Unterhaltung mit dem Teddybär

Sack und Pack in Kisten verstaut, alles in einen Transporter geladen, den Teddybär auf dem Beifahrersitz angeschnallt und 200 km durchs Land gefahren. Dort wieder ausgepackt. Der Teddybär sieht sich noch etwas irritiert um. Es  ist lange her, seit er hier war. In Teddybärjahren sind sieben Jahre eine Ewigkeit. „Wozu das alles?“, fragt er und betrachtet sich das Chaos aus Kisten. Die noch nicht aufgebaute Küche und mein Gesicht, das Vorfreude, Zweifel und Überforderung zeigt, je nachdem, ob ich das Gefühl habe, dass ich das mit dem Umzug hinbekomme oder ob das einer der Momente ist, in denen ich bereue alles hinter mir gelassen zu haben und nicht weiß, wohin mit den Kisten und den Möbeln.

Nach sieben Jahren ist eine Rückkehr fast so etwas wie ein Neuanfang. „Wozu?“, fragt der Teddy. Ich strahle ihn an. „Ich weiß jetzt endlich, was ich machen möchte!“

2015-06-13 12.46.07

Der Teddy nickt anerkennend. Schließlich hat er mir die letzten Jahre beim Suchen zugesehen. „Gut“, sagt er und erinnert sich vermutlich, dass ich schon während meines Lehramtstudium hin und hergerrissen war, zwischen dem Gefühl, dass ich gerne unterrichte und der Gewissheit, dass die Schule nicht das Richtige für mich ist. Als ich verkündete, dass ich auf keinen Fall das Referendariat machen möchte, weil das nicht der richtige Weg für mich ist, brummte er nur teddybärtief. Meine Erklärungen, dass ich nicht Teil eines Schulsystems sein wolle, in dem es nur um Leistungsdruck geht, nicht darum einem jungen Menschen bei der Entwicklung zu helfen, nickte er nur ab, auch als meine Stimme immer lauter , meine Gesten immer größer wurden und ich mich wie ein Politiker für eine bessere Welt aussprach.

Teddybären sind stumme Zuhörer. Als mir die Luft ausging fragte er nur, was ich stattdessen machen wolle. Für jemanden, der seit er denken kann, Lehrer werden wollte, ist das eine schwierige Frage. Ich war immer die, die einen Plan von ihrem Leben hatte. Abitur, Lehramtstudium, Lehrer sein. Daran bestand über viele Jahre, fast zwei Jahrzehnte, kein Zweifel. Neuer Plan. Praktika an Praktika. Kindergarten war nicht das Richtige. Das war eine überraschende Erkenntnis, war das doch der Notfallplan gewesen.  Arbeit in der Förderschule könnte ich mir vorstellen. Aber nicht genug, für ein völlig neues Studium. Regieassistent  hätte mir Spaß gemacht, aber es sollte aus verschiedenen Gründen nicht sein. Großer Frust. Kein Ort für mich? Keine Arbeitssstelle, an der ich mich wohl fühle?

Auch der Bär wird sich an die Stimmung erinnern, in der ich mit mir und dem Leben haderte.

In dieser Stimmung von, es muss doch etwas geben, erinnerte ich mich daran, dass mir in meinem Leben immer wieder Leute begegnet sind, die mich fragten, ob ich nicht an einer Waldorfschule unterrichten wolle. Ich hatte das immer von mir weg geschoben, ohne viele Vorstellungen davon, wusste ich nur, dass sie dort ihren Namen tanzen. Aber nach meiner bis dahin eher erfolglosen Suche nach dem, womit ich meinen Lebensunterhalt bestreiten möchte, griff ich nach jedem Grashalm.

Der Teddy schmunzelt.

Er erinnert sich an meine ersten Tage in dem ersten Praktikum. Ich habe vorher die Theorie der Schulen gelesen, aber es klang alles nach Werbung und mir fehlte die Vorstellung. Als am ersten Praktikumstag in der Schule, die nicht wie eine Schule aussieht, wenn man nur graue Betonblöcke als Schule kennt, ein Lehrer auf mich zukam und mir die Hand reichte, dachte ich nur panisch: „Was möchte er von mir?“

Garnichts.

„Guten Morgen“ sagen. Das macht man dort so. Ein Lehrer steht im Eingangsbereich und begrüßt.

