Öhm…

Ich bin Waldorflehrerin. Lehrerin bin ich mit Leib und Seele. Waldorf habe ich mir im Vollbesitz meiner geistigen Fähigkeiten ausgesucht. Trotzdem laufen eine Reihe Unterhaltungen so ab:

Ich: „Falls ich dahinziehe, muss ich immernoch ein ganzes Stück zur nächsten Waldorfschule pendeln.“

Mein Gegenüber: „Oder du findest eine Stelle an einer normalen Schule. Kannst du da auch noch arbeiten?“


Oder:

Ich: „Ich bin Waldorflehrerin.“

Mein Gegenüber: „Schön. Ist sicher interessant. Kannst du irgendwann wieder an einer normalen Schule arbeiten?“

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Als habe ich mich da aus Versehen hinverirrt…

 

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Was grade so aktuell ist…

Guten Tag lieber Blog. Guten Tag liebes Leben. Einatmen und Ausatmen. Der Bär und ich haben unsere Sachen gepackt und sind wieder umgezogen. Der Bär war nicht so zufrieden damit. Das hat mich nicht überrascht. Der Bär reist nicht gerne. Neues Haus, neue Baustelle, neues Leben, neues Glück. Wenn das Jahr zuende geht, wird es kaum noch dem gleichen, das begonnen hat. Das ist gut.

Ich bin jetzt Waldorflehrerin. Viele mögen ihr Leben lang von ihrem ersten Auto oder ihrer ersten großen Reise geträumt haben. Ich glaube, ich habe immer schon von meiner ersten eigenen Klasse geträumt. Morgens stehe ich an der Tür, um alle Kinder zu begrüßen und freue mich so, hier zu sein, in der kleinen Schule mit den wunderbaren Kindern. Ich freue mich, dass ich mir überlegt habe, was wir heute machen und morgen und dass alles irgendwie läuft. Ich liebe meinen Beruf und kann noch nicht ganz fassen, dass ich dafür wirklich Geld bekomme. Ich möchte in Zukunft gerne ein bisschen mehr über Waldorf schreiben. Manchmal bin ich superkritisch. Manchmal ganz verliebt.

Ich fahre jetzt auch Auto. Das habe ich früher schon getan. Aber nicht so häufig. Jetzt pendle ich und habe soetwas wie „Auto“-Geschichten, Situationen, die für mich emotional waren, aber für den Zuhörer nur eine Ansammlung von nicht Erzählenswerten. Jedenfalls nicht, solange man nicht übermüdet und ziemlich betrunken um vier Uhr morgens irgendwo herumhängt und redet, um nicht einzuschlafen. Aber ich erzähle diese Autobegebenheiten beim Kaffeetrinken. Sowas wie: „Heute habe ich den Mopedfahrer um 6:45 überholt.“ Dieser Mopedfahrer, der Morgen für Morgen überholt werden muss, meistens aber erst um 6:55, an einer besondrs kurvigen Stelle mit besonders viel Gegenverkehr,  ist seit Anbeginn meiner Pendelzeit DAS Thema beim Essen. Aber selbstverständlich nur für mich.  Darüber möchte ich in Zukunft hier nicht so viel   schreiben. Weil es wirklich nicht interessant ist, in welcher Kurve ich ihn um wieviel Uhr überholt habe.

Außerdem war zumindest in meinem Bekanntenkreis das Jahr 2016 das Jahr der Trennungen und mit der Tragik eines Teenagers und dem analytischen Geist eines Wissenschaftlers habe ich meine eigene Trennung von jenem Menschen beobachtet, der ziemlich lang ziemlich viel für mich war. Darüber habe ich einen Beitrag geschrieben, den ich seit Monaten überarbeite. Das war meine erste Trennung und die Versuchung war ziemlich groß, anzunehmen, dass nie jemand vor mir und nie einer danach solchen Schmerz erlitten hat. Was sich als Unfug herausstellte, sobald ich mit offen Augen durch die Welt gegangen bin. Trotzdem noch immer ein Thema, das mich fasziniert, wenn es mich auch nicht mehr völlig in Anspruch nimmt.

