen Freund hat, verheiratet ist, ein Kind hat oder ein Kind in Planung. Das Dorf ist so klein, das die Dorfjungend zusammengeschweißt alles voneinander weiß. Ich war nie ein Teil dieser Jugend und war lang genug weg, dass diese Informationen es noch nicht über hundert Ecken zu mir geschafft haben.

Aber die ersten wissen bereits, dass ich wieder hier bin, ohne dass ich es ihnen gesagt haben. Sie begrüßen mich mit „Wieder hier?“ oder „Wie ist es wieder hier zu wohnen?“ Das Auto mit dem fremden Autozeichen erntet noch misstrauische Blicke. Keiner grüßt, aller schauen das Zeichen an mit dem Argwohn, den man hier allem entgegenbringt, das fremd ist. Ich bin mit der Einstellung aufgewachsen, dass die Grenzen dort verlaufen, wo der Dialekt aufhört, wo die Autozeichen sich ändert. Halb im Ernst, halb im Scherz habe ich solche Sätze wie „Kein Wunder, dass der so parkt, schau nur wo er herkommt“ so oft gehört, dass ich sie garantiert weitergeben werde. Aber aus diesem Misstrauen wird sich Herzlichkeit entwickeln. Wenn sich herumgesprochen hat, dass ich wieder hier bin und wenn sie mein Auto kennen, werden sie vermutlich zum Gruß die Hand heben. Es ist klein hier. Man kennt sich.

Anders als in der Stadt, kommt und geht hier niemand unbemerkt. Man trifft sich. Auf der Straße, in Küchen, in der Kirche, in den wenigen Läden, in denen alle einkaufen gehen.

Bekannte Straßen. Bekannte Leute. Ich bin eingezogen, wo ich als Jugendliche schon einmal gewohnt habe. Dort wo mein Bett stand, ist nun mein Herd. Dort wo der Schreibtisch stand, mein Esstisch, dort wo mein Kleiderschrank, die Spüle, dort wo meine Schulbücher sich stabelten mein Küchentisch. Das selbe Bad. Das Arbeitszimmer meines Vaters ist nun meines, im Schlafzimmer meines Bruders steht nun mein Bett. Es ist nicht so fremd, wie es sein könnte. Aber obwohl überall meine Möbel stehen, meine Muisik läuft, meine Bilder an den Wänden, fühlt es sich nicht an wie mein Lebensraum. Aber vielleicht muss das so sein. Das sage ich mir jedenfalls. Ein Raum wird nicht zum eigenen Raum, nur weil die Möbel darin stehen. Sondern weil dort Lebenszeit verbracht wurde. Der Ort Geschichte bekommt. Weil Besuch empfangen wurde, weil man sich an kalten Abenden eine Suppe kochte, krank das Bett hütete, weil man laute Musik anmachte und verrückte Tänze aufführte, sich stritt und wieder vertrug. Ich glaube erst die Zeit wird diese Zimmer zu meinen Zimmern machen.

Gestern habe ich mal geputzt. Denn wann ist man näher am eigenen Lebensraum, als wenn man auf den Knien den Dreck aus den Ecken kratzt. Man merkt man mehr die Fläche, die einem gehört, wenn man dreckig und schwitzend den Staub von den Lampen wedelt?

Ich denke, ich werde hier sehr glücklich werden. Meine Küche steht. Meine Kaffeemaschine läuft. Das erste hier etablierte Ritual: das morgendliche Kaffee kochen. Der Geruch von Kaffee, dem Öl, das ich auf die Arbeitsplatte gestrichen habe, dem Lack vom Küchenschrank, den ich auch eigenhändig gestrichen habe, den Vorhängen, die ich gewaschen habe, gibt der Küche einen eigenen ganz individuellen Geruch. Den Geruch des Beginns der gemeinsamen Geschichte der Küche und mir. Der Beginn einer wunderbaren Zeit.