Jeden Tag kam ich nachhause und berichtete fasziniert, was ich neues über Waldorfschule gelernt und was ich beobachtet habe. Der Bär brummte anerkennend, als ich erzählte, dass es Epochenunterricht gibt. Drei Wochen haben die Schüler jeden Morgen zwei Stunden lang ein Fach, Mathe oder Deutsch, oder Geschichte, oder etwas anderes. Nach drei Wochen wechselt es und sie haben das nächste Fach. Von Epochenunterricht ausgenommen sind die Sprachen und Sport. Vermutlich auch Religion.

Es gibt Klassenspiele. In der achten und vermutlich der zwölften Klasse machen die Schüler ein Klassenspiel. Das heißt, sie suchen sich ein Theaterstück, das sie gemeinsam auf die Beine stellen.

Eine Klasse bleibt die vollen dreizehn Jahren zusammen und hat die ersten acht Jahre den selben Klassenlehrer. Damit ist das Verhältnis zwischen Klasse und Lehrer natürlich ein ganz anderes als in Regelschulen.

„Und die Noten?“, brummte der Bär, der sich alles anhörte, aber dennoch skeptisch blieb. „Keine Noten?“

„Ab der neunten“, sagte ich. „Es gibt aber vorher schon Bewertungen. Und im Schnitt machen mehr Waldorfschüler Abitur als an Regelschulen.“ Der Teddy ist nicht ganz überzeugt. Er kennt nur das System von staatlichen Schulen. Auch ich stelle in meinem zweiten Praktikum an einer Waldorfschule fest, dass es mir schwer fällt von dem Leistungsdenken ganz los zu lassen. Viele, viele Jahre hat man mir eingeprügelt, dass ich das bin, was ich bringen kann. Dass Leistung das Wichtigste ist. Obwohl alle sagen, Menschlichkeit und Mitgefühl seien entscheidend, gibt mir keiner Arbeit, nur weil ich freundlich bin. Drückt mir keiner Hochachtung aus, nur weil ich Mitgefühl habe.

Als Kind hätte es mir geholfen, an einer Schule zu sein, die das zu würdigen gewusst hätte, was ich kann und mir nicht immer vor Augen geführt hätte, was ich nicht kann. Wenn meine kreativen Ambitionen honoriert worden wären, nicht nur in kleinen Lichtmomenten, in denen grade Luft zwischen Arbeiten und HÜ’s waren.

„Mir kommt das alles zu schön vor“, sagte ich zu dem Bär. „Der vorherrschende Ton ist freundlich. Alle bemüht. Sie fragen nach, wo ich herkomme, wo ich hin möchte. Sie sagen alle, dass sie gerne Lehrer sind. Ich traue dem nicht.“

Als es in der zweiten Schule, die ich mir ansehe, menschelt, bin ich erleichtert. Dort strahlen nicht alle, man ärgert sich ein wenig übereinander. Aber trotzdem antwortete die Lehrerin, die mich in ihrer Klasse zusehen lässt, die den Beruf seit dreißig Jahren ausübt, nach einem anstrengenden Morgen, als ich sie frage, ob sie es wieder machen würde, mit einem klarten „ja“. Dass sie sich nichts Schöneres vorstellen kann. Obwohl es schlecht bezahlt ist. Die Klassen so groß.

Spätestens damit bin ich für den Beruf den Waldorflehrers gewonnen. Ich kann mir nicht vorstellen ein Jünger von Rudolf Steiner (Begründer der Waldorfschulen) zu werden. Daher macht es mir nichts aus, dass er nicht nur gute Dinge geschrieben und gedacht hat. Aber die Umsetzung von Waldorfschulen, die ich mir angesehen habe, hat mich überzeugt. Die Möglichkeiten, die ein Lehrer hat, Unterricht zu gestalten und mit den Kindern umzugehen.

„Ich denke, ich kann mich dort sehr wohl fühlen“, sage ich zu meinem Teddy, der sich auf dem Sofa niedergelassen hat, das aus dem Transporter in das Wohn-\Arbeitszimmer geschafft worden ist. Er thront dort, wie in der alten Wohnung und sieht zufrieden aus. Jetzt habe ich mich erst einmal für einen Masterstudienplatz beworben, für Waldorfpädagogik. Das alleine sagt schon eine Menge aus. Ich bin bereit, noch einmal zu studieren.