Ich bin 27 geworden. Es gab mal eine Zeit, in der ich annahm, wenn ich erst 27 sein würde, hätte ich Kinder, Mann und ein Haus. Stattdessen stehe ich in dem neuen Leben. Atme ein und atme aus. Manchmal denke ich darüber nach, wo ich bin, wo ich sein könnte und wo ich war und ob es gut ist, nicht mehr dort zu sein. Das Älter-Werden ist noch immer Thema. Daran wird sich vermutlich nie etwas ändern, denn damit hört man ja nicht auf…

 

Die ersten Wochen unter Waldis

Blick nach der ersten Woche:

Am ersten Tag – Montag – kam ich nachhause. Alle fragten: wie war es, ich sagte: weiß nicht. Wir haben zusammen gesungen. Jeder neue bekam eine Sonnenblume geschenkt. In den Vorträgen, die gehalten wurden, ging es um uns in der Welt, nicht darum, wann wir welche Leistung zu bringen hätten. Den Dozenten sah man an, dass dieser Tag ihr Herzblut war. Ich glaube nicht, dass sie eine Pause gemacht haben. Aber sie beklagten sich nicht, als sie meiner Gruppe – der letzten – zum dritten Mal erklärten, wie sich die kommenden Wochen gestalten. Das Gefühl, dass es einen Unterschied macht, ob ich bin, oder nicht, irritierte mich zutiefst.

Die Erstiwochen gestalten sich so: 90 Minuten Kunst, Pause, 90 Minuten Einführung in das Schulwesen, 90 Minuten Kunst. (Kunst = Sprachgestaltung o. Musik o. Eurythmie o. Malen). Wir wurden eigeteilt und werde am Ende der drei Erstiwochen alles gemacht haben. Jetzt habe ich drei Tage Sprachgestaltung gemacht. Das bestand zum Teil aus Laufübungen (wie laufe ich?), wie spreche ich? wie erzähle ich?Ach und Rythmus natürlich. Das wird noch ein Spaß. Rythmus ist nämlich nicht meins. Zu allem gab es Gedankenanstöße, keine Belehrungen. Und alle waren so bemüht uns miteinander vertraut zu machen, dass wir nicht nur nach kürzester Zeit die Namen konnten, sondern auch die Berührungsängste verloren. Selten hatte ich so wenig Angst mich zum Affen zu machen, wenn Fremde zusahen.

Gestern haben wir gemalt. Aufgabe: Teilt euch in Zweiergruppen. Interviewt einander eine halbe Stunde. Überlegt euch dann, welche Farbe der andere ist. Ist er überwiegend rot, vielleicht mit ein bisschen blau? Malt es.

Innerhalb von einer Woche kenne ich die meisten Komillitonen besser als jene Leute mit denen ich ewig studiert habe.

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Blick nach der zweiten und dritten Woche:

Ich habe ich es wissentlich vermieten etwas zu schreiben. Selbst wenn ich dazu gekommen wäre. Ich dachte, wenn ich in diesem Bereich arbeiten möchte, ist es nicht gut den Kulturschock öffentlich in die Welt hinaus zu schreiben. Vorallem weil nicht absehbar war, ob er auch wieder vorüber geht.

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Blick nach der vierten und fünften Woche:

Nicht was wir den ganzen Morgen machen ist erzählenswert, sondern was das mit mir macht. Ich vermute, dass dieser fehlende Blick zu meiner zweiwöchigen Krise führte. Ich kam nachhause und hatte den Eindruck, dass ich nicht viel mehr weiß als am Morgen. (Was  eine sehr pessimistische Sicht auf den Gang der Dinge ist und bei nährere Betrachtung nicht zu halten.) Aber wenn ich beobachte, wie ich mit mir und der Welt umgehe, hat sich doch viel getan. Ich sehe während den Zugfahrten Fremden viel mehr ins Gesicht und verschenke freundliche Lächeln, die oft erwidert werden. Ich glaube, ich kann mein Gegenüber viel mehr so annehmen wie er ist, als das vorher der Fall gewesen ist. (und da wo ich es nicht kann, arbeite ich daran.)  Mir fällt auf, wie sehr ich mich über das Leben wundere und entzücke.