Ich freue mich darauf, wenn es kalt wir, drinnen zu stehen, während es draußen regnet und stürmt. Ich freue mich Kerzen anzumachen, wenn es dunkel ist und darauf um weihnachten überall Tannenzweige zu verteilen und Bratäpfel zu machen.

 

 

Unterhaltung mit dem Teddybär

Sack und Pack in Kisten verstaut, alles in einen Transporter geladen, den Teddybär auf dem Beifahrersitz angeschnallt und 200 km durchs Land gefahren. Dort wieder ausgepackt. Der Teddybär sieht sich noch etwas irritiert um. Es  ist lange her, seit er hier war. In Teddybärjahren sind sieben Jahre eine Ewigkeit. „Wozu das alles?“, fragt er und betrachtet sich das Chaos aus Kisten. Die noch nicht aufgebaute Küche und mein Gesicht, das Vorfreude, Zweifel und Überforderung zeigt, je nachdem, ob ich das Gefühl habe, dass ich das mit dem Umzug hinbekomme oder ob das einer der Momente ist, in denen ich bereue alles hinter mir gelassen zu haben und nicht weiß, wohin mit den Kisten und den Möbeln.

Nach sieben Jahren ist eine Rückkehr fast so etwas wie ein Neuanfang. „Wozu?“, fragt der Teddy. Ich strahle ihn an. „Ich weiß jetzt endlich, was ich machen möchte!“

2015-06-13 12.46.07

Der Teddy nickt anerkennend. Schließlich hat er mir die letzten Jahre beim Suchen zugesehen. „Gut“, sagt er und erinnert sich vermutlich, dass ich schon während meines Lehramtstudium hin und hergerrissen war, zwischen dem Gefühl, dass ich gerne unterrichte und der Gewissheit, dass die Schule nicht das Richtige für mich ist. Als ich verkündete, dass ich auf keinen Fall das Referendariat machen möchte, weil das nicht der richtige Weg für mich ist, brummte er nur teddybärtief. Meine Erklärungen, dass ich nicht Teil eines Schulsystems sein wolle, in dem es nur um Leistungsdruck geht, nicht darum einem jungen Menschen bei der Entwicklung zu helfen, nickte er nur ab, auch als meine Stimme immer lauter , meine Gesten immer größer wurden und ich mich wie ein Politiker für eine bessere Welt aussprach.

Teddybären sind stumme Zuhörer. Als mir die Luft ausging fragte er nur, was ich stattdessen machen wolle. Für jemanden, der seit er denken kann, Lehrer werden wollte, ist das eine schwierige Frage. Ich war immer die, die einen Plan von ihrem Leben hatte. Abitur, Lehramtstudium, Lehrer sein. Daran bestand über viele Jahre, fast zwei Jahrzehnte, kein Zweifel. Neuer Plan. Praktika an Praktika. Kindergarten war nicht das Richtige. Das war eine überraschende Erkenntnis, war das doch der Notfallplan gewesen.  Arbeit in der Förderschule könnte ich mir vorstellen. Aber nicht genug, für ein völlig neues Studium. Regieassistent  hätte mir Spaß gemacht, aber es sollte aus verschiedenen Gründen nicht sein. Großer Frust. Kein Ort für mich? Keine Arbeitssstelle, an der ich mich wohl fühle?

Auch der Bär wird sich an die Stimmung erinnern, in der ich mit mir und dem Leben haderte.

In dieser Stimmung von, es muss doch etwas geben, erinnerte ich mich daran, dass mir in meinem Leben immer wieder Leute begegnet sind, die mich fragten, ob ich nicht an einer Waldorfschule unterrichten wolle. Ich hatte das immer von mir weg geschoben, ohne viele Vorstellungen davon, wusste ich nur, dass sie dort ihren Namen tanzen. Aber nach meiner bis dahin eher erfolglosen Suche nach dem, womit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten möchte, griff ich nach jedem Grashalm.

Der Teddy schmunzelt.