„Ich denke schon“, erwidere ich auf das Brummen des Bären. „Alles hat Nachteile und Schwachpunkte. Ich erwarte nicht, dass ich diese Entscheidung nie in Zweifel ziehen werde. Ich erwarte nicht, dass ich in einem Jahr noch immer strahle und sage, Waldorfschulen seien das Beste auf dieser weiten Welt. Mir wird klar werden, dass sie Nachteile hat und ich werde jammern. Aber darum geht es nicht.“

Der Bär sieht mich fragend an.

„Es geht doch darum, dass mich fünf Wochen Praktikum so überzeugt haben, dass ich jetzt meine, ich müsste umziehen und noch einmal studieren. Es geht darum, dass  ich so viel Freude an der Vorstellung habe, dort zu unterrichten, dass ich diese Strapazen mir, meinen Mitmenschen und dem Teddy zutraue.“

Der Bär nickt widerstrebend. Er ist ein skeptischer Bär und noch immer etwas eingeschnappt, dass ich ihn umgesiedelt habe. Aber er wird sich schon wieder einkriegen, denke ich, und packe Kisten aus.

„Gute Idee“, sage ich zu ihm, als er wieder kritisch brummt. Um ihn aufzumuntern, tue ich so, als hätte er vorgeschlagen, Blogbeiträge über meine Erfahrungen mit Waldorfschulen zu schreiben. Weil die Schüler eben nicht alle nur ihren Namen tanzen.

„Motz nicht“, sage ich zum Bär. „Das wird schön.“

Der Bär zwingt sich ein Lächeln ab.

Aber als ich laute Musik anmache, während ich die Kisten auspacke, verschwindet seine griesgrämige Miene und er brummt behaglich. Er wird unser neues altes Zuhause auch lieben lernen.

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Rückkehr in die Heimat, die mir fremd geworden ist, obwohl sich nichts verändert hat

Ich möchte dieses Gefühl festhalten, solange es noch da ist. So viel Gefühl und Gedanken sind mir in letzer Zeit durch meine schweigenden Hände geflossen ins unwiderbringliche Vergessen. Kein Blog beitrag, weil es Stoff fürs Tagebuch war, aber auich das Tagebuch liegt ungeöffnet in einer Umzugskiste. An diese Epüoche meines Lebens werde ich mich nur erinnern können und es wird mir fremd werden. Unkonserviert in meinem Erinnern verblaßen und vergehen.

Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen in einer sehr kleinen Welt. Mit achzehn packte ich meine Sachen zusammen und zog für das Studium in die Stadt. 200 Kilometer weit weg. Mein Herz blieb zuhause. Dort singt das Land zu mir, schrieb ich in mein Tagebuch als ich melancholisch in einem Zug saß, der mich wieder zurück in die Stadt fuhr. Es ist still hier. Hin und wieder kommt ein Traktpor vorbei, die Vögel sind den ganzen Tag das lauteste, das man hört. Man grüßt sich auf der Straße, weil jeder jeden kennt und man es sich nicht leisten kann, es sich ernsthaft miteinander zu verderben. In dem Teil des Dorfes, in dem meine Eltern wohnen, leben viele alte Leute und ich habe das Gefühl die Erinnerungen an den Krieg und die Armut sitzt in den Häusern, in der Straße. Es ist nicht bedrückend. Die Häuser sind schön, keiner hungert. Aber ich habe das Gefühl, dass sich hier Erinnerungen besser halten als anderorts. Vielleicht weil man mehr miteinander spricht. Man steht auf der Straße und unterhält sich. Auf kleinem Raum ist das Leben generationsübergreifend.

Ich war fort. Jetzt kehre ich zurück. Mit Kisten und Ikeamöbel. Von meiner Stadtwohnung ist Ikea das nähste Möbelhaus überhaupt. Hier aber fährt man dreißig oder vierzig Minuten bis zum nächsten Ikea. Hier halten sich noch kleine Möbelhäuser. Ich komme wieder mit meinen Lebensgewohnheiten der Stadt und stelle fest, wie anders alles geworden ist, während sich nichts verändert hat. Aber das ist nicht nur das Dorf, das ist vermutlich die Irritation bei jeder Art von Rückkehr.

Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne das Dörfliche hier. Aber als Kind war es Normalität. Jetzt aber merke ich wie langsam das Internet ist, dass der nächste Laden zehn Minuten mit dem Auto entfernt ist, ich kenne zu vielen Familien viele Geschichten, grüße alle. Man kan nur schwer einen Bogen umeinander machen.