Das sind alles Dinge, die nicht neu sind. Sonst hätte ich mich vermutlich nicht so stark und so schnell zu Waldorfschulen hinzugezogen gefühlt. Aber ich habe das Gefühl, dass sich diese Charaktereigenschaften in mir fester verwurzeln.

Letztes Wochenende waren wir auf einer Hochzeit, auf der getanzt wurde – wie das nun mal vorkommt bei Hochzeiten. Das mich selbst überraschende war, dass ich nicht wie üblich mich auf einen Stuhl gesetzt, das Treiben fasziniert beobachtet habe, sondern mitgetanzt habe. Was ich wirklich sonst kaum gemacht habe. Ich schiebe es auf den Einfluss des Studiums. Wir haben die Kunsteinheiten (momentan habe ich Musik und Eurythmie) und bisher ist mir noch nicht passiert, dass jemand gesagt hat : „Du kannst das nicht!“ Und ich verliere all die über die Jahre gesammelten Ängste, was die Leute wohl denken wenn ich singe oder tanze. Ich ertappe mich dabei, wie ich mir gegenüber sage: „das werde ich nie können“ und dann der zweite Gedanke kommt: „Woher weißt du das? Vielleicht kannst du es doch, wenn du keine Angst hast, es falsch zu machen.“ Nicht herausragend, das glaube ich nicht. Aber beim Singen und Tanzen würde mich das normale Mittelfeld schon sehr freuen.

Was ich an der Hochschule wirklich mag, ist dass sie mir nicht so verlogen vorkommt wie andere Institutionen. Sie sagen: „nehmt die Kinder wie sie sind“ und sie nehmen auch uns, die Studenten, wie wir sind. Sie bemühen sich um unsere Namen, erfragen Teile unserer Lebensgeschichte und geben Hilfestellung. Das Miteinander an der Hochschule besteht darin, dass jeder schaut, wie er sich einbringen kann. Es gibt Küchen- und Putzdienste, Gartentage für das Grün drumherum. Der erste am Morgen setzt Kaffee auf für alle anderen. Es ist ein Miteinander, mit Interesse füreinander.

Ein Großteil der Lehrveranstaltungen ist durchdrungen von Philosophie. Viel von Steiner. Natürlich. Aber so viel von allen anderen, dass ich das Bedürfnis habe mir einen Überblick darüber zu verschaffen, was wer wann gedacht hat. Das finde ich wundervoll, da ich gerne Philosophie studiert hätte, aber davon kann ja kein Mensch leben….

Fazit nach der fünften Woche: ich freue mich auf die sechste Woche, freue mich über die Anregungen, über die Welt nachzudenken und über mich. Bin gespannt was es weiterhin mit mir macht.

 

 

 

 

Montag ist der große Tag!

Heute ist Samstag. Noch zweimal schlafen, dann beginnt mein Waldorflehrer-Studium. Zum Glück war ich überzeugt, als ich mich dort eingeschrieben habe. Momentan finde ich den Gedanken  mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln einer fremden Stadt herumzuschlagen, um fremde Menschen kennen zu lernen und ein neues Studium zu beginnen wenig einladend. Aber Neues hat ja fast immer etwas Abschreckendes an sich. Also kommenden Montag – oder übermorgen, wie Papa  passend ausdrückte – ist der erste Tag. Eine Einführungsfeier, die die Begrüßungswochen einläutet. Auf dem Plan steht neben den Reden und Informationen, die einem zuteil werden auch „Gemeinsames Singen.“ Wenn ich den Plan der Wochen richtig interpretiere bestehen die ersten Wochen aus Malen, Musik, Sprachgestaltung (was immer das sein mag, vielleicht Theater?) und Eurythmie (= eine Art Ausdruckstanz, der dafür verantwortlich ist, dass man jeden Waldorfschüler fragt, ob er mal seinen Namen tanzt.)

