Häuserbau

Ich suche und finde Grenzen. Ich stecke das Gebiet ab. Und lerne zu akzeptieren, dass niemandem die ganze Welt gehören kann. Auch mir nicht. Als Kind ermutigte man mich, hinaus zu gehen, meine begrenzten Fähigkeiten zu erweitern und ich stellte mir vor, Charakterzüge an mir zu finden, die ich noch nicht kannte, Fähigkeiten, die ich bewunderte. Ich ging zur Schule und dann ging ich studieren. Und vor allem letzteres lehrte mich sehr viel. Viel über Geschichte und Germanistik. Aber noch sehr viel mehr über mich. Ich probierte mich aus. Eine Weile tat ich nichts für die Uni. Dann zu viel. Ich stellte fest, dass beides nicht gut ist. Ich fand Grenzen, die meines eigenen Lerntempos, die meiner Auffassungsgabe. Und jetzt lerne ich, dass es  Grenzen gibt und es nicht gesund ist, sie nicht zu akzeptieren.

Ich versuchte mich als Oberstufenlehrerin und stellte auch da fest, dass es klare Grenzen gibt, die ich akzeptieren sollte.

Ich versuchte mich als Nachhilfelehrerin und lernte etwas über Grenzen, aber auch Möglichkeiten und Fähigkeiten. Sind die Kinder klein genug, bin ich gut, in dem, was ich tue.

Ich versuchte mich als Laienschauspieler, als Regisseur, als Gruppenleiterin. Und erwarb Fähigkeiten, die ich kaum für möglich gehalten hätte, gewann eine Portion Selbstvertrauen und fand dennoch Grenzen. Und ich stelle fest, dass das Überschreiten sehr anstrengend und unbefriedigend ist. Ich stecke ab. Was kann ich, was kann ich nicht. Ich lerne zu akzeptieren, dass es auch in dieser Ecke Grenzen gibt.

Ich komme mir vor, als würde ich ein Grundstück ablaufen, mit Stöcken und einer Schnur und schauen, wo der Boden sumpfig wird. Ich stecke ab, suche und finde Grenzen und wenn ich das getan habe, werde ich nur auf dem Grundstück meiner Fähigkeiten ein Haus bauen. Ich werde mich erholen, von den Strapazen der Selbstfindung und dann wieder zu den Grenzen laufen, um zu schauen, ob der Boden weniger sumpfig geworden ist, mein Grundstück etwas größer. Aber ich bin alt genug und klug genug, nicht auf dem Moor meiner Unfähigkeiten eine Hütte aufzubauen.

Die Erkenntnis, dass es Grenzen gibt, und es keinen Sinn macht, gegen die Natur zu kämpfen ist wunderschön. Das hat sich verändert zu früher. Ich höre auf, auf dem moorigen Boden zu laufen, ich höre auf, dagegen anzukämpfen. Ich stelle fest, nein, hier gefällt es mir nicht, stecke einen Stock in den Boden, spanne die Schur, gehe fröhlich pfeifend weiter und beglückwünsche mich zu meinem erwachsenen Betragen.

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Wenig Bedauern

Die Weihnachtsferien neigen sich einem Ende. Meine To Do Liste für die Uni ist kaum kürzer geworden. Ich habe Leute besucht, gelesen, geschlafen. Mein antrainiertes Gewissen schimpft. Aber ein anderer Teil meines Gehirns stellt fest, dass die Kreativität hin und wieder vorbeischaut und freut sich riesig. Manche Dinge integrieren sich plötzlich wie von selbst wieder in den Tag. Das Tagebuch schreiben, das Texte überarbeiten, das Lesen. (wenn auch Stephen King statt  den zu lesenden Thomas Mann). Wenig überragendes bisher. Aber das wäre eine Frage der Zeit.

Es ist interessant, wie die Kreativität dann kommt, wenn sonst nur Stillstand vorherrscht. Absolute Ruhe. Im Getriebe der Uni geht sie völlig verloren und kommt dann wieder, wenn man Woche um Woche in den Tag hineinlebt.

Heute: Mein Traum von einer besseren Welt

Ich träume von einer Welt, in der Menschen leben. Keine Roboter, die nach Effizienz ein – und aussortiert werden. Ich träume von einer Welt, in der nicht, wie in der unsrigen, alles nach Leistungsdenken funktioniert. In der dieses Denken nicht ansteckend ist.

In der man es nicht überall findet und es manchmal den Gedanken nahelegt, dass Luft anhalten, über die Besinnungslosigkeit hinaus, das beste Mittel sein könnte, um keine Schuld auf sich zu laden.