Ich bin herausgerissen aus der Anonymität meines Stadt-Lebens. Hier kennt mich jeder, kennt meine Eltern und Geschwister hat vermutlich auch mit meinen Großeltern gesprochen. Ich habe Geschichte, die ich nicht leugnen kann.

Nachdem ich sieben Jahre davon geträumt habe zurück zu kehren, frage ich mich nun, ob ich es hier aushalten werde. Ob ich mit Dorffesten leben kann, mit dem nächsten Theater eine Dreiviertelstunde Autofahrt.

Andererseits glaube ich, dass ich, wenn der Umzug fertig ist, wieder das Lied des Landes höre. Ich hoffe wieder mehr zu schreiben und zu lesen. Das Leben zu fühlen.

Ich habe die Fenster offen und höre  Vögel, keinen Autolärm und atme reine Luft und ruhe in mir.

 

 

Toleranz durch Fernsehen und Bücher

Das Leben ist im Umbruch. Meine Wohnung hat sich eine Landschaft aus Umzugskisten verwandelt. Im Dunklen erkenne es die Silhouette von New York in klein, Wolkenkratzer aus Kisten und Teekannen erheben sich aus tiefen Schluchten, in denen keinen Kisten stehen stehen, damit ich noch durch das Zimmer komme. Es fehlt nur noch eine Miniausgabe eines King Kongs, der sich von Kistenhochhaus zu Kistenhochhaus hangelt, das Radio erklimmt, das mich seit fast zwanzig Jahren begleitet und auf dem höchsten Punkt dieser abenteuerlichen Landschaft zu brüllen beginnt, über Bildern, Kisten, Ventilatoren, die nur darauf warten, verladen zu werden.

Es gab viel zu tun in den letzen Monaten, viele neue Eindrücke, aber keine Zeit und keinen Nerv es aufzuschreiben. Von daher wird dies hier vermutlich ein Beitrag mit vielen Gedanken und keinem roten Faden. Mal sehen, ich werde mich bemühen einen Erzählstrang zu finden, der Gedanken an Gedanke logisch aneinander reiht.

Als Einleitung nutze ich den Tod von Pierre Brice. Das erscheint mir ein guter Einstieg.

WINNETOU III (BRD, Jug., 65) Pierre Brice, Lex Barker / Karl May / Western (Winnetou 3)
WINNETOU III (BRD, Jug., 65) Pierre Brice, Lex Barker / Karl May / Western (Winnetou 3)

Also:

Pierre Brice ist tot. Das ist der Schauspieler, der Winnetou in den 60ern gespielt hat und ich befinde mich nun in Trauer. Das heißt, nicht richtig. Ich bin aus dem Groupie – Alter rausgewachsen. Aber ich sage augenzwinkert, dass ich in Trauer bin. Winnetou war in meiner Jugend mein Mentor, mein Idol. Inzwischen bin ich alt genug um Schauspieler und Rolle zu trennen. Der Verstand kann das ganz klar trennen. Aber dennoch hat mein Winnetou das Gesicht von Pierre Brice. (Auch wenn das nicht das Gesicht ist, das Karl May beschrieben hat. ) Und es war Pierre Brice, den ich angehimmelt habe, wie es nur Jugendliche können.

Der Tod brachte mich dazu, darüber nachzudenken, was Idole für Jugendliche sind. Wie es sich anfühlt, jugendlich zu sein. Aus dem Abstand von fast zehn Jahren. Mein jugendliches Ich würde dem jetzt natürlich widersprechen. Das ist so die Art von Jugendlichen. Aber ich vermute, dass es tatsächlich  Winnetou war, der mir, als ich hilflos zwischen den Wogen des Erwachsenwerdens hin und hergeworfen wurde, half mich zu orientieren. Karl May macht es einem sehr einfach. Er ist der „Lehrer seiner Leser“. Aber wenn man jung genug ist, merkt man nicht, was für eine naive, kindliche Weltsicht er predigt. Ich erinnere mich, dass ich mich gefreut habe, dass mir jemand die Welt erklärt. Als Jugendlicher möchte man nur wissen, wie die Welt funktioniert und man sucht sich Idole und Vorbilder.