Ich bin ein kreativer Mensch, der jahrelang Flötenunterricht hatte. Ich habe immer gerne gemalt und wenn keiner guckt, tanze ich auch. Ich finde es sehr wichtig, dass Kinder Zugang zu ihren künstlerischen Fähigkeiten bekommen und das gewürdigt wird.

Aber als ich auf dem Plan gelesen habe, dass ich auch in den Genuß kommen soll, zu musizieren und zu malen, war ich eher unmotiviert. Und ich frage mich: Warum? Wenn ich doch möchte, dass Kinder das machen. Betone, wie wichtig das ist. Warum? Wenn ich es immer gemacht habe, es meiner Persöblichkeit also nicht zuwider läuft. Warum? Wenn das die Gründe sind, wieso ich mich für ein zweites Studium entschieden habe? Warum denke ich bei „Gemeinsames Singen“, dass das nach Kindergarten klingt oder Gottesdienst, wenn ich mich bei den staatlichen Schulen darüber beklage, dass es nur um Leistung geht? Warum denke ich, wenn ich den Plan lese: „Und wann beginnt das richtige Lernen?“

Zwei Dinge mache ich dafür verantwortlich.

Erstens, dass ich Tanzen, Musik und Malen mit Noten in Verbindung bringe. Ich mache es gerne aber nichts davon außergewöhnlich gut. Im Gegenteil bei Musik und Tanzen habe ich ein hervorragendes Untalent unter Beweis gestellt. Ich hatte genug Kunstlehrer, die mir beigebracht haben, dass ich mit wenig Talent gesegnet bin, sodass ich grundsätzlich betone, nicht malen zu können. Wenn ich es dann doch tue, sind die meisten überrascht, dass es nicht so schlecht ist, wie nach meinem Getue anzunehmen gewesen wäre.

Zweitens bin ich so geprägt auf: Leistung! Noten! Wissenschaft! dass es mir sehr komisch erscheint, wenn erwartet wird, dass ich mich selbst ausdrücke, wenn es um das Miteinander geht und nicht darum wer der Beste ist. Tanzen, Singen und Malen sind Dinge, die ich unbewusst mit dem Kindergarten verbinde, in dem es vor zwanzig Jahren noch nicht darum ging, ob man gut genug ist. (Heute ist das anders, heute wird regelmäßig abgeglichen, ob das Kind schon die Farben kann, schon zählen kann, ob es wie die Altersgenossen lange genug sitzen bleibt, alles wird protokolliert und analysiert.)

Meine Skepsis gegenüber Tanzen, Singen und Malen als erwachsener Student in aller Öffentlichkeit liegt nicht in meiner Persönlichkeit, sondern in dem, was ich gelernt habe, wie die Welt funktioniert. Seit ich in die Schule gekommen bin – was jetzt auch schon zwanzig Jahre her ist –  wurde mir beigebracht, dass ich das bin, was ich kann. Selbstentfaltung kann man zuhause machen, wenn man möchte. Aber wichtig ist, was man weiß, welche Noten man hat.

Das werde ich umlernen müssen. Nicht nur für mich. Auch für die Kinder. Wichtig ist, wer der Mensch ist. Wichtig ist, dass er sich mag und mit den anderen Menschen klar kommt. Das soll die Schule beibringen. Dazu gehört Tanzen, Singen und Malen. Von daher: Willkommen erste Woche! Willkommen neuer Lebensabschnitt! Willkommen neue Impulse!

Mal sehen, was für einen Menschen es aus mir macht.

Ich bin momentan noch ein wenig wie verliebt. Überzeugt, dass das meine Berufung sein könnte. Vielleicht tatsächlich ein Ort an den ich passe. Gefolgt von großen Zweifeln und Skepsis.