Er erinnert sich an meine ersten Tage in dem ersten Praktikum. Ich habe vorher die Theorie der Schulen gelesen, aber es klang alles nach Werbung und mir fehlte die Vorstellung. Als am ersten Praktikumstag in der Schule, die nicht wie eine Schule aussieht, wenn man nur graue Betonblöcke als Schule kennt, ein Lehrer auf mich zukam und mir die Hand reichte, dachte ich nur panisch: „Was möchte er von mir?“

Garnichts.

„Guten Morgen“ sagen. Das macht man dort so. Ein Lehrer steht im Eingangsbereich und begrüßt.

Jeden Tag kam ich nachhause und berichtete fasziniert, was ich neues über Waldorfschule gelernt und was ich beobachtet habe. Der Bär brummte anerkennend, als ich erzählte, dass es Epochenunterricht gibt. Drei Wochen haben die Schüler jeden Morgen zwei Stunden lang ein Fach, Mathe oder Deutsch, oder Geschichte, oder etwas anderes. Nach drei Wochen wechselt es und sie haben das nächste Fach. Von Epochenunterricht ausgenommen sind die Sprachen und Sport. Vermutlich auch Religion.

Es gibt Klassenspiele. In der achten und vermutlich der zwölften Klasse machen die Schüler ein Klassenspiel. Das heißt, sie suchen sich ein Theaterstück, das sie gemeinsam auf die Beine stellen.

Eine Klasse bleibt die vollen dreizehn Jahren zusammen und hat die ersten acht Jahre den selben Klassenlehrer. Damit ist das Verhältnis zwischen Klasse und Lehrer natürlich ein ganz anderes als in Regelschulen.

„Und die Noten?“, brummte der Bär, der sich alles anhörte, aber dennoch skeptisch blieb. „Keine Noten?“

„Ab der neunten“, sagte ich. „Es gibt aber vorher schon Bewertungen. Und im Schnitt machen mehr Waldorfschüler Abitur als an Regelschulen.“ Der Teddy ist nicht ganz überzeugt. Er kennt nur das System von staatlichen Schulen. Auch ich stelle in meinem zweiten Praktikum an einer Waldorfschule fest, dass es mir schwer fällt von dem Leistungsdenken ganz los zu lassen. Viele, viele Jahre hat man mir eingeprügelt, dass ich das bin, was ich bringen kann. Dass Leistung das Wichtigste ist. Obwohl alle sagen, Menschlichkeit und Mitgefühl seien entscheidend, gibt mir keiner Arbeit, nur weil ich freundlich bin. Drückt mir keiner Hochachtung aus, nur weil ich Mitgefühl habe.

Als Kind hätte es mir geholfen, an einer Schule zu sein, die das zu würdigen gewusst hätte, was ich kann und mir nicht immer vor Augen geführt hätte, was ich nicht kann. Wenn meine kreativen Ambitionen honoriert worden wären, nicht nur in kleinen Lichtmomenten, in denen grade Luft zwischen Arbeiten und HÜ’s waren.

„Mir kommt das alles zu schön vor“, sagte ich zu dem Bär. „Der vorherrschende Ton ist freundlich. Alle bemüht. Sie fragen nach, wo ich herkomme, wo ich hin möchte. Sie sagen alle, dass sie gerne Lehrer sind. Ich traue dem nicht.“

Als es in der zweiten Schule, die ich mir ansehe, menschelt, bin ich erleichtert. Dort strahlen nicht alle, man ärgert sich ein wenig übereinander. Aber trotzdem antwortete die Lehrerin, die mich in ihrer Klasse zusehen lässt, die den Beruf seit dreißig Jahren ausübt, nach einem anstrengenden Morgen, als ich sie frage, ob sie es wieder machen würde, mit einem klarten „ja“. Dass sie sich nichts Schöneres vorstellen kann. Obwohl es schlecht bezahlt ist. Die Klassen so groß.