Man sollte im Unterricht viel mehr auf die Idole der Jugendlichen eingehen und darüber sprechen, wer beeindruckt und wieso. Wir haben das so gut wie garnicht gemacht. Aber ich weiß, wie ich mich zu orientieren versuchte, wer ich sein möchte und was ich tun möchte. Ich orientierte mich an an dem, was mich umgab: fiktive Figuren aus Film und Buch. Aber das ist ja nichts Schlechtes. Vorbilder sind immer idealisiert und keine Figur ist so idealisiert wie eine fiktive Figur.

Ich denke, dass Jugendliche viel von Erzählungen geprägt werden. Denn auch das Leben eines Schauspielers ist eine Erzählung. Keiner kennt alle Facetten des Lebens von Julia Roberts. Nur Julia Roberts. Aber auch das Leben meiner Mutter ist für mich nur eine Erzählung, weil ich nicht alles kenne. Sie wird in meinem Kopf zu einem Menschen mit weniger Facetten als sie hat, weil ich sie nicht rund um die Uhr kenne.

Also Jugendliche werden von Erzählungen geprägt.

Aber Erwachsene auch. Weniger als doe Heranwachsenden, weil wir in uns gefestigter sind und wissen, was wir gut und was wir schlecht finden. Aber wir finden nur das gut, das wir kennen.

Neuer Gedanke, neuer Absatz.url

Ich schaue „Grey’s Anatomy“ und bei allem, was sich an dieser Serie kritisieren lässt, fällt mir positiv auf, dass es viele Frauen gibt, die Chirugen sind.  Mein erster Eindruck war: wie unrealistisch, dass es in diesem Krankenhaus so viele Frauen in wichtigen Positionen gibt. Aber dann kam mir, darum geht es. Es muss nicht realistisch sein. Aber wünschenswert.

Ich bin überzeugt, dass Frauen alle Berufe wie Männer machen können.  Aber es gibt unterbewusste Lernprozesse. Wenn mich immer Männer behandeln, ich im Krankenhaus nur männlichen Chirugen begegne, es Männer sind, die weiterempfohlen werden, dann werde ich skeptisch, wenn sich eine Frau hinstellt und sagt: „Ich operiere Sie jetzt.“

In „Grey’s Anatomy“ werden diese Vorurteile abgebaut. Ich weiß: das ist fiktiv. Ich weiß, so sieht die Realität nicht aus. Aber ich sehe Frauen, die operieren und Leben retten und plötzlich kommt mir es ganz natürlich vor, dass Frauen operieren. Filme (und natürlich auch Bücher) können Vorurteile abbauen. Denn auch wenn Erziehung nicht mehr das oberste Ziel ist und auch wenn es viel subtiler ist als in der Aufklärung, so freunden wir und doch mit den Figuren an, machen Sie manchmal unbemerkt zu unserer Familie. Wenn wir genug Zeit mit ihnen zubringen können Sie für uns realer werden, als unsere Nachbarn.

In „Grey’s Anatomy“ werden so Vorurteile gegen weibliche Chirugen abgebaut, aber auch gegen Homosexuelle und Transsexuelle, die überdurchschnittlich auftauchen und immer positiv dargestellt werden.

Natürlich ist die Macherin von „Grey’s Anatomy“ nicht die erste, die sichdurch eine Serie für Toleranz und so einsetzt. Gene Roddenberry hat das mit seinem „Star Trek“-Universum vielseitig vorgemacht. Aber als eingeschworener Star-Trek-Fan habe ich es bei Star Trek erwartet. Dass Serien grundsätzlich auch mit flachen Geschichten positiv prägen, war dagegen eine neue Erkenntnis.url2

Aber das machte mir die Serie „Orphan Black“, die ich auf jeden Fal empfehlen würde, schon wegen der grandiosen Hauptdarstellerin, noch symphatischer. Die Hauptfigur hat einen schwulen Bruder, der durch und durch eine positive Figur ist. Schwule hat man im Fernsehen gesehen. Aber jemand der so feminin schwul ist, wie Felix ohne zu einer Witzfigur zu verkommen, ich kann mich nicht erinnern so etwas gesehen zu haben. Ich finde das gut!

Ich finde Serien und Filme sollten darauf ausgelegt sei, Vorurteile abzubauen. Dass es dann Filmclips gibt wie diesen hier:

finde ich schrecklich!