(Wenn ich sage, dass ich Waldorfpädagogik studieren werde, sage ich das immer mit einem Lächeln, um dem Gegenüber die Möglichkeit zu nehmen, auf meine ernste und stolze Ansage herablassend zu lächeln. Viel öfter als ich angenommen habe, ist das garnicht nötig. Der Großtteil der Leute erwidert: „wie Interessant.“ „Das ist toll.“ Natürlich gibt es auch Erwiderungen wie „Was sagen deine armen Eltern dazu?“ oder „Dafür must du wirklich studieren?“ oder mein Favorit unter den Vorurteilen: „Waldorflehrer? Das ist leichter als normale Schulen.“  Als würde ich Waldorfpädagogik studieren, weil ich es an einer normalen Schule nicht geschafft habe. Für diese Leute ist das Lächeln. Und für mich – was ich mir kaum eingestehen möchte. In den Tiefen meiner Persönlichkeit gibt es Ecken, die noch viel skeptischere Fragen stellen, nach dem Motto: „Wirklich?! Du möchtest an diesen Hippie-Schule, an der sie keine Noten geben, arbeiten!?“)

Wenn die Verliebtheit schwindet und ich das verlegene Lächeln verliere, werden neben diesen Zweifeln auch die Begeisterungsstürme nachlassen. Ich bin gespannt. Darauf was mich ärgern wird. Auf das Gefühl, wenn ich mich vorstelle mit „Ich bin Waldorflehrerin“. Gespannt, was es mit mir macht.

Für den Moment habe ich die Wochenpläne gedruckt, die Zugverbindung herausgesucht und gezählt wie oft ich noch schlafen muss. Noch Zweimal!

 

 

Unterhaltung mit dem Teddybär

Sack und Pack in Kisten verstaut, alles in einen Transporter geladen, den Teddybär auf dem Beifahrersitz angeschnallt und 200 km durchs Land gefahren. Dort wieder ausgepackt. Der Teddybär sieht sich noch etwas irritiert um. Es  ist lange her, seit er hier war. In Teddybärjahren sind sieben Jahre eine Ewigkeit. „Wozu das alles?“, fragt er und betrachtet sich das Chaos aus Kisten. Die noch nicht aufgebaute Küche und mein Gesicht, das Vorfreude, Zweifel und Überforderung zeigt, je nachdem, ob ich das Gefühl habe, dass ich das mit dem Umzug hinbekomme oder ob das einer der Momente ist, in denen ich bereue alles hinter mir gelassen zu haben und nicht weiß, wohin mit den Kisten und den Möbeln.

Nach sieben Jahren ist eine Rückkehr fast so etwas wie ein Neuanfang. „Wozu?“, fragt der Teddy. Ich strahle ihn an. „Ich weiß jetzt endlich, was ich machen möchte!“

2015-06-13 12.46.07

Der Teddy nickt anerkennend. Schließlich hat er mir die letzten Jahre beim Suchen zugesehen. „Gut“, sagt er und erinnert sich vermutlich, dass ich schon während meines Lehramtstudium hin und hergerrissen war, zwischen dem Gefühl, dass ich gerne unterrichte und der Gewissheit, dass die Schule nicht das Richtige für mich ist. Als ich verkündete, dass ich auf keinen Fall das Referendariat machen möchte, weil das nicht der richtige Weg für mich ist, brummte er nur teddybärtief. Meine Erklärungen, dass ich nicht Teil eines Schulsystems sein wolle, in dem es nur um Leistungsdruck geht, nicht darum einem jungen Menschen bei der Entwicklung zu helfen, nickte er nur ab, auch als meine Stimme immer lauter , meine Gesten immer größer wurden und ich mich wie ein Politiker für eine bessere Welt aussprach.