Spätestens damit bin ich für den Beruf den Waldorflehrers gewonnen. Ich kann mir nicht vorstellen ein Jünger von Rudolf Steiner (Begründer der Waldorfschulen) zu werden. Daher macht es mir nichts aus, dass er nicht nur gute Dinge geschrieben und gedacht hat. Aber die Umsetzung von Waldorfschulen, die ich mir angesehen habe, hat mich überzeugt. Die Möglichkeiten, die ein Lehrer hat, Unterricht zu gestalten und mit den Kindern umzugehen.

„Ich denke, ich kann mich dort sehr wohl fühlen“, sage ich zu meinem Teddy, der sich auf dem Sofa niedergelassen hat, das aus dem Transporter in das Wohn-\Arbeitszimmer geschafft worden ist. Er thront dort, wie in der alten Wohnung und sieht zufrieden aus. Jetzt habe ich mich erst einmal für einen Masterstudienplatz beworben, für Waldorfpädagogik. Das alleine sagt schon eine Menge aus. Ich bin bereit, noch einmal zu studieren.

„Ich denke schon“, erwidere ich auf das Brummen des Bären. „Alles hat Nachteile und Schwachpunkte. Ich erwarte nicht, dass ich diese Entscheidung nie in Zweifel ziehen werde. Ich erwarte nicht, dass ich in einem Jahr noch immer strahle und sage, Waldorfschulen seien das Beste auf dieser weiten Welt. Mir wird klar werden, dass sie Nachteile hat und ich werde jammern. Aber darum geht es nicht.“

Der Bär sieht mich fragend an.

„Es geht doch darum, dass mich fünf Wochen Praktikum so überzeugt haben, dass ich jetzt meine, ich müsste umziehen und noch einmal studieren. Es geht darum, dass  ich so viel Freude an der Vorstellung habe, dort zu unterrichten, dass ich diese Strapazen mir, meinen Mitmenschen und dem Teddy zutraue.“

Der Bär nickt widerstrebend. Er ist ein skeptischer Bär und noch immer etwas eingeschnappt, dass ich ihn umgesiedelt habe. Aber er wird sich schon wieder einkriegen, denke ich, und packe Kisten aus.

„Gute Idee“, sage ich zu ihm, als er wieder kritisch brummt. Um ihn aufzumuntern, tue ich so, als hätte er vorgeschlagen, Blogbeiträge über meine Erfahrungen mit Waldorfschulen zu schreiben. Weil die Schüler eben nicht alle nur ihren Namen tanzen.

„Motz nicht“, sage ich zum Bär. „Das wird schön.“

Der Bär zwingt sich ein Lächeln ab.

Aber als ich laute Musik anmache, während ich die Kisten auspacke, verschwindet seine griesgrämige Miene und er brummt behaglich. Er wird unser neues altes Zuhause auch lieben lernen.

Rückkehr in die Heimat, die mir fremd geworden ist, obwohl sich nichts verändert hat

Ich möchte dieses Gefühl festhalten, solange es noch da ist. So viel Gefühl und Gedanken sind mir in letzer Zeit durch meine schweigenden Hände geflossen ins unwiderbringliche Vergessen. Kein Blog beitrag, weil es Stoff fürs Tagebuch war, aber auich das Tagebuch liegt ungeöffnet in einer Umzugskiste. An diese Epüoche meines Lebens werde ich mich nur erinnern können und es wird mir fremd werden. Unkonserviert in meinem Erinnern verblaßen und vergehen.