(Ich werde nicht mehr dazu schreiben. Sonst rege ich mich furchtbar auf und benutze böse Wörter 😉 )

Da ich grade dabei bin, würde ich hier Werbung für diese Unterschriftenaktion machen:

 

https://www.campact.de/gleichstellung/appell/teihttps://www.campact.de/gleichstellung/appell/teilnehmen/?utm_term=inside-flow&utm_medium=recommendation&utm_campaign=%2Fgleichstellung%2Fappell&utm_source=rec-fb&utm_content=random-alnehmen/?utm_term=inside-flow&utm_medium=recommendation&utm_campaign=%2Fgleichstellung%2Fappell&utm_source=rec-fb&utm_content=random-a

 

So etwas mache ich eigentlich garnicht. Aber in diesem Fall bin ich mehr oder weniger persönlich betroffen und habe jemandem versprochen, dass ich ganz viel Werbung mache. 😉

Das war es jetzt für heute. Ich peppe das alles jetzt noch mit Bildern  auf, damit es nicht nur ein furchtbar langer Beitrag ist. 🙂

Vielen Dank, falls du bis hierhin gelesen hast und bis bald!

Schienen ins Nichts

IMG_8948Ich liebe den Verfall. Das wusste ich lange nicht. Aber inzwischen stelle ich fest, dass ich graue Gebäude, die da vermutlich seit den vierzigern stehen, ewig ansehen könnte. Bei Gebäuden, die halb abgerissen sind, tut es mir leid, keine Kamera zur Hand zu haben. Eisenbahnschienen mochte ich schon immer. Als Kind verrsprachen sie mir die Möglichkeit zu reisen. Auch wenn ich wirklich kein Mensch bin, der viel Fernweh hat,  mag ich noch immer das Versprechen, auf die Reise in die Welt. Oder eben in die Vergangenheit. Auf diesen Schienen ist schon lange kein Zug mehr gefahren. Sie kommen aus den Brombeerhecken und verschwindem im Wäldchen.

Ich freue mich, wenn es grün draußen wird, vielleicht schaffe ich es dann Fotos zu machen, die weniger einfarbig sind. Und vielleicht komme ich dann nicht total durchgefrohren wieder nachhause.

 

Im Radio gefunden

Durch meine Zeit im Unitheater hat mich die Frage, wie lange ein Autor tot ist und wann man die Stücke machen kann, ohne etwas zu bezahlen, schon beschäftigt. Vor Jahren hätte ich sehr gerne einen Curt Goetz Abend gemacht, es dann jedoch gelassen, weil es zu teuer geworden wäre.

Im Zuge der Unitheater-Erfahrungen hatte ich auch mitbekommen, wie schwierig es sein kann, Brecht zu inszenieren. Nicht nur, dass es teuer ist, auch weil man keine großen Freiheiten in der Inszenierung genießt.

Daher hat mich der Chanson sehr amüsiert.

Geschichten aus dem Abseits

Gestern habe ich „Gilpert Grape“ gesehen. Nicht zum ersten Mal. Aber zum ersten Mal seit Langem. Der Film aus den frühen Neunzigern erschien mir nicht alt, als ich ihn zuletzt gesehen habe, auch wenn er damals sicher auch schon alt war. Aber das Gefühl einen „Klassiker“ zu sehen, der in einer Zeit spielt, die längst versunken ist, ist neu. Ich mag den Film, wie ich „Benny und Joon“ mag, der ebenfalls inzwischen in einer fremden Zeit spielt. Beide Filme sind mit Johnny Depp, wie sich trefflich bemerken lässt, aber das ist nicht der Grund, wieso  mich beide Filme faszinieren. Mich fasziniert das Leben neben dem Normalen. Die Schönheit des Abseits. Mein erstes Stück, das ich inszeniert habe, war Koffkas „Kain“. Kain, der am Ende seinen Bruder Abel erschlägt. Von beiden Brüdern habe ich von Beginn an die Figur des Kain geliebt. Das ist so geblieben. Ich erzähle Geschichten über Personen im Abseits und ich liebe Geschichten über solche Menschen, wenn der Autor, der Regisseur, der Schauspieler, sie nur geliebt haben.

Aus diesem Grund gehört John Irving zu meinen Lieblingsautoren. Er schreibt immer über das Abseits. Seine Figuren sind anders und dadurch liebenswert. Ich habe grade eine neuerliche Reise durch „Hotel New Hampshire“ beendet und bin noch ganz erfüllt von den Figuren, die ohne Frage im Abseits stehen, manche sogar im abseits des abseits und dort eine ungeheure Stärke entwickeln.