Teddybären sind stumme Zuhörer. Als mir die Luft ausging fragte er nur, was ich stattdessen machen wolle. Für jemanden, der seit er denken kann, Lehrer werden wollte, ist das eine schwierige Frage. Ich war immer die, die einen Plan von ihrem Leben hatte. Abitur, Lehramtstudium, Lehrer sein. Daran bestand über viele Jahre, fast zwei Jahrzehnte, kein Zweifel. Neuer Plan. Praktika an Praktika. Kindergarten war nicht das Richtige. Das war eine überraschende Erkenntnis, war das doch der Notfallplan gewesen.  Arbeit in der Förderschule könnte ich mir vorstellen. Aber nicht genug, für ein völlig neues Studium. Regieassistent  hätte mir Spaß gemacht, aber es sollte aus verschiedenen Gründen nicht sein. Großer Frust. Kein Ort für mich? Keine Arbeitssstelle, an der ich mich wohl fühle?

Auch der Bär wird sich an die Stimmung erinnern, in der ich mit mir und dem Leben haderte.

In dieser Stimmung von, es muss doch etwas geben, erinnerte ich mich daran, dass mir in meinem Leben immer wieder Leute begegnet sind, die mich fragten, ob ich nicht an einer Waldorfschule unterrichten wolle. Ich hatte das immer von mir weg geschoben, ohne viele Vorstellungen davon, wusste ich nur, dass sie dort ihren Namen tanzen. Aber nach meiner bis dahin eher erfolglosen Suche nach dem, womit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten möchte, griff ich nach jedem Grashalm.

Der Teddy schmunzelt.

Er erinnert sich an meine ersten Tage in dem ersten Praktikum. Ich habe vorher die Theorie der Schulen gelesen, aber es klang alles nach Werbung und mir fehlte die Vorstellung. Als am ersten Praktikumstag in der Schule, die nicht wie eine Schule aussieht, wenn man nur graue Betonblöcke als Schule kennt, ein Lehrer auf mich zukam und mir die Hand reichte, dachte ich nur panisch: „Was möchte er von mir?“

Garnichts.

„Guten Morgen“ sagen. Das macht man dort so. Ein Lehrer steht im Eingangsbereich und begrüßt.

Jeden Tag kam ich nachhause und berichtete fasziniert, was ich neues über Waldorfschule gelernt und was ich beobachtet habe. Der Bär brummte anerkennend, als ich erzählte, dass es Epochenunterricht gibt. Drei Wochen haben die Schüler jeden Morgen zwei Stunden lang ein Fach, Mathe oder Deutsch, oder Geschichte, oder etwas anderes. Nach drei Wochen wechselt es und sie haben das nächste Fach. Von Epochenunterricht ausgenommen sind die Sprachen und Sport. Vermutlich auch Religion.

Es gibt Klassenspiele. In der achten und vermutlich der zwölften Klasse machen die Schüler ein Klassenspiel. Das heißt, sie suchen sich ein Theaterstück, das sie gemeinsam auf die Beine stellen.

Eine Klasse bleibt die vollen dreizehn Jahren zusammen und hat die ersten acht Jahre den selben Klassenlehrer. Damit ist das Verhältnis zwischen Klasse und Lehrer natürlich ein ganz anderes als in Regelschulen.

„Und die Noten?“, brummte der Bär, der sich alles anhörte, aber dennoch skeptisch blieb. „Keine Noten?“

„Ab der neunten“, sagte ich. „Es gibt aber vorher schon Bewertungen. Und im Schnitt machen mehr Waldorfschüler Abitur als an Regelschulen.“ Der Teddy ist nicht ganz überzeugt. Er kennt nur das System von staatlichen Schulen. Auch ich stelle in meinem zweiten Praktikum an einer Waldorfschule fest, dass es mir schwer fällt von dem Leistungsdenken ganz los zu lassen. Viele, viele Jahre hat man mir eingeprügelt, dass ich das bin, was ich bringen kann. Dass Leistung das Wichtigste ist. Obwohl alle sagen, Menschlichkeit und Mitgefühl seien entscheidend, gibt mir keiner Arbeit, nur weil ich freundlich bin. Drückt mir keiner Hochachtung aus, nur weil ich Mitgefühl habe.