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Ich werde diesen Gedanken ausführen. Zunächst : die Bildung. Es ist ein System, das unglaublichen Druck ausübt. Der Mensch wird messbar gemacht, in Noten gedrückt, sein Wert danach berechnet. Das ganze Gerede von „Persönlichkeit ist wichtiger als die Noten“ ist Schmarn. Mir zumindest hat noch nie jemand gesagt: „Deine Noten sind jetzt nicht so toll. Aber du besitzt eine wunderbare Persönlichkeit. Du bist eine große Bereicherung für uns.“

Ein Gymnasiast mit einem Einserschnitt scheint für die Gesellschaft von mehr Bedeutung zu sein, als ein Förderschüler. Gymnasiasten machen ihre Eltern stolz, von ihnen wird etwas Großes erwartet. Und jeder möchte sich nützlich fühlen, jeder möchte hören, dass er gebraucht wird. Also versucht jeder ein  Einser- Gymnasiasten zu sein. Die einen schaffen es, die anderen nicht. Viel besser kann man Scheitern und Nicht-Scheitern nicht zu Papier bringen.

Bähm: Leistungsdruck ohne Ende oder Resignation. Begabungen, die sich nicht mit Noten messen lassen –  gutes Zuhören, ruhiges ausgeglichenes Gemüt, Rücksicht –  werden nicht wahrgenommen.  Der Mensch ist, was er an Noten bringt. Sein Wert, sein Ansehen in der Gesellschaft lässt sich daran messen. Charaktereigenschaften bleiben außen vor.

Dazu kommt eine gewisse Verlogenheit, weil zu viel erwartete wird. Man soll dazu befähig werden, die Gesellschaft weiterbringen, Erfindungen zu machen, kreativ zu  denken, Probleme zu lösen, Wir alle sollen nützliche Mitglieder werden. Aber wenn gespart wird, dann an den Unis und den Schulen. Viel Leistung, wenig Geld. Auf Dauer wird das nicht gutgehen.

Und in diesem Denken bin ich noch Opfer. Bin die Generation, von der viel erwartet wird, in die aber wenig investiert wird.

Aber ich stelle fest: Der Anspruch, viel bekommen zu wollen ohne viel zahlen zu müssen, ist ansteckend und ich bin infiziert.

Ich möchte, dass meine Pakete möglichst schnell und möglichst billig von A nach B kommen. Ich weiß, dass das auf Kosten der Postboten geht, die schlecht bezahlt werden. Ich könnte Alternativen zu Hermes etc. suchen. Teurer und langsamer, aber fairer…

Amazon drückt die Preise. Eigentlich sollte man, um den Einzelhandel zu stärken, in kleinen Läden einkaufen. Aber das wäre teurer und käme nicht so bequem mit der Post nachhause…

Bei einem Großteil meines Essens kann ich davon ausgehen, dass irgendwer darunter leidet. Entweder die Tiere oder die Bauern. Ich kann auf verschiedenes achten, aber dennoch muss ich bei jedem Einkauf davon ausgehen, dass ich Schuld auf mich lade. Ich lebe damit. Ich rede mir ein, ich könnte es mir sonst nicht leisten…

Leben bedeutet Schuld auf sich laden. Zum Teil, weil ich sonst alles hinterfragen müsste , zum anderen, weil ich bequem bin.

In meinem Denken hängt das alles miteinander zusammen. Alles muss schnell gehen, billig und trotzdem gut sein. Keiner hat mehr Luft zum Atmen. Keiner möchte Fragen stellen. Fragen stellen, bedeutet, sich seiner Schuld bewusst zu werden. Keiner möchte, dass Fragen gestellt werden. Wer Fragen stellt, könnte auf die Idee kommen zu protestieren, könnte sich verweigern. Verweigerung bedeutet weniger Geld, bedeutet Schwierigkeiten. Bedeutet langsames Funktionieren, bedeutet teuer und trotzdem nicht so gut. Bedeutet Reklamation und Schwierigkeiten.

Ich stelle fest, dass ich noch in Revolutionen denke. In Schwarz-Weiß. In Verweigerungen. Ich denke noch utopisch, träume von einer Welt, in der es Stellenanzeigen gibt, in denen etwa steht:

„Wir wollen Dich mit all deinen Begabungen und Schwächen.

Wir wollen Dich als Menschen mit Vergangenheit und Träumen.