Das machen Figuren aus dem Abseits, sie entwickeln Stärke, die nur der Erzähler, sei es der Autor oder die Kamera, ihnen entlocken kann und oft geht es mit einer großen Lebensbejahung einher.

Liebeserklärung an den Frühling III

Es riecht nach etwas, das Frühling werden könnte und das Leben kehrt zurück. (Wie die Liebesgeständnisse an diese Momente.) Mehr als andere Menschen – so mein Eindruck – krieche ich, wenn der Frühling anklopft, aus einem Konkon und betrachte mich, das Leben und die Zukunft ganz neu. Ich sitze am offenren Fenster, hungrig nach Leben. Als sei ich eben erst zur Welt gekommen unde bereit nun alles zu erfahren und auszuprobieren.

 

Auf der Suche

Es ist viel passiert und fast nichts. Ich bin verschwunden in einem Loch der Selbstfindung. Wochen kamen und gingen unbemerkt und ich versuchte heraus zu finden, womit ich jetzt, nach meinem abgeschlossenem Studium, mein Geld verdienen möchte. Ich war am Theater, im Kindergarten in der Schule und weiß nun, dass ich ans Theater möchte. Mehr als alles andere, möchte ich Schönheiten genießen, die das Theater bietet. Stühle in leeren Räumen, bedeutungsschwere Blicke, Stille und Lärm. Erstmals glaube ich einen Raum gefunden zu haben, in dem ich unbeschwert atmen kann. Aufgaben, für die es sich lohnt aufzustehen und auch nebenher etwas dafür zu tun. Es sind diese Dinge, die ich immer gemacht habe, nur normalerweise nebenher.

Soweit so gut. Erkenntnis gesammelt.

Ich möchte mich mit der Fotographie versuchen. Das ist für das Filme machen (auch ein Hobby, das ich liebe wie das Leben selbst) sehr gut – habe ich gelesen. Kurz vor  Weihnachten bin ich mit einer Kamera bewaffnet in einem leerstehenden Haus auf dem Boden herumgerutscht um Fotos der Vergänglichkeit zu machen. IMG_8457

Besonders viel Mühe habe ich in das etwas morbide Foto der toten Hummel mit dem toten Schmetterling gesteckt. Es gibt ca. 10 Fotos – mal ist die Hummel allein schwarf, dann das Netz, dann Schmetterling und Hummel und dafür sieht man nichts vom Netz.

Später habe ich meine Schwester vor die Linse gesetzt. Es sind mit ihr mehr gute Fotos entstanden, als ohne sie. Das kann daran liegen, dass ich besser Menschen als tote Hummeln fotographiere oder aber natürlich an ihr. =)

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Wenn ich die Fotographie fest in mein Leben integriert habe, werde ich mit der Bearbeitung von Fotos  beginnen. Bisher sind sie noch – sichtlich – unbearbeitet.

Verliebt in die Kunst, weiß ich noch nicht, wie sie sein sollte, dass ich sie liebe. Wieviel Kitsch, wieviel Tod, wieviel Metapher, wieviel fassbar, wieviel unverständlich? Ich schreibe an etwas, das ein Roman werden wird. Aber was für einer – für Erwachsene? für Jugendliche? für niemanden? – das ist mir noch nicht ganz klar. Ich beobachte fasziniert, was meine Finger tippen, lese es durch und denke „aha. das habe ich geschrieben?“, manchmal voller Ehrfurcht, manchmal mit einem gewissen Widerwillen.

Ich schneide an dem Film (nochmal der link zu dem Film-Blog: http://3pistazien.wordpress.com/about/) und auch hier frage ich mich, was für Filme ich gerne machen möchte. Welchre Stil liegt mir denn? Unterhaltung nicht so. Soweit bin ich. Was ein Horrorfilmn werden sollte, mutet nun ein wenig oder ein wenig mehr wie ein Kunstfilm an.

Daher die Aussage. Es hat sich viel getan und doch nichts. Ich stehe noch immer hier, schaffe Dinge und suche, was mir gefällt, suche Arbeit und einen Platz, an den ich passe.

 

 

Wer ist die Fremde im Spiegel?