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen in einer sehr kleinen Welt. Mit achzehn packte ich meine Sachen zusammen und zog für das Studium in die Stadt. 200 Kilometer weit weg. Mein Herz blieb zuhause. Dort singt das Land zu mir, schrieb ich in mein Tagebuch als ich melancholisch in einem Zug saß, der mich wieder zurück in die Stadt fuhr. Es ist still hier. Hin und wieder kommt ein Traktpor vorbei, die Vögel sind den ganzen Tag das lauteste, das man hört. Man grüßt sich auf der Straße, weil jeder jeden kennt und man es sich nicht leisten kann, es sich ernsthaft miteinander zu verderben. In dem Teil des Dorfes, in dem meine Eltern wohnen, leben viele alte Leute und ich habe das Gefühl die Erinnerungen an den Krieg und die Armut sitzt in den Häusern, in der Straße. Es ist nicht bedrückend. Die Häuser sind schön, keiner hungert. Aber ich habe das Gefühl, dass sich hier Erinnerungen besser halten als anderorts. Vielleicht weil man mehr miteinander spricht. Man steht auf der Straße und unterhält sich. Auf kleinem Raum ist das Leben generationsübergreifend.

Ich war fort. Jetzt kehre ich zurück. Mit Kisten und Ikeamöbel. Von meiner Stadtwohnung ist Ikea das nähste Möbelhaus überhaupt. Hier aber fährt man dreißig oder vierzig Minuten bis zum nächsten Ikea. Hier halten sich noch kleine Möbelhäuser. Ich komme wieder mit meinen Lebensgewohnheiten der Stadt und stelle fest, wie anders alles geworden ist, während sich nichts verändert hat. Aber das ist nicht nur das Dorf, das ist vermutlich die Irritation bei jeder Art von Rückkehr.

Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne das Dörfliche hier. Aber als Kind war es Normalität. Jetzt aber merke ich wie langsam das Internet ist, dass der nächste Laden zehn Minuten mit dem Auto entfernt ist, ich kenne zu vielen Familien viele Geschichten, grüße alle. Man kan nur schwer einen Bogen umeinander machen.

Ich bin herausgerissen aus der Anonymität meines Stadt-Lebens. Hier kennt mich jeder, kennt meine Eltern und Geschwister hat vermutlich auch mit meinen Großeltern gesprochen. Ich habe Geschichte, die ich nicht leugnen kann.

Nachdem ich sieben Jahre davon geträumt habe zurück zu kehren, frage ich mich nun, ob ich es hier aushalten werde. Ob ich mit Dorffesten leben kann, mit dem nächsten Theater eine Dreiviertelstunde Autofahrt.

Andererseits glaube ich, dass ich, wenn der Umzug fertig ist, wieder das Lied des Landes höre. Ich hoffe wieder mehr zu schreiben und zu lesen. Das Leben zu fühlen.

Ich habe die Fenster offen und höre  Vögel, keinen Autolärm und atme reine Luft und ruhe in mir.

 

 

Toleranz durch Fernsehen und Bücher

Das Leben ist im Umbruch. Meine Wohnung hat sich eine Landschaft aus Umzugskisten verwandelt. Im Dunklen erkenne es die Silhouette von New York in klein, Wolkenkratzer aus Kisten und Teekannen erheben sich aus tiefen Schluchten, in denen keinen Kisten stehen stehen, damit ich noch durch das Zimmer komme. Es fehlt nur noch eine Miniausgabe eines King Kongs, der sich von Kistenhochhaus zu Kistenhochhaus hangelt, das Radio erklimmt, das mich seit fast zwanzig Jahren begleitet und auf dem höchsten Punkt dieser abenteuerlichen Landschaft zu brüllen beginnt, über Bildern, Kisten, Ventilatoren, die nur darauf warten, verladen zu werden.

Es gab viel zu tun in den letzen Monaten, viele neue Eindrücke, aber keine Zeit und keinen Nerv es aufzuschreiben. Von daher wird dies hier vermutlich ein Beitrag mit vielen Gedanken und keinem roten Faden. Mal sehen, ich werde mich bemühen einen Erzählstrang zu finden, der Gedanken an Gedanke logisch aneinander reiht.

Als Einleitung nutze ich den Tod von Pierre Brice. Das erscheint mir ein guter Einstieg.