Als Kind hätte es mir geholfen, an einer Schule zu sein, die das zu würdigen gewusst hätte, was ich kann und mir nicht immer vor Augen geführt hätte, was ich nicht kann. Wenn meine kreativen Ambitionen honoriert worden wären, nicht nur in kleinen Lichtmomenten, in denen grade Luft zwischen Arbeiten und HÜ’s waren.

„Mir kommt das alles zu schön vor“, sagte ich zu dem Bär. „Der vorherrschende Ton ist freundlich. Alle bemüht. Sie fragen nach, wo ich herkomme, wo ich hin möchte. Sie sagen alle, dass sie gerne Lehrer sind. Ich traue dem nicht.“

Als es in der zweiten Schule, die ich mir ansehe, menschelt, bin ich erleichtert. Dort strahlen nicht alle, man ärgert sich ein wenig übereinander. Aber trotzdem antwortete die Lehrerin, die mich in ihrer Klasse zusehen lässt, die den Beruf seit dreißig Jahren ausübt, nach einem anstrengenden Morgen, als ich sie frage, ob sie es wieder machen würde, mit einem klarten „ja“. Dass sie sich nichts Schöneres vorstellen kann. Obwohl es schlecht bezahlt ist. Die Klassen so groß.

Spätestens damit bin ich für den Beruf den Waldorflehrers gewonnen. Ich kann mir nicht vorstellen ein Jünger von Rudolf Steiner (Begründer der Waldorfschulen) zu werden. Daher macht es mir nichts aus, dass er nicht nur gute Dinge geschrieben und gedacht hat. Aber die Umsetzung von Waldorfschulen, die ich mir angesehen habe, hat mich überzeugt. Die Möglichkeiten, die ein Lehrer hat, Unterricht zu gestalten und mit den Kindern umzugehen.

„Ich denke, ich kann mich dort sehr wohl fühlen“, sage ich zu meinem Teddy, der sich auf dem Sofa niedergelassen hat, das aus dem Transporter in das Wohn-\Arbeitszimmer geschafft worden ist. Er thront dort, wie in der alten Wohnung und sieht zufrieden aus. Jetzt habe ich mich erst einmal für einen Masterstudienplatz beworben, für Waldorfpädagogik. Das alleine sagt schon eine Menge aus. Ich bin bereit, noch einmal zu studieren.

„Ich denke schon“, erwidere ich auf das Brummen des Bären. „Alles hat Nachteile und Schwachpunkte. Ich erwarte nicht, dass ich diese Entscheidung nie in Zweifel ziehen werde. Ich erwarte nicht, dass ich in einem Jahr noch immer strahle und sage, Waldorfschulen seien das Beste auf dieser weiten Welt. Mir wird klar werden, dass sie Nachteile hat und ich werde jammern. Aber darum geht es nicht.“

Der Bär sieht mich fragend an.

„Es geht doch darum, dass mich fünf Wochen Praktikum so überzeugt haben, dass ich jetzt meine, ich müsste umziehen und noch einmal studieren. Es geht darum, dass  ich so viel Freude an der Vorstellung habe, dort zu unterrichten, dass ich diese Strapazen mir, meinen Mitmenschen und dem Teddy zutraue.“

Der Bär nickt widerstrebend. Er ist ein skeptischer Bär und noch immer etwas eingeschnappt, dass ich ihn umgesiedelt habe. Aber er wird sich schon wieder einkriegen, denke ich, und packe Kisten aus.

„Gute Idee“, sage ich zu ihm, als er wieder kritisch brummt. Um ihn aufzumuntern, tue ich so, als hätte er vorgeschlagen, Blogbeiträge über meine Erfahrungen mit Waldorfschulen zu schreiben. Weil die Schüler eben nicht alle nur ihren Namen tanzen.

„Motz nicht“, sage ich zum Bär. „Das wird schön.“

Der Bär zwingt sich ein Lächeln ab.

Aber als ich laute Musik anmache, während ich die Kisten auspacke, verschwindet seine griesgrämige Miene und er brummt behaglich. Er wird unser neues altes Zuhause auch lieben lernen.