Wir suchen genau Dich!“

Ich stelle mir vor, dass der Leistungsdruck und die Anpassung, die Resignation –irgendeinen Tod muss man sterben- nur ein böser Traum ist. Dass es eine Welt geben kann, ganz ohne diese Einsichten. Aber ich bin inzwischen alt genug, um zu verstehen, dass man sich anpasst. Dass ich eines Morgens aufwachen werde und die Welt so nehmen, wie sie ist. Ich werde nicht mehr von einer Welt träumen, in der es kein Leistungsdenken gibt, sondern es als gegeben hinnehmen. Und irgendwann werde ich vielleicht jemand sein, der sagt: „Das muss so sein, Das war früher auch so.“

Und ich werde meine utopischen Kinder in dieses Korsett zwängen, in das ich gezwängt wurde und vor mir meine Eltern, weil nur bestehen kann, wer geschnürt ist.

In Wut und Prüfungsstress geschrieben

Ich bin unendlich wütend und unendlich enttäuscht.

Eine gute Uni wäre ein Ort, an dem man liest, sich über das Gelesene unterhält, mehr liest. Man ist eine Ansammlung von Menschen, mit ähnlichen Interessen und Ziele, die sich in einem gewissen Zeitraum nur damit zu beschäftigen, gebildet zu werden. Aber Bildung ist mehr als Wissen. Bildung ist die Fähigkeiten einen klugen Gedanken zu haben, ihn zu formulieren, ihn zu diskutieren. Damit am Ende Erkenntnis steht. An der Uni wird geredet, es wird diskutiert, aber alles eingeengt, eingesperrt in Regeln. Ich habe das Gefühl niemand fragt: Was denkst du darüber? Die Belesenen werfen mit Zitaten um sich, die nicht gut Belesenen schweigen und malen Kreise aufs Papier. Eine Diskussion dauert niemals länger als 90 Minuten. (Realistisch betrachte sind es 10 Minuten am Ende eines Seminars.) Das Thema wird nicht erneut aufgegriffen, keiner kümmert sich mehr darum. Ich komme nachhause und führe die Debatte in einem Monolog weiter, weil es mich aufgewühlt hat, und mir der Gesprächspartner fehlt.

Antworten werden in der Schulmanier gegeben. Jeder sagt

das, was er glaubt, dass der Dozent hören möchte. Und wenn es das falsche ist, lenkt man 180 Grad ein und widerspricht dem, was man noch gesagt hat.

Uni ist eine Ansammlung von Prüfungen und Leistungsnach

weisen. Man arbeitet sie Station für Station ab. Ich verbringe vier bis sechs Wochen in Gesellschaft von Terroristen, lese Bücher über Meinhof, wäge ab, schreibe, lese, denke. Sechs Wochen, dann schreibe ich alles auf, lese es Korrektur und gebe es ab. Keiner hat vorher mit mir das Thema diskutiert, niemand währenddessen und danach fragt auch keiner mehr darüber. Und ich möchte doch mehr als meine Meinung. Ich möchte wissen, was der Dozent zu dem Thema denkt, was die Kommilitonen denken. Aber es gibt eine Note: Zack. Abgehandelt. Keine Diskussion.

Das macht mich so wütend, dass ich heulen könnte. Wo ist da Erkenntnis?

Ich hasse die Prüfungsregelungen. Es sind zu viele Prüfungen. Sie töten alles ab: Motivation, Interesse für anderes und jede Kreativität. Studieren ist das Einlernen von Denkweisen und Schreibweisen und eine endlose Reproduktion.  Warum variiert man nicht, Hausarbeiten, Prüfungen, Diskussionen, Essays, Reden. Weniger Prüfungen und dafür mehr Abwechslung.  Warum müssen es immer und immer wieder Hausarbeiten sein, in denen wir das, was andere gesagt haben, vernetzen und das Wort „Ich“ niemals nennen.

Ich will ein Studium mit mehr „Ich“, mit mehr Meinungsbildung. Mehr Diskussion. Mehr Themen, die nicht eingestaubt sind. Ich wünsche mir eine Uni, die lebendiger ist. Dozenten, die mehr fragen, und Studenten, die nicht, von Prüfungen erdrückt, völlige desinteressiert sind

Mein Studium neigt sich einem Ende und ich sitze hier und bin heule vor Wut, weil ich endlich              realisiere, was das Bachelorsystem mit dem Studium gemacht hat. Ich heule vor Hilflosigkeit. Vor Enttäuschung. Weil ich die Uni verlassen werde, ohne dass Gefühl zu haben, das Beste daraus gemacht zu haben.

Und jetzt werde ich, während ich mir immer wieder resigniert über das Gesicht fahre, die Texte für das Seminar  lesen. Damit ich Inhaltfragen beantworten kann, dem Dozent die Antworten geben, die er vielleicht erwartet und in den letzten drei Minuten mich an einer Diskussion beteiligen, die aufhören wird, ehe sie angefangen hat. Aber was soll‘s, wer braucht eine eigene Meinung?