WINNETOU III (BRD, Jug., 65) Pierre Brice, Lex Barker / Karl May / Western (Winnetou 3)
WINNETOU III (BRD, Jug., 65) Pierre Brice, Lex Barker / Karl May / Western (Winnetou 3)

Also:

Pierre Brice ist tot. Das ist der Schauspieler, der Winnetou in den 60ern gespielt hat und ich befinde mich nun in Trauer. Das heißt, nicht richtig. Ich bin aus dem Groupie – Alter rausgewachsen. Aber ich sage augenzwinkert, dass ich in Trauer bin. Winnetou war in meiner Jugend mein Mentor, mein Idol. Inzwischen bin ich alt genug um Schauspieler und Rolle zu trennen. Der Verstand kann das ganz klar trennen. Aber dennoch hat mein Winnetou das Gesicht von Pierre Brice. (Auch wenn das nicht das Gesicht ist, das Karl May beschrieben hat. ) Und es war Pierre Brice, den ich angehimmelt habe, wie es nur Jugendliche können.

Der Tod brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was Idole für Jugendliche sind. Wie es sich anfühlt, jugendlich zu sein. Aus dem Abstand von fast zehn Jahren. Mein jugendliches Ich würde dem jetzt natürlich widersprechen. Das ist so die Art von Jugendlichen. Aber ich vermute, dass es tatsächlich  Winnetou war, der mir, als ich hilflos zwischen den Wogen des Erwachsenwerdens hin und hergeworfen wurde, half mich zu orientieren. Karl May macht es einem sehr einfach. Er ist der „Lehrer seiner Leser“. Aber wenn man jung genug ist, merkt man nicht, was für eine naive, kindliche Weltsicht er predigt. Ich erinnere mich, dass ich mich gefreut habe, dass mir jemand die Welt erklärt. Als Jugendlicher möchte man nur wissen, wie die Welt funktioniert und man sucht sich Idole und Vorbilder.

Man sollte im Unterricht viel mehr auf die Idole der Jugendlichen eingehen und darüber sprechen, wer beeindruckt und wieso. Wir haben das so gut wie garnicht gemacht. Aber ich weiß, wie ich mich zu orientieren versuchte, wer ich sein möchte und was ich tun möchte. Ich orientierte mich an an dem, was mich umgab: fiktive Figuren aus Film und Buch. Aber das ist ja nichts Schlechtes. Vorbilder sind immer idealisiert und keine Figur ist so idealisiert wie eine fiktive Figur.

Ich denke, dass Jugendliche viel von Erzählungen geprägt werden. Denn auch das Leben eines Schauspielers ist eine Erzählung. Keiner kennt alle Facetten des Lebens von Julia Roberts. Nur Julia Roberts. Aber auch das Leben meiner Mutter ist für mich nur eine Erzählung, weil ich nicht alles kenne. Sie wird in meinem Kopf zu einem Menschen mit weniger Facetten als sie hat, weil ich sie nicht rund um die Uhr kenne.

Also Jugendliche werden von Erzählungen geprägt.

Aber Erwachsene auch. Weniger als doe Heranwachsenden, weil wir in uns gefestigter sind und wissen, was wir gut und was wir schlecht finden. Aber wir finden nur das gut, das wir kennen.

Neuer Gedanke, neuer Absatz.url

Ich schaue „Grey’s Anatomy“ und bei allem, was sich an dieser Serie kritisieren lässt, fällt mir positiv auf, dass es viele Frauen gibt, die Chirugen sind.  Mein erster Eindruck war: wie unrealistisch, dass es in diesem Krankenhaus so viele Frauen in wichtigen Positionen gibt. Aber dann kam mir, darum geht es. Es muss nicht realistisch sein. Aber wünschenswert.