Aus dem Spiegel sieht mir jemand entgegen, der fremd und vertraut gleichzeitig ist. Die Haare meistens im Pferdeschwanz wie die ganzen Jahre zuvor. In einem Star-Trek-T-Shirt und sehr pragmatischen Jeans, Socken mit roten Punkten auf weißem Untergrund, an den Ohren baumeln Erdbeeren oder Sterne. Um den Hals trage ich die Fliegenpilzkette. Alles vertraut, alles geliebt. Aber plötzlich habe ich das Gefühl, dass ich das nicht mehr bin. Wobei „plötzlich“ das falsche Wort. „Plötzlich“ ist ein Prozess der sich seit Jahren abzeichnet. Ich bezeichne mich nicht mehr als Jugendliche – wie kann ich auch mit Mitte 20? Ich hänge Bilder ab, die ich vor Jahren  liebevoll aufgehängt habe. Mit anfang 20 wollte ich nichts weniger als eine „Spießerwohnung“. Ich wollte Farbe und Fotos. Vor einem halben Jahr habe ich die Collage in dem Flur, die ich unbedingt aufhängen wollte, abgehängt. Jetzt hängt da ein Blumengemälde. Unsere Wohnung ist chaotisch dekoriert. Ich möchtenun gezielt einrichten. Aber die „Spießerwohnung“, die ich mir grade einzurichten versuche, bezeichne ich nun als „Angemessen Einrichtung.“ Ohne Verachtung in meiner Stimme. Die Fremde im Spiegel sieht aus wie Anfang zwanzig, lebt in einer Wohnung von jungen Studenten, während ich fasziniert feststelle, dass ich Verhaltensweisen an den Tag lege, die neu und vertraut sind. Ich kümmere mich liebevoll um den Haushalt, beginne Bahnen zu definieren, in denen ich leben möchte. Entscheidungen werden anders gefällt als früher. Allem haftet ein bisschen mehr Entgültigkeit an. Zu Anfang des Allein-Lebens ging es darum, sich alles anzusehen. Das Vertraute war langweilig. Jedes Müsli wurde durchprobiert, jedes Waschmittel mal versucht. Hauptsache neu. Jetzt möchte ich das bewährte und entscheide mich aktiv für ein Waschmittel von dem ich irgendwie annehme, dass ich es mein restliches Leben nutzen werde. Ich sage „Dazu bin ich zu alt.“ Hätte ich mit 20 gewusst, dass es keine fünf Jahre dauert, bis ich lieber Blaiser als Kapus trage, lieber silberne Stecker als bunte Erdbeeren, Einkaufslisten habe, die immer gleich aussehen, ich wäre sehr traurig geworden. Aber jetzt fühlt es sich nur richtig an. Mit 15 oder 16 nimmt man an, man bliebe immer der, der man ist und nur die Welt zwingt einen, sich zu ändern. Ich hatte Pläne wo ich sein wollte, wie ich sein wollte. Noch immer gegen alles, noch immer in zerrissenen Jeans. Ich war sehr stolz darauf, wer ich war. Aber jetzt ist mir mein jugendliches Gehabe fremd. Und auch manche meiner Ideen zu Welt, die ich mit 20 hatte. Ich bin mir aber nicht fremd geworden. Ich freue mich über ein neues Haushaltsgerät, träume von einer eigenen Küche und einem Haus, weil ich dem Jung-Sein entwachsen bin. Freunde, denen ich sage: dazu bin ich zu alt, erwidern, dass man nur so alt ist, wie man sich fühlt. Sie verstehen: „Ich kann das nicht machen, die Leute würden gucken.“ Aber eigentlich sage ich: „Das passt nicht mehr zu mir.“ Ohne dass ich ganz genau erklären kann, was sich geändert hat. Aber es wäre schrecklich für mich, jetzt vorgeben zu müssen, noch immer das selbe zu denken und zu fühlen, wie mit Anfang 20. Diese Erkenntnis finde ich tröstlich, weil das Leben damit nicht ein Prozess von Selbstaufgabe ist, wie man als Kind denkt. In dem man der Reihe nach das tagelang spielen, das nächtelang lesen, die Abenteuerlust aufgibt. sondern man verändert sich schlichtweg ein wenig, immer weiter. Einen Teil seiner Jugend zu bewahren ist gut. Aber nicht krampfhaft.  Und wenn der nächste Abschnitt zu Ende geht, bin ich überzeugt, dass ich das, was jetzt neu im Spiegel ist, sicher auch frohen Herzens los lassen kann.