Ich bin überzeugt, dass Frauen alle Berufe wie Männer machen können.  Aber es gibt unterbewusste Lernprozesse. Wenn mich immer Männer behandeln, ich im Krankenhaus nur männlichen Chirugen begegne, es Männer sind, die weiterempfohlen werden, dann werde ich skeptisch, wenn sich eine Frau hinstellt und sagt: „Ich operiere Sie jetzt.“

In „Grey’s Anatomy“ werden diese Vorurteile abgebaut. Ich weiß: das ist fiktiv. Ich weiß, so sieht die Realität nicht aus. Aber ich sehe Frauen, die operieren und Leben retten und plötzlich kommt mir es ganz natürlich vor, dass Frauen operieren. Filme (und natürlich auch Bücher) können Vorurteile abbauen. Denn auch wenn Erziehung nicht mehr das oberste Ziel ist und auch wenn es viel subtiler ist als in der Aufklärung, so freunden wir und doch mit den Figuren an, machen Sie manchmal unbemerkt zu unserer Familie. Wenn wir genug Zeit mit ihnen zubringen können Sie für uns realer werden, als unsere Nachbarn.

In „Grey’s Anatomy“ werden so Vorurteile gegen weibliche Chirugen abgebaut, aber auch gegen Homosexuelle und Transsexuelle, die überdurchschnittlich auftauchen und immer positiv dargestellt werden.

Natürlich ist die Macherin von „Grey’s Anatomy“ nicht die erste, die sichdurch eine Serie für Toleranz und so einsetzt. Gene Roddenberry hat das mit seinem „Star Trek“-Universum vielseitig vorgemacht. Aber als eingeschworener Star-Trek-Fan habe ich es bei Star Trek erwartet. Dass Serien grundsätzlich auch mit flachen Geschichten positiv prägen, war dagegen eine neue Erkenntnis.url2

Aber das machte mir die Serie „Orphan Black“, die ich auf jeden Fal empfehlen würde, schon wegen der grandiosen Hauptdarstellerin, noch symphatischer. Die Hauptfigur hat einen schwulen Bruder, der durch und durch eine positive Figur ist. Schwule hat man im Fernsehen gesehen. Aber jemand der so feminin schwul ist, wie Felix ohne zu einer Witzfigur zu verkommen, ich kann mich nicht erinnern so etwas gesehen zu haben. Ich finde das gut!

Ich finde Serien und Filme sollten darauf ausgelegt sei, Vorurteile abzubauen. Dass es dann Filmclips gibt wie diesen hier:

finde ich schrecklich!

(Ich werde nicht mehr dazu schreiben. Sonst rege ich mich furchtbar auf und benutze böse Wörter 😉 )

Da ich grade dabei bin, würde ich hier Werbung für diese Unterschriftenaktion machen:

 

https://www.campact.de/gleichstellung/appell/teihttps://www.campact.de/gleichstellung/appell/teilnehmen/?utm_term=inside-flow&utm_medium=recommendation&utm_campaign=%2Fgleichstellung%2Fappell&utm_source=rec-fb&utm_content=random-alnehmen/?utm_term=inside-flow&utm_medium=recommendation&utm_campaign=%2Fgleichstellung%2Fappell&utm_source=rec-fb&utm_content=random-a

 

So etwas mache ich eigentlich garnicht. Aber in diesem Fall bin ich mehr oder weniger persönlich betroffen und habe jemandem versprochen, dass ich ganz viel Werbung mache. 😉

Das war es jetzt für heute. Ich peppe das alles jetzt noch mit Bildern  auf, damit es nicht nur ein furchtbar langer Beitrag ist. 🙂

Vielen Dank, falls du bis hierhin gelesen hast und bis bald!

Liebeserklärung an den Frühling III

Es riecht nach etwas, das Frühling werden könnte und das Leben kehrt zurück. (Wie die Liebesgeständnisse an diese Momente.) Mehr als andere Menschen – so mein Eindruck – krieche ich, wenn der Frühling anklopft, aus einem Konkon und betrachte mich, das Leben und die Zukunft ganz neu. Ich sitze am offenren Fenster, hungrig nach Leben. Als sei ich eben erst zur Welt gekommen unde bereit nun alles zu erfahren und auszuprobieren.